Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 03/2014)

Nachdem er sich über Jahre hin immer mehr zurückgezogen hatte, hat er seit Anfang Jahr die Wohnung, seit dem 15. April sein Schlafzimmer nicht mehr verlassen. Zu Beginn urinierte er da in eine Flasche, was ihn aber schnell mal unbeliebt machte, da er den Inhalt jeweils auf die Straße schüttete. Die Nachbarn schrien hinauf und begannen, ihm Steine gegen das Fenster zu werfen. So wählte er eine Ecke des Einbauschrankes zur ›Urinierzelle‹ aus: Er legte ein Kissen hinein und hat seither auf das Kissen gepinkelt. Dass es stark roch, störte ihn nur zu Beginn ein wenig. Schlimmer war der Kot. Was sollte er damit tun? Er entschied sich dafür, jeweils kurz die Zimmertür zu öffnen und die Fäkalien mit der bloßen Hand in die Stube zu schleudern. Immerhin hatte er kurioserweise ein Lavabo im Schlafzimmer. Das in auch vom Verdursten bewahrte. Doch nicht vor schweren Hungerattacken. Denn die Lebensmittel waren ihm im Zimmer schnell mal ausgegangen. Seitdem ernährte er sich von Wasser und etwas Eipulver. Und wurde doch von Woche zu Woche dünner. Da entschied er sich zu Beginn des Herbsts, sich in das Bett zu legen, die Decke hochzuziehen und so zu verharren. Mit ein wenig Wasser in einer Flasche neben dem Bett. Aber ohne zum Pinkeln aufzustehen. Was machte das schon? Er würde, das erkannte er völlig richtig, sowieso bald nicht mehr leben. Und als Leiche auch nicht mehr stinken als all die Exkremente in der guten Stube.

Ewig will der Tod dein Bein.

Die Sirenen: Sie haben vermutlich nicht gesungen, sondern gestöhnt wie beim Sex: Was die Seeleute (Seamen, Semen) unweigerlich anzog.

Sie: Mach die Angst aus, wenn du gehst!

Er: Wer ist da?!

Gespenstischer Ort, Auschwitz: Tote sitzen auf den Bänken. Und Gott klagt den Spatz an, er sei zu früh vom Dach gefallen.

Dann allerdings wird er gesteinigt von Raben. Immer wieder.

Da geschah es: Eines Morgens wachte ich auf und sah das ›Ding an sich‹. Irgendwie hatte es sich hineingeschlichen und saß nun auf dem Stuhl, auf dem sonst meine säuberlich zusammengefalteten Kleider lagen. Traurig sah es aus und doch hell. Schwarz, heiter und fest. Oder doch schwabbelig. So saß es also da und glotzte mich an.

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Lieferbar: substanz (etkobjects)

substanz.

Untersatz-Objekt (Readymade)

  

substanz

Untersatz-Objekt

Aus der Reihe: etkobjects

April 2014, 2 S., 93 x 93 x 1.4 mm, bedruckte Pappe

ISBN: 978-3-905846-27-0, €16 / 20 SFr

(=SET: 20er-Einheit mit Display)

substanz hält ihren inhalt auf abstand.

substanz ist das medium ihrer wahl.

substanz macht ihr leben einfacher.

substanz ist wesen ohne grund.

substanz ist saugfähig und beschreibbar.

substanz gibt es schwarz auf weiss.

substanz ist oberflächlich, räumlich, binär.

substanz ist form und inhalt.

substanz hat drei punkte.

substanz ist aus bedrucktem papier.

substanz ist ein fächer.

substanz kann man lernen.

MEHR …

etkbooks @ ZHB Luzern

E-Book: Das leerste Buch der Welt? Die fünfte Lesepause

“Das E-Book ist für viele Buchhandlungen ein Reizwort. Sie sehen den Untergang des Buchhandels. Doch sind diese Befürchtungen wirklich real? Sollten nicht viel mehr neue Qualitäten gegenüber den Kunden gesucht und gefunden werden? Diese und andere Fragen zum Thema werden in der 5 Lesepause besprochen. Die Moderation hat Max Christian Graeff inne.”

Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 02/2014)

Mein Name sei Katzenbein (mein Halbkater gibt vor, nichts mehr zu hören, dabei …).

Seltsam: Am Tisch gingen sie nie mit dem Messer aufeinander los. Und sie vergaßen auch nie das Gebet. Tischlein deck dich. Dann fraßen sie. Vielleicht deswegen. Sie konnten sich auf sich konzentrieren. Aber auch im Bett geschah nichts. Sogar als sonst auch nichts mehr geschah. Da ertrugen sie einander. Selbst wenn sie kurz zuvor, zum Beispiel vor dem Fernseher, wie Wahnsinnige aufeinander losgegangen waren. Laut und heftig. Sie stritten sich mit Wutgeschrei und Hass, Hass auf das Leben und Hass auf ihr speziell beschissenes Leben. Sie stritten sich beim Einkaufen. Sie stritten sich beim Autofahren. Sie stritten sich beim Sonntagsspaziergang. Sie stritten sich in den Ferien. Sie stritten sich an Familientreffen. Sie stritten sich zu Beginn vor den Kindern. Sie stritten sich vor den Großkindern. Sie stritten sich beim Arzt, im Spital. Laut und heftig. Und sie hatten immer recht. Immer.

Der Phrasenbär, da, schau her, es geht ins Meer, der Text ist leer. ( ᴜ – ᴜ – / – ᴜ – / ᴜ – ᴜ – / ᴜ – ᴜ – )

Kaum ein Inhalt, viel eher die Form erzeugt den Eindruck von Neuheit.

Nach dem Regen die Beruhigung: Keine Tausend Augen haben den Boden bereits wieder abgelutscht. Schön.

Abdichtungen, Entschwörungsformeln: Dichte nicht, dichte nicht, dichte nicht, mein Dichterling, mein Fichterling, mein Schmächterling; dichte nicht, dichte nicht, mein Pflögelchen, mein Pöbelchen; dichte nicht mein Hanswurst. Lass es bleiben, lass uns bleiben, bleib doch hier, nimm ein Bier und werd schön kirr‘.

Bundesrat Schneider-Ammann: Meine Glaubwürdigkeit ist im Takt.

Die Dämlichen: Gláube, Wúerde, kéit kíet kéit!

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Ein Fonduekoch geworden sein, nachher

Autobiografie des Familientextes als Serie von Gerichten.

Ohne Familie keine Biografie, Autobiografie. Ist es so? Nein. Den – scheinbar – banalen Familiengeschichten – scheinbar – banaler Menschen ist mit konventioneller erzählender Prosa nicht beizukommen, wenn die Familie als bewegter Transitraum für Bewegung be-trachtet wird. Dann tritt anderes hervor, als wenn sie als Urort, als Heimat, als Lebensborn (sic!, selten wird das so gesagt), als unbedingt Schützenswertes, als Schale oder Grund alles Guten oder alles Übels geschildert wird. Die Personenfiguren von „Familie“ entwerfen sich und Familie in einem fort. In Sprache. In Sprache, die handelt. In Sprache, die erinnert, indem sie sagt. Indem sie Namen sagt, von Gerichten. Die Familie also Transitraum verlangt nach einer andern Sprache und andern literarischen Mitteln. Wandeler-Deck projiziert auf diesen ein vielstimmiges Geflecht aus Personenrede, Fragmenten von Geschichten, von Orten, von Bildern. Die Grammatik erlöst sich aus ihren Hierarchien und lässt die Sätze kreisen, stolpern, tanzen, abbrechen, aufatmen. Ein Fonduekoch mag einer geworden sein. Eine mag scharfe Paprika gefüllt haben mit mildem Rind. Der Raum mit Name „Familie“ als ein bewegter, bewegender, sich verändernder begehrt nach seinem Widerhall als Text, der ihn zur Sprache, ins Sagen bringt. Textfelder, die seine Autobiografie schreiben, lassen lesen. Manche essen davon.

Ein Fonduekoch geworden sein.

Prosa von Elisabeth Wandeler-Deck

Mehr: http://www.etkbooks.com/fonduekoch