Es ist wie …

Im Anfang immer Verrat. – Der schrille gelbe Schrei in mir, wenn jemand ein Unbekanntes, Fremdes beschreibt und anhebt: „Es ist wie …“

Die geschlossenen Augen der Tanzenden. – Welche in ein Abwesendes geflohen scheinen, das nun ihren zurückgebliebenen, verlassenen Körper bewegt. Verzückt zeugt einzig dieser, – nah, gegenwärtig und verschwitzt, von jenem Weiten, Fernen – von Erinnerung, von einem Begehren, an seinem Platz von Utopie.

Ich erahne kein einziges Wort der Fragen, deren Beantwortung die Welt erklären könnte. – Doch ich will verdammt sein, wenn auch nur eine mit warum beginnt.

Ein Tropfen quillt am Nachmittag durchs feine Sieb des Wasserhahns. Aus dem Dunkel ins Licht. Er zögert, er zittert. Er wartet auf sich selbst. Sichtbar auf unsichtbar. Es formt ihn noch die eine Kraft, die ihn gleich fallen und im Abflußrohr verschwinden läßt.

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Wir sehen nicht, wir schließen.

Ich bin oft höflicher als eine Japanerin in der Tokioter U-Bahn.

Über der Stadt, schon seit Tagen, segeln, schießen schwarze Schatten.

Wir sagen „Seht nur! Dort, die Schwalben!“, und sehen nur dunkle, bewegte Konturen. Wir sagen „Schwalben“ und sehen nicht. Wir sehen nicht, wir schließen.

Wir verloren die Anschauung, und bald verlieren wir die Erinnerung. Wir stellen nicht mehr vor, wir erkennen nur mehr Zeichen. Gleich Buchstaben, deren Formen wir nur insoweit unterscheiden, bis ihnen eine Bedeutung entspringt. Dann haben die schwarzen Gestelle ihre Schuldigkeit getan. Das Auge sucht und findet einen Sinn, und läßt sie zurück.

Das Schimmern eines Katzenfells, das Glitzern bewegter Wasseroberflächen, das Schäumen der Blätter im Wind. – Wie ein Kind verfolge ich das Licht, wie ein Idiot den Zaubertrick. – Und beide befällt dann jedes Mal die Ahnung, wie Genauigkeiten zu schillern hätten, nahe dem Unsagbaren.

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Dort! Ein kurzes Glitzern!

Eine Heiterkeit vom Tode her.

Das Wesen der Dinge, ihr destilliertes Nichts.

Erinnerung der Kindheit. – Gern sehen wir zurück, in die Ferne, wie wir dort hinten in der Welt aufgeregt zu schwimmen beginnen … – Dort! Da vorne! – hin und her wie Kaulquappen, dicht unter der warmen Oberfläche eines Tümpels. Wir sehen uns zu und genießen das Kitzeln der Sonnenstrahlen auf unserem Rücken.

Doch taucht nun plötzlich eine Männerhand hinein ins trübe, warme Wasser, fängt sich so ein Tierchen und spürt sein Zappeln.

Zwei weiße Spuren am wolkenlosen Himmel, ein doppelter Schweif züngelnd ins Ätherische. Das Flugzeug zieht unsichtbar davon. – Dort! Ein kurzes Glitzern! Ein Spiegelchen zwischen unseren Augen und der Sonne! Das Flugzeug blinzelte, zwinkerte uns zu, mitten aus seiner Bedeutung.

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Das Absolute ist nur ein karnevaleskes lebensweltliches Exemplar.

Aberwitz und Aberglaube des rheinländischen Katholiken: daß Gott schmunzelt, wenn er vergibt. Das Absolute ist nur ein karnevaleskes lebensweltliches Exemplar.

Wir Verzweifelten. Wir fliehen ins Genaue.

Riesiger blinder Fleck aller Subtilitäten.

Lebenswerk: „Die Liebe“.

In drei Bänden. Wie Marxens Kapital.

Gleiche Schwierigkeit: das Vertraute, Allzuvertraute klar denken.

Ein anderer Mut, ein anderer Glaube ans schier Unmögliche: den Bann zu erkennen, ohne ihn zu brechen.

Ist’s wie’s ist, war’s schon immer gewesen.

Mit Verlaub, mit einem altmodischen Lächeln: dort, hinter sich selbst, gleicht jeder Schreibende einer unwahrnehmbaren Membran. Ihr unpersönliches Zittern ist nicht seine Sprache.

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