geheimnis

das regal

darin

der grösste

wasserwortschatz aller zeiten

ist eigentlich ein becken

was flüssig ist

was gleitet, fliesst und

sprudelt

und ähnliches

ist darin grob verzeichnet

und erklärt

mein vorrat an

wasserwörtern

entspräche nur mitteleuropäischen

standards –

gab ich einmal an

den jüngsten umfragen zufolge

sei eine weltweite

hydronyme grundversorgung

in den nächsten zwanzig jahren

auf sehr tiefem niveau

sichergestellt

mein wasserwortschatz dagegen

– kein mensch weiss davon

und wird es auch nie erfahren –

ist ein kaum greifbarer fundus

ist ein volles fass, das ständig

an den rändern schwappt

ihn für mich zu behalten

geschieht zu meiner eigenen sicherheit

jedes kind weiss:

worte gegen wasser

wasserworte gegen das

was sie beschreiben

zu tauschen

wäre

einmal bekannt geworden

erst reichtum

dann der sichere tod

tokyo, echo nacht

                (schlaf, foto, stelle)

es

schlummert

bast,

gehütet

unter kissen

rollt

– im kuss geneigt –

auf wangen

haftlos

schönes ab

zu glätten sich

im tuch ganz

ohne glanzes

lohn

(Ferdinand Schmatz, Tokyo, Echo oder wir bauen den Schacht zu Babel, weiter, S.31, 2004)

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märkische Sandkästen

das ist der Rest, der die Aussicht versperrt,

jene stöbernden, schnüffelnden Büsche

neben dem Bürgersteig; einige bleiben

inmitten der Plattenbausiedlungen einfach stehn

und verweigern den Heimweg

(Marion Poschmann, Grund zu Schafen, S.76, 2004)

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Dranmor VII,4h

(Transfiguration)

M. Wards Album als Soundtrack zu einer Fahrt ohne Erinnerung. Visionsloser Happybeat – der erste Track. Wiederholtes Verstauen, An- und Vorrichten, Verrichten von Handgriffen, in Aktion werden sie wieder erinnert: Das sofortige Herunterklappen des Bettes, argwöhnisches Begutachten der Bettwäsche. Ich atme gründlich ein, als könnte ich fastverflogene Geruchsreste so noch aufspüren und einfangen. Dann unterbinde ich mein Schnauben wieder: Würde es einen Unterschied machen, ob sie hierin geschlafen hätten? Ob noch minimale Reste ihrer Atemluft von mir aufgesogen und als solche identifiziert würden?

Der Schaffner, mir ein bekanntes Gesicht, der wohl ewig Pendelnde, gefangen zwischen Barcelona und Bern, begrüsst mich. Ich taufe ihn: Du bist nun „Der Nämliche“. Ich kenne das Prozedere schon, den Fahrausweis, die Papiere, und verhalte mich anstandslos. Bilde mir nur ein, dass er mich tatsächlich erst in ein paar Tagen zurückerwartet hätte, so schaut er mich jetzt an. Frühstück – Morgen um halb acht. Gute Nacht.

Ich öffne eine Flasche spanischen Fusels, den ich noch für ein paar letzte Euro an einem Kiosk in der Wartehalle gekauft hatte, setze an, diesmal ohne auf einen richtigen, einen angemessenen oder bedeutenden Augenblick zu warten. Ich trinke hastig, wie ich nun immer trinke, vielleicht summe ich ein Lied dazu: I make a sad, make a sad, make a sad, sad song. Ich höre das ganze Album, dann höre ich es noch einmal.

Warten ermüdet. Problemlos schliessen sich meine Augen, dösende Anfahrt zur Schlafphase: Ein Dösen, das kein Zurück kennt. Dann eine verdeckte Brust, ein nacktes Kind, das sich nach ihr reckt und streckt, diese umkämpft. Milchverschmierte Brüste in einem Latexhöschen, das Kind plötzlich in einem dazu passenden Kostüm. I make a sad, sad song. Ich bin irgendwo, drei Menschen spazieren mit mir in einer bergigen Welt. Dort ein Ticketverkaufstand. Mein Vater sei gestorben, wird mir dort verkündet, ich müsse sofort umkehren. Man übergibt mir einen Tetrapack Milch als Reiseproviant – für den Abstieg. Nein, die Bahn könne ich nicht nehmen, sie fahre immer nur hinauf. Mir ist sehr heiss und es beginnt plötzlich zu schneien. Ein sanfter Schnee, der nicht liegen bleibt. Ich bin für dieses Wetter nicht ausgerüstet. Dann die Idee. Ich steige in meinen Rücksack und verschliesse den Reissverschluss von innen. Um zu überwintern. Ich verharre. Seide wächst aus meinen Poren, irgendwo läuft Milch aus, umfliesst mich und Gärungsgeruch steigt in meine Nase. Heiss und kalt. Ich kann nur noch mit meinem Penis atmen. Es ist zu eng hier drin, ich muss wieder hinaus. Ich kann den Rucksack nur noch mit Gewalt öffnen, zerreisse ihn beinahe, bis ein klarer Himmel zu erkennen ist. Meine Fühler suchen den Weg ins Freie, mein Körper folgt mit kleiner Verzögerung. Erst der eine, dann der andere Flügel findet Raum, sich zu entfalten. Ich pumpe Unmengen Blut in sie hinein, bis sich alles dreht. Ein leichter Wind möchte mich schon aufgrund meiner grossen Spannweite mitnehmen. Der Abflug – reine Formsache.

Ein Läuten. Das Bordtelefon. Noch eine Stunde bis zur Ankunft. Das Frühstück könne nun eingenommen werden. Ich verzichte.