Die Routinierten – die Huren der Angst.

Andacht und Kalkulation. – Die Würde des Menschen, beten sie, sei unantastbar. Die der unteren Klassen, konstatieren sie, berechenbar.

Die morgendliche, am Ende oft kalte Dusche – eine Art Hydrotherapie: gewaltsam reinigen sie sich von ihren Träumen.

Die Routinierten – die Huren der Angst. Zusammen mit den Methodikern stehen sie immer an der selben Ecke.

Die Sachlichen. – Mit der Sache längst fertig. Sie vertreten, sie tauschen nur mehr ihre festgezurrten Begriffe.

Der Lachende, der Weinende. Sie sagen nichts. Und sind am fernsten dem Schweigen.

Man hat zu lieben, um zu erkennen. Und wie bedrängt die Erkenntnis dann die Liebe!

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Das Minimum kann vermindert werden.

Gott, der Fremde.

Theologen, seine Schreibtischethnographen.

Mystiker, die teilnehmenden Beobachter.

Esoterik. Ersatzexotik fürs globale Dorf. Abenteuerreisen fürs provinzielle, seßhafte Denken.

Mit dem Okkulten tritt man heute über Servicecenter in Verbindung.

Aus meiner Erinnerung und Vorstellung wachsen immer eigene Augen, für den Zustand der Dinge ungenaue Augen, unfähig zur Wahrnehmung der bloßen Gegebenheit. So verfließen, verschwimmen mir die Dinge, Orte und Personen oft in der Zeit. Oder, andersherum, die zahlreichen Schichten der Erinnerung und Einbildung drängen plötzlich zu gerinnen zu einem einzigen Bild, dem das Gegebene nicht genügt.

Zeitgenössische Mathematik des Existenzminimums: Das Minimum kann vermindert werden.

p40

Ich fliege umher und fresse den Raum!

Nun wünschte sie, daß der Apfel von der Erde in die Zweige fällt. – Hinein in ihren Himmel! Dort sah sie ihn – prächtig blühte der Verfaulte!

Keiner ihrer Blicke aber streifte den Boden, wie dort durch ihn, ein erstes, anderes Grünes wieder aus der Erde trieb.

Der ewige, erstarrte Himmel war ihr das alles überlagernde Bild – das natürliche, rettende aber, das unmögliche.

Das Wetterhafte des Lebens. Die Vorhersagen der Toten.

Verliebte reisen gerne zu den Sternen! – Ah! Ihr monotones Fieber! Dies kalte Glühen ihrer Sprache! – Doch die Verliebten sprechen sie kaum. Sie machen dort meist nur zwei, drei Wochen Urlaub.

Viel Bewegung und gute Ernährung. – Aber ja! Ich fliege umher und fresse den Raum! Und mit ein wenig Glück und großem Appetit, lande ich in einer verwitweten, einsamen Zeit.

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litblogs.net Lesezeichen – Inhalt 04/2011

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2011 erschien am 17. Januar 2012.

In dieser Ausgabe:

Verdammt gutes Gras, aus dem Eis geholte Kastanien, die Findesemanas, das Ministerium für Liebe, ein Krebsverdacht, ein Textportrait von Ernst Jandl, die stillen Säulen der Antike, das nächtlich beleuchtete Bayerkreuz über Leverkusen, eine Besichtigung der Luft, verbrannte Kadaver, die Sarabanda de la Muerte Obscura, die Krönung eines Affen zum Dichter, eine Fahrkarte für Derrida, der Dom von Utrecht, ein Sandwich und Dosenbier, zarter Flaum auf dem Handrücken, ein Gewürzsäckchen, Knöllchen von der Sittenpolizey, unzählige Anlegestellen, Billigleister im Schichtdienst, reifefreie Pädagogik, baumfliehende Früchte, Ringo, der Punktraucher uvm.

Mehr: http://www.litblogs.net/inhalt-042011/

Nun berechnete er das Pi der Liebe.

Wir ignorieren immerzu die Welt wie sie noch nicht ist. – Wir siechen dahin in Gewohnheiten. Ob in unserem Modell der Realität oder der Realität unseres Modells ist hierfür gleich erbärmlich.

Kurzfilm. – Zwei Gänse. Er jagt sie. Über die Minigolfanlage. Großes Tohuwabohu. Harmloses Gelächter der Besucher. Dann ihr entsetztes Starren auf das happy end: der martialischen Paarung auf Bahn Nummer 18.

Nachts, in einer Tiefgarage. Zwei verliebte Teenager, eng umschlungen auf der Motorhaube meines Wagens. Ich grüße sie, „Guten Abend“, und öffne die Tür. Sie schrecken auf, reiben sich die Augen im grellen Neonlicht. Und starren mich an, durch die Windschutzscheibe, als sei soeben ein Irrer in ihr Schlafzimmer eingestiegen.

Nun berechnete er das Pi der Liebe. – Auch ein Wille zur Genauigkeit vermag zu träumen. Und kennt nicht nur Vergeblichkeit. Hinter der letzten Stelle, auf dem Sterbebett – dort sah er sich, flüsternd, zitternd zählen: „… neun, fünf, acht, sieben, drei …“ – stünde vor ihm plötzlich wieder das Komma.

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