Aber an den kleinen Mann kannst du dich noch erinnern? An feinen Zwirn. An seinen arroganten Schal. Du hast dich fürchterlich über ihn aufgeregt. Was er in der Wohnung meiner Grossmutter zu suchen hätte, hast du mich immer wieder gefragt. Und: alles sei nun kotverschmiert. Und: er hätte ganz fürchterlich dünnes Haar, sei vorlaut und verstunken, und dabei fliesse kein Wasser im ganzen Haus.
Ein schrecklicher Schriftsteller sei er. Ein Wortverdreher, der auf nichts Rücksicht nähme, nicht einmal auf sich selbst – wieso er also hier sei, fragtest du wiederholt und schliesslich sage ich dir, er sei immerhin unser Sohn.
Kategorie: die träume meiner frau
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Nie geruchloses Chlor. Auch die vorgestellten Freibäder schicken ihre Dämpfe bis an und knapp hinter die hohen Hecken. Die mit Bademeistern geführten Diskussionen verlaufen immer ergebnislos. Ohne Badehose wird man nicht das Areal betreten. Ohne Handtuch könne man keine Ausnahme machen.
Kindergeschrei beginnt nach dem Drehkreuz aus Eisen. Zwei Flugzeuge mischen sich ein und machen ihr Kreuz an die richtige Stelle. Das auf rotem Sandstein verduftende Chlor, oder das in schlecht verfugte Ritzen gekrochene, kümmert es hier nicht, und auch nicht dort.
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Die meisten werden in Kisten aufbewahrt und weggesperrt. Oder in Koffern, Säcken und anderen Gefässen. Üblicherweise stehen sie vergessen in den Kellern der Betroffenen. Auch in staubigen Dachzimmern und in den Garagen, den hinterletzten Winkeln ihrer Vorstadtwohnungen. Einige, wenige nur sind immer noch frei zugänglich und flottieren: durch die Strassen und Gassen, über die Plätze kleiner Ortschaften oder der Metropolen dieser Welt.
Diese Träume sind ihrem Wesen nach sehr stolz. Sie wissen sich von scheinbar allen geträumt. Diese Seltenen wurden im Laufe der Zeit zu ihrer eigenen Verpackung und damit Form und Inhalt der Vorstellungen aller. Diese Glücklichen wurden tatsächlich zu den Behältern ihrer selbst.
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Sie steigt aus einem langsamen Fluss und hat nichts an. Sie betritt nackt das Restaurant am Ufer und sucht nach einem freien Tisch. Sie findet keinen Platz und schämt sich, weniger ihres Nacktseins in einem Restaurant am Ufer, aber aller Augen auf ihr. Sie geht auf die Toilette. Dort verfliegt weitere Scham, allerdings auch die Notwendigkeit ihres Daseins. Sie muss wieder zurück in den Speisesaal.
Ihr Blick trifft ehemalige Nachbarn und sie wird an ihren Tisch gerufen. Auch diese haben nichts an, sagen sie, und schämten sich nicht. Aber sie lügen, denn sie sind vollständig bekleidet. Und: Sie schwammen nie in einem langsamen Fluss.
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Es gab nie Junkies vor den Supermärkten seiner Heimatstadt, wie er versicherte. Sie lebten dort nicht in offenen Bussen und übten daher auch keine sichtbaren sexuellen Handlungen aus. Wir haben das recherchiert. Wir haben auch recherchiert, dass er dort niemals gesehen wurde.
Seine Aussagen sind damit mehr als zweifelhaft. Wir stellen hiermit fest, dass nach weiteren gewissenhaften Untersuchungen seine Existenz mehr als fraglich ist. Wir wissen nun, es gibt ihn überhaupt nicht. Es hat ihn wahrscheinlich nie gegeben.