Tagesplan

Büro um 8.00

Ein Sandwich mit einer Tasse Kaffee zu Mittag.

Supermarkt um 5.30

Abendessen um 6.30.

Fernsehnachrichten um 7.00

Ein Scotch um 8.00

Ein Fick um 9.00

Einschlafen um 9.30.

(Ynhui Park, Zerbrochene Wörter; aus dem Engl. von Karl Reinhard Friebe, S.39, 2004)

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Dranmor II,1c

(Unterm Dach)

Seit zwei Tagen sitze ich unterm Dach in meiner Mansarde. Ich sitze dort nicht die ganze Zeit, natürlich nicht, nur, wenn ich nicht arbeite, was offiziell als Arbeit bezeichnet wurde, nur wenn ich nicht unten in meiner Wohnung, die Distanz zweier Stockwerke, zu tun habe, also nun, ausgiebig, es ist fast Wochenende.

Hier oben lese und schreibe ich. Innerhalb von zwei Tagen habe ich das kleine Dachzimmer, geschätzte fünf Quadratmeter, aufgeräumt, entrümpelt, Dinge fortgeworfen, verdichtet und weggepackt, um diesen Raum nutzen zu können, zu bewohnen. Die Vermieter, Hausverwalter hatten mich darauf aufmerksam gemacht, ich möge doch nicht in der Wohnung rauchen, wie sie es von meinen Nachbarn erfahren hätten. Es wäre nicht vorgesehen, das Treppenhaus enthielte nun unangenehme Gerüche, und das Streichen der Wände der Zimmer, zöge ich einmal aus, obläge dann mir, wie sie es formulierten, also diese Bitte.

Ich mache mir diese kleine Kammer hier oben zunutze. Ich möchte weiter lesen und schreiben und kann nur weiter lesen und schreiben, wenn ich dabei rauchen kann. Um die kahlen, putzrissigen Wände der Kammer zu decken, um eine andere Akustik zu erreichen, nicht dass ich hier oben spräche oder andere Geräusche verursachte, um eine Wohnlichkeit herzustellen, habe ich Bilder aufgehängt. Kleine, im Verfallen begriffene Holzrahmen mit Schwarzweissphotographien von Verwandten, einer älteren Generation, die ich nicht mehr zuordnen kann, hier oben verortet, von denen ich mich nicht trennen konnte.

Den kleinen, wurmstichigen Holztisch habe ich im Keller gefunden, ebenso ein wackliges Bücherregal, nun mit modernen Apokryphen bestückt. Zwei grosse Strandmatten decken den Boden, um Schmutz und Staub zu kaschieren und den Raum barfuss begehbar zu machen.

Dranmor, Ferdinand Schmid, wie er ursprünglich hiess, wie er eigentlich heisst, so sein Taufnahme, aber Dranmor, Selbsttaufe, warum auch immer, ist in keinem einschlägigen Lexikon verzeichnet. Kindlers und das KLG ignorieren ihn vollständig. Im Internet waren nur ein paar vage, unwahrscheinlich klingende Satzfetzen zu finden – seine Werke, ein schmales Werk, eigentlich, einbändig, längst vergriffen, aber von mir in einer Kurzschlussaktion auf einer Auktionsplattform im Netz ersteigert.

Ein schmaler Band liegt vor mir unter dem Dach auf einem wurmstichigen Tisch und eine Zigarette verglüht daneben. Frauenfeld. Die vierte Auflage von 1900 der Gesammelten Dichtungen. Ein Eingangszitat runzelt die Stirn: Die Dichtkunst als lange Liebe – von Jean Paul. Ein prätentiöser Einstieg, finde ich. Ob es hier oben Insekten gibt? Oder Flöhe? Meine Wade reibt sich an einem rauhen Tischbein, das ich bequem von dem Schaukelstuhl aus, ebenfalls ein Kellerfindling, erreiche. Ich überblättere das Vorwort, die Vorworte – Vorwörter? – zu den verschiedenen Auflagen, wundere mich, dass sie alle in diesem Band erschienen, mitgeschleppt wurden, und lande hinter dem letzten.

Wanderbuch, der erste Titel, nein kein Gedichttitel, eine Kapitelüberschrift, wieder mit gewichtigen Zitaten: Exilium vita est, so der Untertitel des ersten: Ein Kind, des Geistes Schwingen kaum entfaltend, / Las ich von Thaten, kühnen, wunderbaren, / von Abenteuern, märchenhaft, gestalten, /

Märchenstunde. Ich inhaliere tief und blättere wieder ein paar Seiten zurück zu einem biographischen Teil – fresse mich darin fest. Von Zeit zu Zeit muss ich an dem Buchrücken schnuppern, süss und rauchig, eine schöne Ausgabe, Goldprägung, Ornament, das Initial des Wahlnamens, Coverschmuck, verspielt. Dunkle Andeutungen über ihn, im Vorwort, ein paar Namen werden genannt, von solchen, die es besser wüssten, man wolle hier nicht zu viel mutmassen, aber doch: ein seltsames Leben, trotz seinem konventionellen Schaffen, oder war es umgekehrt? Ich notiere ein paar Randdaten und Hinweise auf weiterführende Literatur in ein kleines Heft.

Die Bibliothek war noch geöffnet. Ihr Katalog hatte den gleichen Titel, die gleiche Auflage verzeichnet, dort also keine Möglichkeit, Gerüche unterschiedlicher Zeiten zu vergleichen, wie ich es vorhatte, aber ein anderer Fund, wie ich recherchierte, Fundstücke, Mosaiksteine, Erinnerungssplitter, eine Reihe von Artikeln, die in einer Schweizer Literaturgeschichte der Sechziger Jahre letztmalig verzeichnet waren. Und tatsächlich: zumindest zwei wurden mir von einer freundlichen Bibliothekarin als Kopie ausgehändigt, mit dem Hinweis, ich müsse mich mit den anderen etwas gedulden, sie müssten bestellt werden. Auf ein anderes Mal, unsere Verabschiedung in den Abend.

Ich gehe zu Fuss nach Hause, durch die Altstadt, den Berg hinunter am Hirschengraben vorbei, in der Tasche etwas Fleisch für Captain Trelawney, wie ich hoffe, mit dem Kopf schon unterm Dach.

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ANKÜNDIGUNG

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(Lesung)

19.00, 20.00, 22.15, 23.30 Uhr (Dauer jew. 25 Min.)

Bern, Museumsnacht, 18. März 2005

Ort: Stadt- und Universitätsbibliothek Bern, mehr

und

Basel, 22. März 2005, Gare du Nord, 20 Uhr

Dodel & Abendschein lesen Deftiges,

Verdauliches und Unverdauliches

von bekannten und unbekannten Autoren.


Nachtrag (21.03.05): Leseliste

Hans Staden, Brasilien (Passage)

Joachim Ringelnatz, Aus meiner Kinderzeit

Ernst Jandl, mahlzeit

Karin Kiwus, Alle Herrlichkeit auf Erden

Hans Arp, Die Tische sind weich

Bertolt Brecht, Sonett Nr. 5. Kuh beim Fressen

Francois Rabelais, Gargantua und Pantagruel (Passage)

Christian Morgenstern, Der Hecht

F.W. Bernstein, Grenzen der Malerei

Heinrich Heine, Erleuchtung

Sylvia Plath, Wenn der Hunger kommt

Hertha Kräftner, Betrunkene Nacht

Petronius, Satyricon (Passage)

Marie Luise Kaschnitz, Wirtshausnacht

anonym, Drei Veilchen

Matthias Koeppel, Diss Freuhschtöckk (Starckdeutsch)

Adolf Wölfli, Fleischkeller


Nachtrag (22.03.05): Bilder Bern


Nachtrag (28.03.05): Bilder Basel

Dranmor II,1b

(Zwischennutzung)

Ein grosser Raum. Eine Halle. Ehemalige Turnhalle des nun stillgelegten Gymnasiums. Nicht stillgelegt, alles andere als still: Zwischengenutzt. Zur Zwischennutzung freigegeben, bis auf weiteres, man habe sich Gedanken gemacht. Ursprünglich wollte man ein Museum, ein weiteres Museum – wie der Barkeeper ironisch bemerkte – in dieser Stadt ansiedeln. Diese Pläne seien vorerst verworfen. Nun also: Die ehemaligen Klassenzimmer – subventionierte Ateliers, Underdogs, Kunststudenten. Eine freundschaftliche Atmosphäre. Die Turnhalle, weitläufig, nun Kneipe und Bar, Ausstellungs- und Vernissagenort. Unsere Augen wandern, tasten die Umgebung ab. Roman interpretiert ein Bild an der Wand aus der Ferne. Kaum sichtbare Skelette, nur in dieser Beleuchtung, nur aus diesem Winkel zu sehen, diskutierend, gestikulierend, manirierte Haltungen, der Hintergrund: aquarelles Rosa ins Hellblaue, schimmernd, je nach Lichteinfall. Er kenne die Künstlerin persönlich, eine Münchnerin – sehr charmant. Das Bild aus einer „Skelettserie“, wie man sie bezeichne. Vanitas, sein Ansatz. Er möchte darüber einen Vortrag halten.

Ich will das Thema wechseln, umkreise ihn mit Fragen, die sich mit seiner jüngsten Vergangenheit beschäftigen, er weicht geschickt aus. Eine vage Andeutung hier – eine Ausrede da, bis ich aufgebe. Tagespolitik, weder sein noch mein Gebiet. Wie kann man sich auch im Ausland einmischen, sich ständig im Ausland über heimische Dinge informieren? Ein Interesse verbleicht. Was liess uns zusammenkommen? Er scherzt. Er pflegte einen frischen Humor, unverstellt, beherrscht ihn immer noch, hatte nicht verlernt, sein Gegenüber zu unterhalten und zu fesseln. Ich habe in diesem Land nun schon öfter erlebt, dass peinliche Gesprächspausen entstehen können, wenn ein Diskussionsfaden reisst oder sein Ende erreicht. Die Angst der Leute etwas Neues zu beginnen – der Schritt eines Einzelnen in Richtung Neuland, fremdes Terrain, diesen Schritt alleine zu machen, etwas aufzureissen, ein Muster, ohne den Rückhalt der Anderen. Konkordanzphänomen.

Nicht so Roman, aber Roman war – wie ich – auch nicht von hier. So liesse sich leicht kritisieren. Was ich aber vermisste, ein verwandtes Konzept. Banal: Heimat.

Er müsse weiter, hätte noch Dinge zu erledigen – es habe nichts mit mir zu tun. Wir versichern uns gegenseitig, das es ein nettes Zusammentreffen war, dass man es bald wiederholen sollte – ich würde noch etwas bleiben. Musik schwillt an, mit ihr die Lautstärke der Gäste und ich kann seine letzten Worte kaum verstehen. Er klopft mir auf die Schulter und verlässt den Raum. Von der Balustrade der Kneipe bis zur Hallenmitte sind es nur ein paar wenige Treppenstufen, dann Schritte. Ich positioniere mich vor den Skeletten. Sie verschwinden tatsächlich, wenn ich mich wenige Meter nach rechts oder links bewege. Ein erstaunlicher Effekt.

In der Wohnung ist es kühl und ich reisse die Fenster auf, plane frischgelüftete Räume zu heizen. Komme in Fahrt. Hausarbeiten machen mir nichts aus, wenn es sich um meine eigenen vier Wände handelte: Wäsche zu waschen, Geschirr zu spülen – alles eine Frage der richtigen musikalischen Untermalung: Erst die alte Plattenkiste, dann die verschiedenen CD-Stapel, das Kramen in der Schuhschachtel mit den verstaubten Bootlegs: The Bones, Fatal Energy. Die Kassette macht ein beunruhigendes Geräusch im Anlauf, das aber bald von Schlagzeug und Gitarren übertönt wird. Ich giesse eine traurige Yuccapalme. Morgen ist Altpapiertag und noch ein paar Bündel akkurat zu schnüren und auf die Strasse zu stellen. Dort ist ein Knäuel Schnur und woanders eine Schere. Ich mache mich an einem ersten Paket zu schaffen. Zuoberst: Wieder dieser fettige Artikel: Dort wo die Tannen stehn. Wie hiess denn gleich dieser Typ? Ein gewisser Dranmor. Ich lege ihn noch einmal beiseite.