Keep this frequency clear / A2S3(3)

(D18)

R1

Käs und Sachwitz sitzen nun jeweils an einem Computer und nehmen unaufhörlich Telefonate entgegen. Beschwerden. Vertröstungen. Weiterleitungen.

KÄS: Ja, wir suchen gerade danach. Wir melden uns.

SACHWITZ: Vermisst heisst vermisst. Da kann ich leider auch nichts machen. Sie könnten vielleicht einen Antrag zur Neuanschaffung stellen, aber ehrlich gesagt …

KÄS: Im Moment nicht. Da gibt es offensichtlich ein kleines Netzwerkproblemchen. Ich verbinde Sie mit dem Administrator.

SACHWITZ: Die wurden aus Kostengründen abbestellt. Nein. Aber selbstverständlich können Sie die Zeitschriften online einsehen. Wir haben da nur gerade in kleines Problem mit dem Server.

KÄS: Das tut mir leid. Ich komme da telefonisch gerade nicht durch. Ich bin aber gerade dabei eine E-Mail zu verfassen, in der die …

SACHWITZ: Die Bücher aus O2? O2 hat noch Bücher? Dafür sind wir leider nicht zuständig. Bitte versuchen Sie es doch einmal bei den Kollegen in der D&A.

KÄS: Nein. Nein. Nein.

SACHWITZ: Nicht jetzt, Mama, ich …

Aus R3 (dunkel) in R1/R2

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 1914.

BAUER (hektisch, schwer atmend): Verrückt. Alle verrückt geworden. Aufwachen, hallo! Seht ihr denn nicht, was da vor sich geht? Seid ihr noch alle da? Die Bündelungen? Hä? Ich bin in der Projektbereichsgruppe 2. Ich habe Dinge gehört und gesehen. Wacht endlich auf. Sie sind hinter euch her!

Weber in R2 ist entsetzt. Flitz, Flugs, Käs, Sachwitz etc. sind überrascht. Weber will nach R3, doch die Türe ist verriegelt.

WEBER: Das ist ja wohl die Höhe! Bauer! Machen Sie da sofort auf. (Trommelt gegen die Türe). Bauer. Machen Sie sich doch nicht unglücklich. Bauer! Kommen Sie zur Vernunft. Ich sage das jetzt zum letzten Mal.

BAUER: Die Überführung. Luft. Alles Luft. Einfach Luft. Ich bin Luft. Ihr seid alle Luft. (Man hört nun Getrampel und andere Einsatz- bzw. Kampfgeräusche in R3). 404. Ich … (Man hört einen dumpfen Schlag und ein Ächzen).

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

Weber kann nun in R3 eintreten.

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 1915.

WEBER: Ähem. Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich möchte mich ausserordentlich für diesen kleinen Zwischenfall entschuldigen. Es handelte sich dabei offensichtlich um eine Frequenzstörung. Die Durchsage ist für uns also nicht weiter von Belang. Ich möchte aber diese Gelegenheit nutzen, Sie alle auf unser neues Leitsystem aufmerksam zu machen. Die Montage ist fast abgeschlossen und kann von Ihnen allen nun begutachtet werden. Zu allfälligen neuen Sicherheitsmassnahmen, die auch in diesem Rahmen umgesetzt werden, informieren wir Sie genauer zu gegebener Zeit. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

Kurzes Blackout, dann hellblaues Licht in R3. Die Szene wird von elektronischer Musik überlagert (NN). Weber, Maurer und Neumann, nun in militärischer Montur, ihnen gegenüber (von hinten zu sehen) der nach Guantanamo Art gefesselte und kniende Theo Bauer. Aus dem Lautsprecher – so erahnt man – liest Dr. Jäger die Anklagepunkte vor. Sabotage, Spionage etc. Bauer wird noch gefragt, ob er etwas zu seiner Verteidigung sagen möchte. Nachdem er das verneint, wird er von Maurer/Neumann abgeführt.

Dann wieder vollständiges Blackout.

Tracks & traces

(A04 zu E08)

Mein Freund,

dass wir uns getroffen haben, grenzt an ein Wunder. Dass sich unsere Spuren weiterhin decken, ist noch wunderbarer. Ich weiss, wie Du es gewohnt bist, die Dinge in die Hand zu nehmen. Und diese zu verfolgen. Extensiv. Intensiv. Bis zur Selbstaufgabe. Bis zur völligen Erschöpfung. Dass wir dabei immer wieder aneinander geraten, ist ein Zeichen, denke ich. Ist mehr als nur blosser Zufall. Random function. Und: bei all der Menge, die sich angesammelt hat: Random function. So viele Bücher durchkreuzt zu haben und eine schier endlose Menge weiter bewältigen zu wollen. Zu müssen. Wer behält da noch die Übersicht? Absurd, diese nebeneinander stellen zu wollen, nach einem Schema, Thema oder Rhema. Absurd, nicht von allen die Rücken abreissen zu wollen. Sie begreifen sich gegeneinander und wollen sich abgrenzen. Und sind doch aus einem Guss. Man müsste sie ineinander stellen können. Sie miteinander verschmelzen und den Brei in grossen Kellen ausgeben. Die Armenküche. Die hungrigen Mägen und trockenen, gierigen Schläuche.

Es tut mir leid, dass ich etwas ausgelöst habe, was ich nicht auslösen wollte. Ich hoffe, ich habe Dich nicht in Schwierigkeiten gebracht. Es tut mir leid, dass es mir leid tut. Sicher gehört es nämlich dazu, das Leid, Dein Leid, mein LeidandeinemLeid.

Ist es ein Parallelweg, der mit einem Bein nachgezogen wird, während das andere versucht in der Spur zu bleiben? Nun. Du hast eine Spur gefunden und das gefällt mir. Und was wir am Morgen tun werden, nachdem das Verdaute der Armen, oder Halbverweste und Ausgespieene in den kleinen Gassen der Stadt liegt? Was kümmert uns heute der Morgen?, frage ich Dich. Oder hast Du etwa Angst? Ein wenig davon ist notwendig, wie Du vielleicht weisst, um es in Gang zu setzen. Nicht? Ein kleines Risiko. Der Schmerz der immeroffenen Augen. Der Verlust des einen oder anderen Bildes. Der Durst. Der Schwindel und der Argwohn der anderen. Was ist das schon gegen jenes? Jenes, das unseren Namen tragen wird. Sag. Wie würdest Du es denn nennen? Hast Du Dir darüber schon den Kopf zerbrochen? Fragt Dich

A.

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(D17)

R3

WEBER: Wir brauchen da eine differenzierte Optik.

FLITZ: Es ist ein bewegtes, ein spannendes aber auch anstrengendes Jahr.

FLUGS: Es ist vor allem eine grosse Herausforderung. Es sind viele Chancen gegeben.

WEBER: Wir arbeiten an einem Fundament für die mittel- und langfristige Entwicklung dieser Bibliothek.

FLITZ: Vielerorts sind vorerst Kompromisse notwendig. Diese dürfen sich wiederum nicht negativ auf Arbeitsqualität und Kundenservice auswirken.

FLUGS: Künftige Abläufe und Zuständigkeiten sind zu klären. Rahmenvorgaben sind zu entwerfen.

WEBER: Die Arbeiten sind zunächst auf zwei Bereiche zu konzentrieren. Auf der rechtlichen Ebene gilt es die vertraglichen Voraussetzungen zu erfüllen.

FLITZ: Weitere Vertragsverhandlungen sind zu führen.

WERBETRAILER: Wir erschliessen für Sie neue Welten. Wir machen uns fit für Ihre Zukunft. Wir sind Ihre Bibliothek.

FLUGS: Von den Ergebnissen dieser Vertragsverhandlungen abhängig sind auch die operativen Umsetzungsschritte zur Überführung …

WEBER: Dieses Unternehmens in ein neues Zeitalter.

FLITZ: Zeitalter?

FLUGS: Ins Medienzeitalter.

FLITZ: Medienzeitalter?

FLUGS: In die Virtualität.

WEBER: In die absolute Virtualität.

FLITZ: Was soll das heissen? Absolute Virtualität?

FLUGS: Das ist doch nur eine Metapher. Ein Bild einer Idealform. Ein …

WEBER: Ein Fernziel. Aber kein unerreichbares. (Räuspert sich). Dr. Jäger und ich arbeiten da schon länger an einem kleinen Konzeptpapier. Es entwickelt sich. Doch dazu mehr an unserem nächsten Synthesetag.

FLITZ: Und zweitens?

FLUGS: Zweitens?

FLITZ: Na der zweite Bereich, auf den wir uns konzentrieren müssen.

WEBER: Richtig. Der gesamte Bibliotheksbetrieb muss während und nach der Reorganisation reibungslos weiterlaufen. Um das sicherstellen zu können, installieren wir heute, wie angekündigt, ein neues Kunden- und Mitarbeiterleitsystem. Ich bitte Sie, mir doch kurz zu folgen, um die gerade ausgeführten Arbeiten zu inspizieren.

Weber, Flitz und Flugs gehen ab nach R2. Weber löscht das Licht in R3 komplett. Dort nun absolute Dunkelheit.

R2

FLITZ (staunend): Ahh. Ah so.

FLUGS (eher verunsichert): Aha. Ja.

WEBER (weisst auf verschiedene Pfeile und Beschriftungen): Das System ist natürlich weitgehend selbsterklärend. Da braucht man gar nicht viel dazu sagen.

FLITZ (immer noch staunend): Aha ja. Sehr gut.

FLUGS: Ja, das ist …

WEBER: Ausgetüftelt. Bis auf den letzten Haken. Man hat da nichts dem Zufall überlassen. Die Zeichen. Und erst die Farben. Und das alles in der neuen Gestaltung, man könnte fasst von einer neuen, ja gemeinsamen Handschrift sprechen, die …

WERBETRAILER: Bitte beachten Sie auch unser neues Orientierungssystem. So finden Sie sich noch schneller zurecht in Ihrer Bibliothek.

Teilverbrennungen*

(B31 zu M31)

»Nein, Herr Pfarrer«, entgegnete der Barbier, »denn ich habe auch sagen hören, es sei das beste aller Bücher, die in dieser Art verfaßt worden, und so muß ihm, als einzig in seiner Kunstgattung, Gnade zuteil werden.«»Weiter!« sprach der Pfarrer.

»Wer ist jenes Stückfaß?« fragte der Pfarrer.

»Es ist dies«, antwortete der Barbier, »Don Olivante de Laura.« »Ist der Herr Florismarte da?« entgegnete der Pfarrer.

»Mir recht, Herr Pfarrer«, antwortete sie und vollstreckte mit vielen Freuden, was ihr aufgetragen worden.

»Wohl kenn ich Seine Gnaden«, sagte der Pfarrer.

»Dem stimme ich bei«, sagte der Barbier. »Helf mir Gott!« sprach der Pfarrer mit lautem Aufschrei. Ich sag Euch in Wahrheit, Herr Gevatter, daß es in seiner Art das beste Buch der Welt ist.

*Word > Extras > AutoZusammenfassen … > Neues Dokument erstellen, welches die Zusammenfassung enthält > Länge der Zusammenfassung: 4% (= 10 Sätze bei 122 Wörtern. Originaldokument: 2816 Wörter in 91 Sätzen) von Miguel de Cervantes Saavedra, Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha – Erstes Buch 6. Kapitel: Von der heiteren und gründlichen Untersuchung, welche der Pfarrer und der Barbier in der Bücherei unsres sinnreichen Junkers anstellten.