Dranmor VIII,1c

(Aventiure)

Nur noch eine Viertelstunde, bettele ich. Ich müsse mich stärken. Der Blinde und der Taubstumme sagen nicht nein. Ich lade sie ein, sage ich, sie könnten das doch nicht abschlagen. Das können sie nicht, denn alle für einen, so der Blinde. Und: nichts gegen die Alpenbitter am Morgen. Sie seien nur etwas geschwätzig, wie man mich warnte. Ich solle mich setzen, dorthin auf die Remittenden. Sie müssten nebenher Zeitschriften einräumen.

So früh sei ich noch nie dagewesen. Ich übergehe diese Bemerkung. Der eine würde meine Antwort nicht verstehen, der andere nicht die Zusammenhänge. Die Tage werden länger, sagt man, sage ich. Dann: Ich versuche die Tage zu verkürzen, um den Schlaf wieder in die Nacht zu justieren. Ob ich schlecht schlafe? Nein, sehr gut, eigentlich. Aber viel zu wenig. Ich fände ihn selten. Er findet mich am Tag, manchmal, an den unüblichsten Stellen und möchte gepflegt werden.

Der eine nickt, der andere befüllt die Plastiktasche. Klirren. Ob ich anschreiben lassen könne? Das müsse ich den Kollegen fragen, lacht der Blinde. Dem Stummen muss ich es bedeuten. Bis morgen, grüsst der Blinde. Der Stumme seufzt mit den Schultern. Sie sperren den Kiosk wieder hinter mir zu.

Bald wird es hell werden, und da draussen die Vögel in tönerne Pfeifen blasen. Die wenigen, die sich noch hierher verirrten und so tun, als wären sie viele, die sich nur versteckten. Ich vermute sie im Dickicht der Bäume. Im Treppenhaus ist es angenehm kühl. Das Glas sollte bald abgeführt werden, wenn ich meine Wohnung weiterhin erreichen möchte. Das Glas vor der Türe zum Keller und unter das Dach dagegen ist ein hilfreicher Wall und kann möglicherweise die Ausbreitung des Schwamms, wenn schon nicht stoppen, so vielleicht doch etwas verlangsamen. Ein Windhauch zieht durch das Treppenhaus und bricht sich an Flaschenhälsen, legt sich wie ein Teppich über die Stufen und dämpft einen minderen Akkord. Und auch das Quacken und Rumoren, das Schmatzen aus der Tiefe wird dadurch übertönt. Ebenso eine Art Angst, dass dort unten vielleicht ein Labor entstanden sei, in dem sich fremde Gegenstände selbst und einander behandelten. Was würden sie am Ende sein?

Auf dem letzten Absatz stolpere ich, eine Flasche fällt um und löst einen Dominoeffekt aus. Einen Rutsch oder Abgang, der das Treppenhaus in lautem Getöse zum Gleiten bringt. Flüssigkeiten schwappen. Ein Plätschern, das sich in eine Sturzbachsonate auswächst. Zum grossen Finale rette ich mich in die Wohnung, zu den fleckigen Wänden, Papierkugeln, anderem Geknüllten, wieder Glattzustreichenden, bevor es zerkleinert und zu handlichen Paketen gebündelt würde. An den Ecken: Risse und Fetzen.

Das Schwappen und das Ächzen. Immer vermutet und zu recht: die undichte Stelle im Bad, gleich über der eingelassenen Leiste des Duschvorhangs, plant Schlimmes. Würde nachgeben. Würde einen Durchbruch zulassen. Zu erwarten: Staub und Fetzen unversiegelter Raufasertapeten, Spuren krümelnden Gipses. Es fällt in Zeitlupe in die Wanne und färbt eine sich bildende Pfütze erst gelb, dann grün, ein intensives Orange, endlich. Farbenfroher Schmutz, der sich am Wannenrand ablagern wird. Schwer zu beseitigen, dachte ich.

Jetzt tropft es unverschämt und schleimt und bildet beim Auftreffen in der Wanne eine wabernde, gallige Masse mit grosser Leuchtkraft. Oszillierendes Salamanderwerk. Ein Amphibienwesen entsteht und bleckt eine gespaltene Zunge. Ist heute schon die feindliche Übernahme?

Ich bin über die Potenz des Wesens überrascht und entferne mich rücklings in die Küche. Immer weniger Raum in der Küche und im Wohnzimmer. Knapper Raum, denn die Dinge müssen evakuiert werden. Bald von hier, bald nach da, auch wenn es Zeit benötigen würde, bis sie sich wieder an Ort und Stelle fühlten. Ein Interim nur. Eine kleine Umschichtung. Aber man muss ihnen auch dort ein Gefühl der Sicherheit geben. Und irgendwann ist die brüchige Ecke zu stabilisieren. Der Anfang der Veränderung, die hart daran ist, mir ein weiteres Zimmer zu nehmen.

Unablässig tropft der Wasserhahn über der Badewanne, höre ich durch den Flur. Und Tropfen, die sich genüsslich mit dem Wesen vereinigen. War da schon Leben? Oder war es doch etwas anderes? Ein Salamanderpilz, hatte der Stumme gefragt? Ein langsam schlurfender, nein, schlürfender Schleimpilz, gemutmasst. Nein: Pass auf! Beobachte es! Dann der Taubstumme, nachdem ich ihnen die Genese schilderte. Mit Hexenbutter sei nicht zu spassen. Das werde tatsächlich zum Tier. Das bewege sich und schwimme, wenn es darauf ankomme. So ein Ding hätte es schon über die Aare geschafft.

Hitze- und Dampfentwicklung im Bad: dicke Luft und stinkende Gase drängen sich unter der Schwelle.

Man müsse sofort handeln, wolle man hier noch eine Weile bleiben, mein Freund. Aber: Was tun? Wer opferte sich? Wer hat den Mut? Ich! Ich! Nein, ich! So, aus der Tasche, der Packung, die lustigen Alpenbitter, die immer noch rotwangig Schmauchenden. Sie flüstern hinter vorgehaltener Hand. Wir können dir helfen! Wir werden alles tun, was du uns befiehlst, Meister! Vertrau uns, nur Mut!

Diese mutigen Kerlchen. Ihr Opferwille rührt mich. Ich flüstere zurück: man würde ja selbst gerne dagegen angehen, aber, wie sie sähen, man müsse, ich schaue mich um, den Papierhaufen hier bewachen. Und das Altglas entsorgen. Und den Müll. Ja, man sei für die Sorgen zuständig, hier im Hause. Ich greife nach dem mittleren Bitter, demjenigen, der am lautesten geschrieen hatte. Stürze mit ihm an die Badezimmertüre.

Auf in die Schlacht, schreit er, und: ein paar Tropfen an die Schwelle genügten. Ich träufle bis Rauch und Gestank sich schreiend ins Innere zurückziehen, öffne entschlossen die Türe, vor der Brust die Flasche mit dem tapferen Appenzeller. Der bewehrte Anblick muss erschreckend sein. Die blubbernde Masse in der Wanne beginnt sich eilig zu verflechten und zu verkrusten, träge vor Erstaunen über den geleisteten Widerstand. Ich leere die ganze Flasche hinein.

Es zischt. Es löst sich auf. Es bildet Phasen und seltene Farben aus. Ein Teil der nun schwefelnden Lache verzieht sich wieder nach oben durch den Wandbruch. Dorthin, wo es herkam. Fluchend. Für den Kopf ist es zu spät. Er zerfällt unter lautem Getöse zu Staub und fliesst aufgescheucht durch den Ausguss ab. Zurück bleibt eine einzelne Seite. Nach Verzug des Rauches sind bald Wörter und ganze Sätze darauf erkennbar. Sätze in meiner Handschrift. Ich muss die Augen zusammenkneifen. Es ist eine Abschrift aus dem Vorwort zur dritten Auflage der Gesammelten Dichtungen. Ich lese



»Nicht immer geben die Schriftsteller ihr

Bestes in ihren Werken aus.«

Man möge dieses einem Litterarhistoriker ersten Ranges entnommene Motto, indem es meine Schriften begleitet, nicht so verstehen, als ob ich Besseres noch ausgeben könnte. Manches von uns Erdachte gelangt nie zur Gestaltung. Ohne Verheißungen, ohne selbstgefälligen Kommentar, nur mit meinem wiederholt dargebrachten Danke und mit einigen bestgemeinten Erklärungen will ich den längst in mir regen Wunsch, mich dem Kreise meiner Leser zu nähern, endlich zu verwirklichen suchen.

Berechtigte Stimmen haben tadelnd hervorgehoben, daß meine poetischen Arbeiten einem Torso, einer unvollendeten Säule vergleichbar seien. Zur Entschuldigung dieses Uebelstandes diene nun folgendes:

An einem großen Programm, an Stoffen und Entwürfen hat es mir nicht gefehlt. Leider lag zwischen Wollen und Vollbringen eine brückenlose Kluft. Mit jedem neu erwachenden Morgen warfen mich gebieterische Pflichten aus Träumereien zurück in den Kampf um materielle Interessen. Dergestalt ist die vielgepriesene »Seligkeit dichterischen Schaffens«

nicht oft über mich gekommen.

Dann bricht sie ab.

Hoffnungslose Romanze

oder: Was wirklich geschah

Sie waren sich seit Jahren schon bekannt.

Und aßen in derselbigen Kantine.

Sie reichten sich wie immer ihre Hand.

Und er war eigentlich mit der Blondine.

Sie waren weltanschaulich auseinander.

Und – trotzdem – beide spürten es sofort.

Für sie war er der erste echte Mann, der

Ganz Einheit war mit jedem seinem Wort.

Und er fand sie so ungewöhnlich mutig.

So widerspenstig, frech und klug und schlau.

Und nicht wie sonst so ausgesprochen putig.

Sie war – für ihn – ein Traum in Dunkelblau.

So standen sie und sagten ihre Worte

Und waren innerlich doch so entflammt

Und träumten sich an weit entfernte Orte

ans Meer gemeinsam Hand in Hand am Strand.

Und steckten doch in den gewohnten Hüllen

Und blieben selbstverständlich sehr formell

Und konnten ihre Liebe nicht erfüllen.

Es war ja schließlich ihr TV-Duell.

taz > (GROa)

Bow of exile

Tu lascerai ogne cosa diletta

più caramente; e questo è quello strale

che l’arco de lo essilio pria saetta.  57

Tu proverai sì come sa di sale

lo pane altrui, e come è duro calle

lo scendere e ‘l salir per l’altrui scale. 

You shall leave everything you love most dearly:

this is the arrow that the bow of exile

shoots first. You are to know the bitter taste 57

of others’ bread, how salt it is, and know

how hard a path it is for one who goes

descending and ascending others’ stairs.

Dante, Commedia, Cantica III, Canto xvii (qua dante online)

erzählen (analog / dialog)

i.

der gehilfe ist dazu da, zahlen zu notieren. zur ausübung seiner tätigkeit benötigt er platz und versperrt dabei den weg zum tisch auf dem eine wasserflasche steht. daraufhin wird er zusätzlich mit der aufgabe betraut, wasser auszuschenken. natürlich macht er sich mit dieser leistung weiter unentbehrlich. nun schon zweimal. bald dreimal. bald viermal. bald hat der gehilfe helfer und ist für deren leitung zuständig. und das berichtwesen.

ii.

viele behaupteten es vorher. aber erst als r. die übereinstimmung bemerkte, besser gesagt, die symmetrie zwischen der spannweite des mächtigen kriegsadlers auf seinem steinernen sockel, aus der perspektive der liegenden im park, und dahinter, dem ins dunkel ragenden kran, deren paralleles sichanschmiegen an den nachthimmel, wurde bedeutungsweise klar, dass kunst sich nicht nur nach dem leben richtete, sondern das leben immer auch nach der kunst, dass also eine politische aussage vor allem eine ästhetische war.

iii.

sie: was das denn heissen solle: das sei eine historische und keine phantastische sicht? was ich denn da erzähle? und was das mit den karten zu tun hätte? ich: aber! vor dir auf dem tisch stehen drei berge mit münzen. die bank, das ist der zettel mit den spalten und langen zahlen, spricht von schulden in grosser höhe. das phantastische: die überschätzung des materiellen, des real vorhandenen, des sicht- und greifbaren in form der münzen, steht für dich gegen das abstrakte, den geschriebenen zahlen, der letztendlichen bilanz. das phantastische ist also das nicht-buchbare. das historische dagegen berücksichtigt die bilanz mit all seinen unsichtbaren posten. der eigentliche, der historische realismus aber vernachlässigt, dass nur mit münzen gespielt werden kann. sie: das historische wäre dann eine erweiterte spielart des phantastischen. ich: das historische ist das eigentlich phantastische. du gibst.

iv.

über den zuverlässigen erzähler. die frage nach der zuverlässigkeit des erzählers führt direkt zu der frage nach der zuverlässigkeit der sprache. damit: dem geborgensein in den wörtern.

es gibt kein realistisches oder unrealistisches erzählen, sondern nur potentiale, die von lesern ausgeschöpft werden oder nicht. und potentiale der sprache, die von einer glücklichen oder unglücklichen hand erzeugt und arrangiert wurden oder nicht. und es gibt den geschmack. so viele geschmäcker, wie es realitäten gibt. und zufälle der übereinstimmung. aber der schlechte geschmack?

Augen / Akten

(…) Aber mit jedem Augenaufschlag schwappt doch ein riesiger Schwall Welt in mich hinein, versuche ich entgegenzusetzen. Ich müsste die Augen Tag und Nacht geschlossen halten und mir die Hörgänge zustopfen, wollte ich der Welt mit einiger Wirksamkeit entrinnen. Die Ankläger klappen meine Akte zu und zucken verständnislos mit den Schultern. (…)

(Anne Weber: In Schreiben steckt ein Schrei. S.24 – in: Maier, Andreas. – Mainzer Poetik-Dozentur 2003 : [Vorträge im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Poetikdozentur” in der Johann Gutenberg-Universität Mainz“>)

Die stärkste Prosa dieses Jahres bis jetzt steckt in Anne Webers Gold im Mund!