Dranmor VII,4e

(Dance with me)

Es ist, als würde alles zu tanzen beginnen. Fernando entschuldigte sich, ging an der Bar entlang, verfolgt von neugierigen Blicken, zum Ende des Raumes, ein Tunnel, ein Korridor mit dem Namen Servicio. Ein Tanz, in meinem Magen, meinem Kopf – Trommeln und Backbeats. Mehr Frauen lösen sich zu einem Hit aus Sitzmuscheln und von klebrigen Barhockern, beginnen mit den anderen auf der kleinen Fläche links von unserem Tisch zu tanzen. Die Jungmännergruppe feixt, als sich nun auch die Barkeeperin zu ihnen gesellt. Ein Tableau, gespiegeltes Bühnenritual sich expressiv bewegender Mädchen, jetzt, wie ich sehe, die Blicke im Ensemble auf die Spiegelwand gerichtet, sich selbst beobachtend – und mir im Wechsel geradewegs in die Augen starrend.

Der letzte Mojito macht sich auf ungute Weise bemerkbar. Süsssaures Aufstossen. Hopfenreste. Die Szene taucht sich in weiches Dunkelrot, eines meiner Beine wippt nervös dazu. Ich frage mich, wo Fernando so lange bleibt, überlege, ob ich ihm nicht nachfolgen, nach dem rechten sehen soll, will gerade aufstehen. Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Dance with me. Das in meinen Augen unansehnlichste Mädchen hat unter dem Lächeln der anderen schon neben mir Platz genommen. Ich weiche ihrem Blick, ihren Blicken aus, greife ungeschickt zu den Nüssen. Sie streicht mit ihrer Hand entlang meiner Schulter, meines Nackens, durch das Haar, über das Gesicht. Ein Finger möchte sich in meinen Mund bohren, streicht schon an einer Backeninnenseite und beginnt zwischen Zähnen und Zunge zu wühlen. Ich beisse sanft zu, bis er sich wieder zurückzieht. Ich kann in ihrem Ausdruck einen kleinen Schmerz erkennen. Eine Frage. Spiel?

Sie setzt sich umständlich auf meinen Schoss. Sie ist schwer und ich muss mich zusammenreissen, balancieren, dass wir nicht beide das Gleichgewicht verlieren und von dem Hocker fallen. Irgendetwas wird in mein Ohr geflüstert, ich kann ein Zuviel an Haarspray an ihr riechen. Eine Hand wandert an meinen Schritt. What`s up? Don`t you want to fuck?. Nein, ich will nicht. We just came in here to drink a beer. I am sorry. Woher ich sei? Nein, meine Heimatstadt interessiert sie nicht wirklich. Auch nicht die weltweit bekannte Kirche, von der sie aber schon gehört habe. Sie unternimmt einen weiteren Versuch. Presst meinen Kopf mit beiden Händen in einem Moment, als mein Oberkörper wieder etwas Spannung abbaut, an ihre Brüste. Weiche Haut, billiges Parfum – eine Schnalle ihres Oberteils reibt an meinen Wangenknochen. Ich muss husten. Körperspannung baut sich wieder auf. Sie reagiert sofort, drückt mich wieder von sich weg. Ich versuche das Missverständnis endgültig aufzuklären, da erscheint Fernando wieder an unserem Tisch. Eine Diskussion zwischen ihm und ihr entsteht, ich kann leider nichts verstehen. Sie wird lauter, flucht offensichtlich. Zwei der Jungen des Nachbartischs, die die Szene beobachtet haben, wie es scheint, erheben sich, bewegen sich in Richtung unseres Tisches. Ich soll fünfzig Euro auf den Tisch legen, zischt mich Fernando in einem Nebensatz an, immer noch hitzig mit ihr Verhandlungen führend. Ich tue, wie mir geheissen. Das Interesse an uns hat mittlerweile die ganze Bar erreicht. Wir sind umringt. Mädchen. Die Grimmigsten der jungen Männer. Berührungen, die sich bis zum Gezerre steigern. Wir werden in Richtung Eingang geschoben und gedrängt. Jemand macht sich an meiner Jacke, an meinen Haaren zu schaffen. Fernando bekommt eine Ohrfeige von einer Hand aus der Menge. Die Tür öffnet sich und unter lautem Geschrei werden wir auf die Strasse befördert.

Sprache

Sagen sie ruhig was sich zu sagen gebührt

Nennen sie freulein nicht freulein wenn sie

Sprache bestellen.

(Dragica Rajèiæ, Buch von Glück, S.151, 2004)

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Kammraupe

Karren, Gäspe (Lichtschnuppen) Hügeln Ried über

Fließgrasgewässer Kresse.

(Oswald Egger, Prosa, Proserpina, Prosa, S.180, 2004)

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Dranmor IV,1w

(Aus einer Email von Roman)

(…) Hej, unten ein Ausschnitt aus einer längeren Szene um eine Dranmorvariation. Was meinst Du? Bis bald. R

Eddi is noch nich soweit

Nach Dranmor nach Alfred Tennysons Edward Gray

emma moreland und edward gray treffen sich auf der strasse

EMMA:

hej eddi, alles klar? lange nicht gesehn. und, schon unter der haube, oder solln wir uns mal wieder treffen?

EDWARD (nasal und mit verheulten augen):

hej emma, gut schaust aus. aber beziehungsmässig. nee du. schlimme sache. da geht bei mir gerade gar nichts.

kannst dich noch an elli erinnern? lief ja echt gut. aber dann der stress mit ihren alten. na ja, ich komm grad vom friedhof. (fröstelt). ganz schön zugig da oben.

EMMA:

is was passiert?

EDWARD:

ich dachte damals, die wollte mich verarschen, und dann bin ich halt abgehaun. ganz schön blöd von mir. dabei war sie nur total verschüchtert. und jetzt isse tot. ich geb dauernd mir die schuld.

ich idiot! was ich der alles an den kopf geworfen hab, sie sei zu tussig und weiss nich was sie will, auf jeden fall, könnte sies so vergessen.

na ja, und jetzt da oben hat`s mich wieder voll erwischt. so ne scheisse! ungelogen, das tut mir jetzt alles so leid. oh, mann, elli.

ich hab was in sonen moosigen stein geritzt.

„hier liegt elli und mein herz gleich daneben“, hab ich geschrieben. n bisschen kitschig, ich weiss.

ich hab noch gedacht, das geht wieder, irgendwann, ich lern schon noch mal jemand kennen. aber, ichweissauchnich, ich kannse einfach nich vergessen.

(murmelt, wendet sich ab) einfach so dagelegen und geheult.

hier liegt elli und mein herz gleich daneben. ich weiss auch nich. (geht ab) (…)