Lieferbar: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (Alban Nikolai Herbst)

Kleine Theorie des Literarischen Bloggens.

Die Dschungel. Anderswelt

Erste Lieferung

Essay / Erzählung

von Alban Nikolai Herbst

“Wie Anfang des letzten Jahrhunderts die Künste, vornehmlich Musik, dazu tendierten, ihre Entstehungsgeschichte als Teil der Komposition-selbst zu begreifen, so ist der derzeit attestierte Hang von Literatur zum Privaten dessen Weiterentwicklung. Die psychischen Bedingungen zur Entstehung eines Werkes werden zu seinem Material, einem Material. Insofern jedes Werk ohnedies Palimpsest ist, kann es nicht mehr darum gehen, die Spuren zu verkitten, also klassisch bzw. klassizistisch zu arbeiten. Zwar ist auch diese Tendenz Symptom der in sich antinomen Postmoderne. Doch führt die Öffnung der privaten Räume zu einer tieferen Fundierung von Kunst, als zugegeben sein soll. Genau hierfür steht das Literarische Weblog.” (Klappentext, Auszug)

Mehr / Order …

September 2011, 132 S., 13,7 x 20,5 cm, Klebebindung

ISBN: 978-3-905846-18-8, €14 / 22 SFr

Auch die klügsten Konventionen bleiben Gemeinheiten.

Andacht im Kaffeehaus. – Vor den wunderlichen Gebärden der alten Damen in den Hinterzimmern an den Bridgetischen, vor ihrer exotischen Höflichkeit, vor ihrer atavistischen Etikette (welcher nur der Herr Franz, der Oberkellner im Frack, noch zu genügen weiß). Dieses fremde Hermetische, dieser ruhige, behäbige, museale Fluß der Gesten und Sätze wird nur für den Beobachter aus einer anderen Zeit gestört, kurz, blitzartig durchbrochen, von seltsamen senilen Tics, die zu ignorieren, ihnen aber selbst mühelos gelingt.

Auch die klügsten Konventionen bleiben Gemeinheiten.

Treue. – Das Versprechen, ihm und mir von Zeit zu Zeit ein paar Gewohnheiten zu stehlen, damit wir uns auch verkennen. Die Pflicht zum Diebstahl unter Freunden.

p24

Gott ist eine perfide perfekte Idee der Zeit.

A und O. – Gott ist eine perfide perfekte Idee der Zeit: eine ewig erste Erkenntnisblockade.

Der Beobachter drängt immer, selbst in die Unendlichkeit gestellt, hinaus.

Wir sind die Schlüsselkinder der Träume. – “Geht!”, flüstern sie, wenn wir erwachen. “Geht, laßt uns allein! Seid artig, spielt ein wenig in Zeit und Raum, tobt, werdet müde. Wir sehn uns wieder, heute Nacht, versprochen!”

Der schreckliche, unheilbare Glaube an die eine Gesundheit.

Dem simplen Trick des Spiegels erliegen wir, der Zauber des Echos wird uns gewahr. Das Geheimnis bleibt immer die Zeit.

Realitätsprinzip und Kunstgenuß eines mir bekannten Psychiaters. – Doch am Abend, in der Oper, läßt sich der Herr Doktor von den Irren zu Tränen rührn.

p23

Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 08/2011)

Der auferstandene N–Ni–Nietzsche dichtet:

Ich steh‘ und horch‘: Was konnt‘ mich irren?

Was hör‘ ich in den Ohren sirren?

Wie jeder, den noch Ketten kirren

Hör überall ich – Kettenklirren

Subversivität, wie sie in der Kunst so oft gefordert wird, wäre unter anderem dadurch zu definieren, dass sich etwas möglichst deutlich von zumindest seiner Zeit abhebt – und möglichst vielen anderen; was am längsten überlebt, ist am deutlichsten nonkonform: die tatsächlich beste Literatur, die elitärste Literatur als subversivste Form des Gegenlebens.

Im Reich des Geistes gibt es selten Platteres als eine Autographensammlung: in Zellophan gehortete Hoffnung auf Kommerzialisierbarkeit fremden Ruhms.

Hören wir im Innern des Mutterleibs so was wie ›Sphärenklänge‹ (von den Blutbahnen)? Und sofort nach der Geburt – nicht mehr geschützt vom Uterus, aber auch nicht mehr umgeben von Blutbahnen – hören wir sie nicht mehr? Weshalb die Kindchen nach der Geburt sofort schreien: sie meinen, ertaubt zu sein und müssen es sich beweisen, dass sie noch hören.

Was ist Sentimentalität? Die emotionale Promiskuität jener, die keine echten Gefühle haben.

Charles Fourier ist das gute Beispiel eines zum Glück weit verbreiteten Phänomens: Seine Hauptideen sind offensichtlich falsch, die praktischen Konsequenzen, die er daraus zieht, jedoch äußerst lebenstauglich.

Wenn alles verloren ist – werde ich Schriftsteller sein.

Zum Blog Salzkristalle & Trüffelpilze

Jede Wissenschaft will wohnen.

Spieglein, Spieglein an der Wand … – Sei still, du lehrst uns niemals sehen.

Theoretische Unmöglichkeit der Wahrnehmung des Gleichzeitigen: aufgrund der Geschwindigkeit des Lichts, des Schalls, der Impulse, die durch unsere Nervenfasern jagen. Die Dinge erreichen uns immer schon als vergangene. Für den geteilten, gemeinsamen Augenblick müßten wir Augen und Ohren, müßten wir uns vor ihnen verschließen.

Der Augenblick wird meist als Zeitpunkt verfehlt.

Jede Wissenschaft will wohnen. – Die Hypothese errichtet provisorische Wände in der Welt – flatternde Zelte, windige Baracken – und beginnt in ihnen gierig zu träumen. Von der uneinnehmbaren Burg, von ihrer letzten Behausung gegen die Welt.

Ich muß immer lächeln, wenn ich Züge verpasse. Seht ihr mich? – Hört aber auch das Gelächter der verspäteten Züge, wenn sie mich dann erreichen.

p22