sorgenbrust

zu den sorgen in der brust

ist fast alles gesagt

es sei das ende der sinnfreien zeit

saure milch

teig auf dem weg zum herzen

zwei atue gesogen

nicht gepresst

hämorrhoiden heilen

dammbrüche heilen

sitzbäder und

kein wort davon

in der odyssee

keines in irgendwelchen komödien

göttlicher subtext aber

jeder konfession

kühlt sie mit eis

Warum immer der Akt der Zeugung, die Akte der Lust besungen wird? Das Drama der Postproduktion ist viel realer!

Dranmor IV,1g

(Das ginge doch)

Heute sei ein guter Tag. Und: Das sei doch etwas. Das wäre doch gar nicht so schlecht, was ich geschickt hätte. Als Entwurf betrachtet, selbstverständlich. Für den Anfang. Da merke man ja richtig, da habe sich einer Gedanken gemacht, so Roman in der Antwort. Und was die Kritik anginge, die Selbstkritik, die die Kritik ja vorwegnehme, die immer auch ein Bestandteil der Kritik wäre, wenn nicht sogar der wichtigste: Die könne gar nicht genug, gar nicht zu eng oder weitläufig, gar nicht zu allgemein oder präzise sein. Sie müsse tatsächlich eine fast Medizinische sein.

Ich habe das schön geschildert, man müsse überall genau hinschauen. Alles abklopfen, sozusagen. Das sei ja über weite Strecken geschehen, am ganzen Textkörper entlang, der freilich nur als Entwurf oder Idee behandelt werden sollte, so Roman. Auch er habe im Anhang eine Kostprobe seiner Idee bereitgestellt: Ein Dialog, nicht überzubewerten und erst im Anfangsstadium, nur, um es einmal zu nennen – aber zurück zu Loipenblut. Es sei im Kern der eigentlich bessere Entwurf. Nicht unbedingt als Idee, aber als Entwurf. Sprachlich interessant, so gleichgültig, der Ansatz, finde Roman, dass eigentlich ein kleines Lob im Rahmen einer gehörigen Kritik, vor allem als Komplementär durchaus nicht schaden könne: Dass er es natürlich als Anspielung auf ein Dranmorleben, gar ein Dranmorschreiben lesen würde, sei mir hoffentlich klar, nachdem ich wohl immer noch damit beschäftigt sei, Material für den Wettbewerb zu sammeln. Dass er auch die Verarbeitung des Menschenfressermotivs nach Hans Staden, das sei ja offensichtlich, nicht übersehen habe. Diese Brasilienerfahrung, man sollte sie aber noch etwas mehr betonen. Aber die Figur des Menschen im Kessel – wo hat er das denn gelesen? – jenes erzählende Ich im feuerheissen Wasser, der Kampf um das Selbst – wo hat er das denn gelesen? –, ja, und das Fass und das ganze Wasser, Fruchtwasser, Feuerwasser, – wo hat er das denn gelesen? – sehe er schon, so Roman. Ein wirklich interessanter Ansatz, nur: Eben nur ein Ansatz, oder besser gesagt: Entwurf. Man müsse da schon etwas mehr hineinlegen. Die Länge. Und der viele Schnee. Müsse es nicht Sand oder Urwald sein? Der Verlust. Das Verschwinden der Leute. Die Entgrenzungen. Eine Gegengeburt: Wie viele Zeichen es denn seien? Wieviele Tropfen? Wer, was ich denn denke, der Disla sei. Ein Gott? Ein Ich? Dranmor? Oder nur ein schlechter Witz? Aber: Das werde schon, das werde schon. Ich hätte ja noch etwas Zeit.

Ob ich bald wieder zur Arbeit gehe? Man vermisse mich doch sicherlich. Ob es in meiner Wohnung auch so kalt sei? Ob ich einen angenehmen Jahreswechsel gehabt habe? Man könne sich ja mal wieder treffen, wie er denke, und solche Dinge bei einem Glas Wein … Telefonisch sei es bei ihm zur Zeit ganz schlecht. Er würde mir ja gerne seine Nummer geben. Aber: Etwas sei nicht in Ordnung. Etwas sei kaputt. Ja, wie seltsam, sowohl zu Hause, als auch auf der Arbeit. Er lasse das wieder richten und bei Gelegenheit erfahre ich dann auch die Nummer. Aber postalisch. Aber per E-Mail sei es ja auch kein Problem. Nun, man halte sich auf dem Laufenden. Ein mögliches Treffen von uns könne vielleicht schon nächste oder übernächste Woche in Aussicht gestellt werden. Mein Gott, es sei ja schon bald Februar, wie die Zeit vergehe. Er wünsche mir alles Gute. Und so weiter.

Das ist etwas. Da ist ein Daumen, der sich langsam beruhigt. Da ist eine Wohnung, die sich heizt, die sich mit der Hitze des Daumens, der ganzen Hand langsam füllt. Da ist der nur noch kleine Schmerz dieser Schreibhand, aus dem seltsame Dinge strömen. Der sich entwickelt und entbindet oder fallen lässt. Der sich entspannt. Da ist ein Wochenanfang in Sicht. Ich werde wieder zur Arbeit gehen. Wieder arbeiten müssen, um weiter dort arbeiten zu können. Schnelle Woche des Broterwerbs, es muss zu schaffen sein. Uneigentlich Arbeitenkönnen: an dem was als Arbeit bezeichnet wurde, was Roman vielleicht mit Feuer meinte. Ein unglücklicher Ausdruck: Das Selbst. Zudem ist ein Blick in diesen unglücklichen Band zu werfen. Vielleicht schon am kommenden Mittwoch. Ein paar Strophen lesen: Strophen lesen. Ich lege einen Fetzen Papier auf die entsprechende Seite. Einhundertsechs. Und vielleicht verstehen, was mit trauernden Wolken über den Wäldern gemeint ist. Was mit dem grauen Nebel auf dem See. Der grünen Halde. Man konnte ja alles missverstehen. Man konnte ja alles verstehen, wie man nur wollte. Sich stur stellen und sagen: so sei es aber. Und irgendwann ist es dann so. Irgendwann, wenn nur hartnäckig genug daran geglaubt würde. Eine Loipe ist dann eine Spur. Doppelspur. Ein Weg. Ein Zeichen einer Fahrt. Eine Andeutung einer Odyssee. Eines Lebens. Eines Verschwindens. Vielleicht eines Gefressenwordenseins. Eine Geschichte um ein paar Tropfen Blut.

Die Sache ist in Fahrt. Läuft. Man müsste sich darüber Gedanken machen, was passieren wird. Jetzt, hier, nach diesem Entwurf. Das liegt in meiner Hand. Man müsste einen Fall konstruieren. Einen Fall, der gelöst werden möchte. Zwei Spuren würde es geben. Und: Es ist noch etwas Zeit.

Augenmass

Augenmass – Wortwechsel zweier Herausgeber. In: Libernensis 01/2005, S. 20f.

(…) Wie Sie sehen – wie Sie nicht sehen, bin ich also nicht da. Das liegt nicht nur daran, dass ich heute keine Zeit habe, aber das hatte ich Ihnen gegenüber ja schon mehrfach betont, wenn Sie sich vielleicht erinnern.

Ich sehe es aber unter anderem auch als meine Aufgabe an, Sie zu einer eigenen Entscheidungsmenge anzuregen. Ich sage Ihnen: Sie müssen auch herausgeben können. Herausgeben- können heisst immer auch Loslassenkönnen (…)

(15.6.05: nun auch online, S. 20f.)

Dranmor IV,1e

(Wilde Wehen)

Das kommt dabei heraus. Das kommt dabei heraus, wenn man sich nicht vorbereitet hat, wenn man denkt, einfach mal nur so eine zweite Zeugung anzustreben, zum Stift zu greifen und ins Blinde zu faseln. Das dann, wenn man es noch einmal genau besieht, keine eigentliche Produktion ist, viel mehr eine Menschenfresserei aus sich selbst. Debe mara pa! Und das dann: Die Ausscheidung. Ein dürres Häufchen Zeichen, das zu keiner Ordnung gehört. Ein pilziges Gewimmer, das Trauer bereitet. Ein Nicht-Text. Ein Zuviel der Aufregung. Eine Nichterwähnenswürdigkeit. Eine Missgeburt – nicht überlebensfähig. Wahrscheinlich. Vielleicht.

Aber was nutzt ein Vielleicht, wenn man es nur vielleicht sagen kann? Wenn es nur vielleicht so ist, nicht so erkennbar, wenn es ganz anders wäre, wenn man es noch einmal genau besehen müsste. Etwas ganz einfaches, das man sich viel schwieriger ausgedacht hatte, richtig ausgeheckt hatte. Gemalt hatte, gepresst hatte, gedrückt, in eine Badewanne (der Spiegel sollte auch mal wieder …), ins Blaue, ins Ungefähre hinein. Etwas, das man nach zwei Flaschen Wein gut und konkret gedacht hatte, und jetzt, genauer betrachtet, bei Licht sozusagen, jetzt wird festgestellt, es ist vielleicht etwas ganz anderes, und damit nichts wert!

Man möchte es ja nicht mehr anschauen. Diese Sauerei. Dieses Werkchen. Dieses Textchen, in dem er noch nicht einmal vorkam. Mit ihm gar nichts zu tun hat. Nicht einmal im entferntesten. Vielleicht das Debe mara pa: ja, vielleicht war er ein Menschenfresser, oder Opfer eines Menschenfressers, oder Vielfrass, oder einfach nur ein Spatienfresser und schlechter Verdauer. Schlecht konstruiert! Vergessen wir das! Unbrauchbar.

Man möchte es ja nicht mehr anschauen. Ich möchte mich mit diesem Kopf gar nicht mehr an die Entzifferung dieser traurigen Zeichenfolge machen. Es muss, es sollte schon anders sein. Es sollte schon etwas geordneter zugehen. Es hilft ja nichts, geradezu ins Blaue, ins Wilde zu fabulieren. Irgendeinen Phantomschmerz, irgendeinen Daumenschmerz an einer anderen Stelle, in einen fruchtbaren Bauch hinein, über ein Blatt Papier auszuleben, auf ein Blatt Papier zu kompensieren, irgendeinem vermeintlichen Druck nach zwei Flaschen Wein und dem ganzen Korn nachzugeben und es irgendwo hinzurotzen und zuzusehen wie es wird, und mehr. Es hilft nicht! Was hilft? Wer hilft? Wer kann da noch helfen? Andererseits: Es muss eben auch nicht alles mit Dranmor zu tun haben, oder?

Ich bin nun wir, das hört sich besser an. Wir rekonstruieren: Wir setzen uns eine lustige, weisse Mütze auf, und fangen noch einmal von vorne an:

Das Erdbeben morgens um Vier, die Krähe, ich mache mir Notizen, ich beobachte mich mit meinem dicken Bauch, und es zieht und es ist nichts und ich frage und man sagt, es sei nichts, noch nicht, und ich nehme ein Bad, und der Fleck über dem Fenster ist vielleicht ein paar Zentimeter grösser und ein bisschen dunkler geworden, aber es ist nichts. Und ich lege mich wieder ins Bett, und die Blase platzt. Einfach so, als ob nichts sei. Und man macht sich ans Werk. Die Entleerungen: Oben. Unten. Hinten. Vorne. Die Konsistenzen: Flüssig. Fest. Flüssig. Fest. Dann wieder Hunger. Dann das Loch und ein Riss. Dann wieder nichts.

Dann zur Nachuntersuchung. Wir nennen es Kritik. Fast eine Besichtigung. Drei Leute, eine Besuchergruppe Lernender, die daran rummachen darf und raunt. Raunen um die Therme herum: Raunen. War das etwa Ihr zweiter Versuch?

Was will er auch tun? Ist es überhaupt ein Er? Inaugenscheinnahme nenne man so etwas. Er weint, aber was will er auch machen: kein Grund zum Greinen; es ist die Beste aller Welten. Das wird er schon noch merken. Ich mache nichts als Notizen. Beobachte das Raunen. Beobachte mich und wie ich beobachtet werde. Das Niesen. Normal – muss ja alles raus. Das trinken ging gut? Ja? Es säuft. Er säuft schon. Wenn Sie ihn bitte hierhin legen könnten. Hände desinfizieren. Spender sind überall im Raum. Zur Repetition: Wie haben hier eine spontane Geburt. Der Beugetonus überwiegt. Der Hängetonus und die Kopfkontrolle. Achten Sie bitte auf vorhandene Symmetrien. Die Haut ist rosig. Das ist wichtig. Der Übergang von der Intrauterie zur Extrauterie? Die Umstellung – nicht so gelungen. Ausziehen: Die roten Füsse, die Extremitäten. Die Pickel sind harmlos. Sogenannte Melien – haben nichts zu bedeuten. Aber die Lanugobehaarung und die Furchen an der Fussunterseite. Auch wichtig: die Abgrenzbarkeit der Lamellen. Das Penisgefälte. Werfen Sie bitte auch immer hier ein Auge darauf … Wer weiss denn, ob? Der orangerote Fleck in der Windel? Uratkristalle und Ziegelmehl. Wir führen eine kleine Auskultation durch. Das Abhören. Sehr wichtig! Kann man auch an anderen Stellen? Den Puls? Am besten elektronisch. Und die Bedeutung der ersten Schreie: Wie hier bei dieser protrahierten Geburt. Es kam zu einer verzögerten Adaptation. Jetzt weint er. Wie macht man das? Ein bisschen Grappa, äh Traubenzucker, das ist schön süss, da geben die Babys dann wieder Ruhe. Und die Kreislaufsituation? Die Stigmata: Hier auch nicht die Ohrmuscheln und die Lidachse. Und erst die Fontanellen: Die Dreiecksfontanelle fühlt man kaum. Streichen Sie ruhig mit dem Finger über den Kopf. Nun, die grosse Fontanelle kann sich später noch verschliessen. Zählen Sie die Finger und Zehen. Denken Sie nur an Hexadaktylie. Und hier unten, wir drehen ihn mal, das Sakralgrübchen. Die Plexusparese und die Spontanbewegung. Alles nur wenig ausgebildet. Palpieren Sie die Mundhöhle. Ist es ein Gaumenspalter? Und die Augen? Hat jemand eine Lampe? Keine Lampe? Dann lassen wir das heute. Wieviel sieht man denn in diesem Alter? Nur hell-dunkel und nur direkt vor dem Gesicht. Schauen Sie sich nur den Nabel an: Drei Blutgefässe – hier nur zwei. Die Infusionen. Der Nabelvenenkatheder. Der Nabelarterienkatheder. Und die neurologischen Aspekte: Die Greifreflexe. Die Beinmuskelreflexe. Dürftig. Hier eine Asymmetrie – das kann was bedeuten. Überprüfen Sie auch den Muskeltonus. Das hier ist eher eine normale Schreckreaktion …

Meine Hand ist eingeschlafen. Aus ihr sind Dinge geflossen. Zeichen. Spuren. Wie kann man sich anmassen, sie so zu deuten. Und die Schelte: Man solle ja nicht nur zeugen. Man muss ja auch austragen können. Alles andere sei keine Geburt. Man sehe es ja sofort. Alles andere ist das Gegenteil einer Geburt. Ist eine Fleischfresserei, und was folgt? Ausscheidung. Vielleicht etwas Blut und Fleisch. Vielleicht atmet es sogar und streckt sich auch an manchen Stellen. Aber viel grösser wird es nicht. Ich lese den Text noch einmal langsam und laut: