Gefühlte 40 qm (notula nova 25)

Wir erfinden das Rolf-Dieter-Brinkmann-Nordstrassen-Stipendium. (Und den Hohnpriester für ein Tarot. Mir wird berichtet, dass ein Herr Niedergesäss die Mitfahrgelegenheit nach Berlin abgesagt hat.)

Und: Der Benutzer, ein Herr Casparowski, hat diese Woche zum wiederholten Male einen Finger in der Nase und gleichzeitig die andere, linke Hand an der Hinterbacke, in der Hose.

Und: ein Kinderbuch mit einem jungen Protagonisten namens Max Fisch konzipieren. (Auf Verschreiber und Vertipper, kurz: auf selbstverschuldet, fehlgeleitetes Suchen spekulieren …)

Überhaupt:

Böser werden und

Immer böser werden und

Gemeiner werden

nur so kann eigene Zaudrigkeit projektiert und urbar gemacht werden, behauptet er. („All or nothing”, sage ich zu Pedro Lenz: Nein, mein Lieber, diese Provinzpossen mach ich einfach nicht mit. Diese Art Literatur interessiert mich in keinem noch so bedeutendem Fall.)

Ein schwerer Neuschnee

Nichtet den Bambus zur Farce

Entsetzte Nachbarn

Nota bene: ein Litblog zu betreiben (B. hätte vielleicht gesagt: eines zu schreiben): die Verfasstheit einer (eigenen) historisch-kritischen Ausgabe konzipieren. In Echtzeit.

Und die Entdeckung eben: die winzige Gravur auf der metallischen Abdeckung der Klopapierhalterung. “Bodenschatz”.

Am Bahnsteig: en passant findet mich ein anachronistisches Lächeln.

You scream (notula nova 24)

Und: er hatte das Lächeln einer gut gefütterten Katze. (Auch zu diesem Bild: Suchen und Finden, Kreuzkusinen lebendigen Seins).

Da! Jetzt sind endlich die Wörter da: Haupttaktik von Goetz’ Klage ist es, einen Text darzustellen, der vorgibt, um ein vielfaches objektiv mehr zu wissen, als der Text selbst über sich weiss. Das erzeugt beim Lesen ein angenehmes Gefühl des Schwindels. Ein Schrumpfen in alle Himmelsrichtungen. Und endlich eine konturierte Anschauung über den Begriff „Berlin“ jenseits des Recherchierbaren.

Und: “Der Kampf um Schnäppchenleser”. (Seit geraumer Zeit dieses Bläschen an der Unterlippe. Eine Hautreizung? Oder Entzündung? Ein Faktum, das sich keiner Beobachtung entzieht.)

Auch: die Lyrik-Einlassungen im NZZ-Feuilleton: seichte Gewässer. (Metonymien: Heute die Gesellschaft wegen ganz anderer Dinge verachten, als früher.)

3 Schwaben (2 Männer, 1 Frau) sind im besten Mannesalter auf Geschäftsreise. Ist das noch Arbeitszeit? Bis Stuttgart? Sie entdecken eine zurückgebliebene BILD-Zeitung. Furchtbar, die Welt. Und das am Herzen operierte Kind. Rote Krawatte, dunkelrote Punkte, graues Jackett. Bürstenschnitt, grau. Sie: Schal, dunkle Bluse, modische Digitaluhr. Blondiert. Daneben: Daunenjacke. Gewerkschaftsfeige. Monatskartentarife. Merkel. Als Eisverkäuferin arbeiten – “würde ich auch machen, wenn man mir 2 Millionen Abfindung gibt”. Reisekostenabrechnungen. Betriebsräte. Wahlen. Esslingen. Stuttgart. (Die Augen auf. Die Ohren auf. Den Gesichtern der Menschen nur knapp begegnen. Eigentlich: knapp verfehlen. Wachsam sein. Motivationen. Enttäuschungen. Umschulungen. Kurse zu diesem und jenem. LLL – lebenslanges Lernen. Etwas geht viel zu lange. Der Chef. Der Chef ist der Herr im Haus.)

Und 8 Jahre später hat man dann plötzlich 1 Frau und 2 Kinder. (Kann Gott einen Stein schaffen, so schwer, dass er ihn nicht zu heben vermag?)

An einer Kölner Einwandung: Sauros Verlag. Nie gehört. Zerkratztes Graffiti, teilweise übersprayt, nachzuschlagen. (Nachtrag: man verlegt Materialien für selbstgesteuertes Lernen). Und: Die meisten Lyriker können posthum wohl von ihren Gedichten leben. Und: Das Reizklima in Wuppertal. Und Heiko? Heiko wer?

Neu gelernt: “Schlampenstempel”. Und: “Bobby – Das erste Automagazin für Kinder”.

Daneben Diskussionen über: die Reputation des Flattersatzes. “Schlampe und Schlampampe als Zeitungstitel”. Klage.

Was ist mein Autor?

… ist der ursprüngliche Titel des nun als “Der Autorname als URL” getitelten und in der Berliner Gazette erschienenen Textes.

(…) Es ging mir also darum, eine Schreibweise [oder: Schreibweisen] zu entwickeln, die diese juengsten Moeglichkeiten weiter ausschoepfen konnte. Und umgekehrt: diese Moeglichkeiten in jenes Schreiben zu integrieren. Desweiteren ging es darum, einen Schreibprozess zu stabilisieren, der sich einerseits aus Archivimpulsen speisen, andererseits natuerlich auch Vernetzungen und Selbstvernetzungen transparent machen konnte. In den sogar Aeusseres [Kommentare, Referrer etc.] einfliessen konnte. Was mir auch gut gefiel dabei, war diese gewisse Aesthetik der Vorlaeufigkeit, die aber freilich nur so erscheint. (…) Das Schreiben im Weblog dagegen, auch das Lesen in anderen literarischen Weblogs, ist eine ganz andere Praesenzerfahrung. Eine gewisse Form der Unmittelbarkeit und Zeitnaehe, die ganz unterschiedliche Erkenntnisprozesse bei Schreibenden oder Lesenden ausloesen kann. Das hat auch Folgen fuer den Autorschaftsbegriff. Die beruehmte Frage einer Beckett-Figur >Was ist ein Autor?<, die bekannterweise von Foucault aufgegriffen wurde und die der Autorschaft [dem Autorennamen] quasi Funktionscharakter zuschrieb bei gleichzeitiger Abwertung des Auratischen, ihr also in gewisser Weise Adressierungs- und Buendelungsaufgaben zuordnete, kann heute mehr noch als frueher konkretisiert werden. Ironischerweise bekam die Adresse des Textes eines Autors eine URL. (...) Ein Autorname in einer URL wird und fuehrt selbst zu anklickbarer Praesenz. Autorschaft als suggeriertes Textmonopol, das aber im Umfeld betrieblicher, hocharbeitsteiliger Verfahren tatsaechlich nicht mehr einer alten Autorschaftsidee gehorcht, kann so aber im Vergleich - beispielsweise durch genannte Aktivitaeten - wieder etwas regeneriert werden. Textsubjektivitaet wird dadurch spuer- und erlebbarer. Ich glaube also, manche Texte im Rahmen ihrer Entwicklung zu betrachten, kann diesen zusaetzliche Glaubwuerdigkeit bescheren. (...)