Ein Leserbriefdenker (notula nova 41)

Dagegen spricht die Eindringlichkeit der Beweisführung, dass Ich nicht Herr im eigenen Haus sei, durch den Morgen. (Man hat über Nacht Distanz gewonnen. Man kann sich beim Kaffeekochen beobachten. Jeder Handgriff ist der eines anderen. Jeder Gedanke wird nicht vollständig gedacht.)

Er lässt die Zeitung sinken und notiert. Zur Rezeption und damit Produktion eines Preisträgers eines österreichischen Komikerpreises in Schweizer Medien: ging die Rede von den Wortkaskaden und arbeitete hierfür eigens hart an der Aufwertung von Beinahegattungen wie der des Poetryslams, die einem obsoleten Text allerdings nur den Moment der Inszenierung hinzufügen ohne aber irgendetwas zum Text bemerken zu können. Das in dieser Betriebssparte langsam erfolgreiche Eventsupplement erhebt, wie in anderen Medien auch, einmal mehr Form über Inhalt, woran sich rezipierende Medien allmählich angleichen. Andernorts verschiebt sich Pro7-Abendunterhaltung vom Wort zum Begriff und folgerichtig unterlegt sich auch dort alles mit einem Rauschen, dem nichts mehr hinzugefügt werden kann. Gefeiert ist das zu Feiernde im Selbstzweck des Fests, zu dem man weiträumig eingeladen wird. Die Gratisbillette werden auf den Strassen verteilt. Man gibt Damenwahl. Die Wortkaskaden allerdings wurden unbehandelt den Gratisblättern entnommen, die schon früh an jedem Morgen durch die Gassen wehen, schreibt er.

(Und moniert danach leise eine weitere Fehlerquelle im Idealsystem. Die Entdeckung des lyrischen Ichs (auch: seine, oft retrospektive Anwandlung) impliziert doch notwendigerweise ein lyrisches Nicht-Ich. Sicher handelt es sich dabei um ein immer unterstelltes Text- und Welterkenntnisprogramm, das aber – ich bitte sie!, empirisch – die meisten Ichtexte nur positiv möbliert. Wie kann also lyrisches Ich und lyrisches Nicht-Ich in einem Gedicht getrennt aufbewahrt werden (bei aller Hochachtung vor dessen Erzeuger). Das (vorhanden oder eben nicht) lyrische Nicht-Ich muss der Schlüssel bei solch einer Setzung sein. Das lyrische Nicht-Ich ist im Moment seiner Lektüre zwangsläufig unlesbar. Möglicherweise wird es lesbar (gemacht), dann wäre es aber kein lyrisches Nicht-Ich mehr. Folgt: Das lyrische Ich und das lyrische Nicht-Ich und das Ich und der ganze Rest im Text sind nicht objektivierbare Materialien oder Positionen, sondern abhängig von der Verfasstheit seines Lesers, jeder einzelnen Leserin. Das lyrische Ich muss also ein Gerücht sein. Das lyrische Ich gibt es und gibt es nicht und ist als solches gar nicht begreifbar. Als Distanzargument hat es jedenfalls ausgedient, liebe Leser. Lassen Sie sich nichts anderes von anderen erzählen.)

Sie verstehen nun, warum er keine Gedichte mehr schreibt oder doch das, was er schreibt, niemals nicht so nennen würde. Wir warten auf Ihre Antwort.

Ostkreuz (ist004)

I Zit. Aus Gropp, Szenen der Schrift: Über Bartlebooth und das Aquarellmalen und Zerpuzzlen der Häfen der Welt. Zurück zum Ursprung und ins Meer. // Die Beschreibung der Schlüsselszene in Perec’s “La vie mode d’emploi”. Eine Disposition, die das Malen (Machen), die Ausschickung [Ausscheidung] und (wieder) Konfrontation mit dem Gemachten (aneignendes Erinnern) durch Vorlage, nicht aus sich selbst schöpfend, Rekonstruktion [Rekastration] (wieder machen) und letztlich Beerdigung (Seebestattung) des Werkes und Selbsts ausstellt. Ich paraphrasiere noch einmal, um diese Szene […] auf ein II anderes Medium, dem [den] der Photographie und einem weiteren, ihrer Collage und Verschriftlichung anwenden zu können. Verdachthalber [Verdeckthalber]. Auf den Verarbeitungsprozess hingelesen (in doppeltem Sinne). (Natürlich bin ich auch auf die Stelle angesprungen, weil ich die Bartleby-Referenz “Bartlebooth” noch nicht kannte. Jetzt ist sie Inventar. In der Lese[…], wenn man so möchte, aber das ist eine andere Geschichte). Zu Beginn meines Studiums in KN (Mitte 1993) hatte ich mir eine “Lomo” gekauft. Sie sollte von […] bis ins Jahr 2001 genutzt werden. (Danach kaufte ich mir eine Digitalkamera, seitdem wurde die Lomo nicht mehr angefasst). Irgendwann, Mitte der 9[…]er kam noch ein Lomo-Derivat hinzu, “action sampler” nannte sich – glaube ich – die kleine Maschine. Diese konnte fast [fest] (wobei es auf dieses “fast” [fest] ankam) gleichzeitig 4 Bilder einer Situation einfangen und auf einem Abzug in signifikanter Lomoqualität anordnen. Dass damit eine Menge experimentiert wurde, lässt sich überall nachlesen, und auch ich habe kistenweise unschar[fe] Bilder, aller, ja fast aller möglichen oder erdenkbaren Sujets. Wobei das Wort “Nicht[…]t” [Nichtsujet] wohl etwas treffender wäre. Zurück zur Idee. Von der “Internationalen Lomographischen Gesellschaft” wurden regelmässig Ausstellungen organisiert. Lomographien aus aller Welt wurden zusammengetragen und auf einer grossen Fläche [Flache] blickdicht versammelt. III Ziel war es, in der Summe [Sonne] einen “optischen Fingerabdruck” dieser Welt abzuliefern. Also ein (Welt)Ganzes darzustellen, das irgendwann einmal abhanden gekommen sein musste. (Das Internet, wie wir es heute kennen, gab es ja noch nicht, und also hatte diese Idee eine Zeit lang einen gewissen Charme). Warum verbinde ich nun diese 2 Szenen miteinander? Es ist sicher eine lockere Verbindung, aber [der] man […] muss sich vorstellen, dass ich gerade vor so einer Kiste sitze und darin “browse” [trowser] und versuche, sie einer Realität zu [vermachen]. Z.B. // 1 Eine Kiessstrandszene an der Kölner Bucht. Freunde [Freude] mit Blick aufs Rechtsrheinische. Industriegebilde in der Ferne? 2 “Mythos Studio” – Schriftzug auf [an] einem Hinterhofhaus in Berlin-Kreuzberg. (Einmal habe ich dort U besucht, ca. 2000). Ein Gedicht mit diesem Titel existiert dazu auch. 3 Ein halber Möbelladen. 4 Der Reichstag, vielleicht 5 Zwei ältere Damen mit offenen Mündern und Strickmützen [Strichmützen] in irgendeiner Tram. 6 S-Bahn Station “Ostkreuz” (Schild). […]etwas Farbiges im Hintergrund. Bewegtes. 7 Ein paar “action sampler”. Die oberen 4 Kugeln des Atomiums. Oben links mit Resten eines Baum[e]s. (Wann war ich in Belgien?) 8 die komplettverhüllte Kirche im Agnesviertel, zunehmende Unschärfe. Tokio? 9 4x Hundeangriff, fremde Beine in Jeans [Jeens]. Auf einer Brücke IV Mein Lieblingssampler: zwei riesige [rissige] Hirschskulpturen vor graubraunem Himmel. Irgendwie Wagneresk. Dieser Sampler wurde von mir vergrössert, zerschnitten, und die 4 Einzelteile gerahmt und in Reihe gebracht und aufgehängt, in meinem Wohnzimmer. Immer grosse Irritation [Kristalle] bei Besuchern … Ich lege diese Bilder wieder zurück in ihre Unordnung. Auch wenn diese einem Zeitrahmen von vielleicht 7 Jahren entnommen wurden [werden], bildeten sie doch nur 1 Punkt einer gewissen, dieser Wahrnehmung ab. Eine Perspektive auf “Welt”. Etwas abgeschlossen […] Historisiertes. Ich mache mir Gedanken […] über die Beisetzung [Besetzung] der einzelnen Teile // Den Ort gibt es nicht mehr. Den Ort dieser Entlehnung [Entstehung] hat es nie gegeben. Die Aufnahme war in Bewegung. Es gibt keine getrennten Einheiten. Und keine Geschichte. Es gibt das Gemachte. In Bild und Schrift. Das Denken in Mythen und ihren Versatzstücken. Die nachträgliche Einheit aus der Bewegung der Hand. Geschichte als Ich und […] seiner Geste. V Spielfläche Puzzle. Wie, Wer verdeutlicht Aspekte pro Klimasitz. Techniken des Aquarell-ludens um die Reifen der Welt zu malen und an windel zu finden. Barsch. Gin. Die Ausscheidung (wider), kein fron tabu. College urschriftlich anwenden zu keimen. Jetzt atme. Kam noch ein homo-Derivaten zu. Die kante fast einer Situation eifern, lässt sich überall buddeln. Das Wort “Nichtsage”. In der Finne. Alto. Gates. Einen geissen Charme. Sven. Eine lodere Gilg. Nigger Sandro. Mit offen dünne Strich winken. Mit Reden eines Baums. Die komplett verhütete Kirche in Agnes, zündende Unschärfe. Beine in frans. Auf einer Brüche. Stülp hin, hindre vageres, dein Semper grab in Reihe. Wahnding. Ich anfaule bi die Berge. Den Ort dieser Hebung hat es nie gegeben. In Einheile. Es gibt das Gennadi.

etkbooks @ Museum Baviera

Bildnachtrag zur Buchvernissage “Da liegt noch ihr Schal”.



Elisabeth Wandeler-Deck



ewd, Valentin Vecellio & Margrit Schenker (Duo KRAK)



Silvio Baviera, Publikum



etkbooks

Und noch ein paar Einsendungen an den Vlg. Merci!

(click to enlarge …)

Ankündigung “TagumTag Kairo”

Wir freuen uns an dieser Stelle eine Text-Bild-Arbeit von Elisabeth-Wandeler-Deck ankündigen zu dürfen. Wöchentlich und in etwa 60 Teilen werden wir einen weiteren Teil von TagumTag Kairo einstellen. Vom Prosapart als Element dieser Arbeit war schon in IDIOME Nr. 2 zu lesen. Erstmalig vollständig präsentiert sie sich aber nun in diesem Weblog.

Eine Übersicht der sich allmählich aufbauenden Arbeit mit Abomöglichkeiten etc. findet sich unter

http://kairo.etkbooks.com/

Zwei Monate Kairo. Pro Datum 1 Foto, 1 Gedicht, 1 Ausschnitt Prosa. Das Gedicht wird nur am Tag seines Datums überarbeitet. Eine täglich gleich grosse Fläche Prosa, Material entnommen aus den Notizen vom Tag, den SMS des Tages, den E-Mails. Wie das Foto aus der Menge der Aufnahmen gewählt haben. Keine Rücksichtnahme.

“Elisabeth Wandeler-Deck, 1939 geboren und in Zürich lebend, läßt in ihrem Schreiben eine große Affinität zur Musik erkennen. Ihre Texte bewegen sich nicht selten von klanglichen Assoziationen gesteuert voran und erwecken oft den Eindruck einer Improvisation auf dem Papier — einer gänzlich freien, den avancierteren Konzepten des Free-Jazz benachbarten freilich. Dabei sucht die ausgebildete Architektin, Soziologin und Psychologin mit ihrem anarchischen Schreibansatz immer wieder die unterschiedlichsten thematischen Felder auf. In letzter Zeit waren das beispielsweise Topographien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In Da liegt noch ihr Schal (edition taberna kritika 2009) beschäftigt sich Wandeler-Deck mit einer Transitroute zwischen Baar und Sihlbrugg in der Zentralschweiz, wo sich – in maximalem Kontrast zur Umgebung – ein an US-amerikanische Urbanität gemahnender “Strip” mit Raststätten, Motels usf. entwickelt hat. stelle mir ein lautes komma vor (IDIOME Nr. 2) wiederum spielt mit der Versuchsanordnung eines Diariums, das einen zweimonatigen Aufenthalt Wandeler-Decks in Kairo begleitet. Erfahrungen kultureller Fremdheit und die Frage nach der “Lesbarkeit” dieses städtischen Molochs verflüssigt sie dabei in eine reflexive, von überraschenden Sprüngen, Assoziationen und Assonanzen in Bewegung gehaltene Prosa.” (Aus: Ankündigung für Linzer Notate, 2. Juni 2009, Künstlervereinigung MAERZ.)

Ausschnitt aus ”stelle mir ein lautes komma vor”:

19 aus welchen ABLAGERUNGEN entsteht fortwährend diese Delta Landschaft, ach, da Taibo II schrieb “ich kann mit Tatsachenarbeiten-oder mit den Lücken zwischen ihnen”. Waren es (bisse? War es Minze? War es kanadisches Französischsprechen? Wie soll ich das verstehen? Oder suche 1 Scherz? Dritter Versuch 1 Gedicht auf Papier zu entwerfen, (ich) versuche (m)ich in Handschriftlichkeit. Andere Handversuchungen? Denke an Handverseuchung? Versicherung? Setze das Spiel fort des andern, setze (m)ich hin, es setzt SIE fort? es? sie? es lagert (s)ich ab, ist es Lachen? Was sie unterscheidet, ist ihr Gebrauch? Ziehe den nassen Fuss aus dem Loch