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Ihr habe sich so einfach das Träumen eingestellt. Nicht ganz eingestellt, aber zu einem grossen Teil verflüchtigt. Von einer Nacht auf die andere war nicht viel mehr zu sehen, als eine weisse Wand. Das Zeitalter der Knappheit, habe sie sich gedacht. Desweiteren habe sich ihr auch der Schlaf halbiert, seit sie wisse, dass nebenan nur noch jeder zweite Zug ein Atemzug sei. Beunruhigender fände sie allerdings das Rasseln im Hintergrund dieses Raums. Ein nervöser Ausdruck, den sie in diesem Zusammenhang zu vernehmen meine.

Mich verwunderte lediglich, sage ich ihr, dass sich ihre Traumlosigkeit erst jetzt einstellte. Und: dass sie damit leben müsse. Sie könne aber auch ein wenig stolz auf sich sein. Es sei eine durch und durch noble Sache, zu teilen und sich ganz in den Dienst der Ereignisse nebenan zu stellen.

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Der Schrecken am nächsten Morgen ist gross. Sämtliche Erinnerungen an die in Glasgow verbrachte Zeit sind überbelichtet und verschwimmen an den Rändern zu elegantem aber nutzlosem Sepia. In grosse Mitleidenschaft gezogen ist die ehrwürdige Universität und ihr schattiger Innenhof. Sowie im Winter das Frieren in ihren Arkaden. Oder: die Zahnarztgehilfin, die fragte, ob man mit ihr ausginge. Sie war es sicher, die eines Nachts noch ans Fenster klopfte.

Glücklicherweise aber auch: Ein Gespräch mit der Dekanin und das damals unaufhörliche Tropfen der Nase. Es bleibt mir der übliche, etwas abgegriffene Trost zum Bildverlust.

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Electre, wir wollen die Wüste putzen, sagtest du. Und ich war sofort begeistert von dieser Idee und nahm eine Woche frei. Wir fuhren hinaus, um das Gelände zu besichtigen. Bald wussten wir: es würde kein einfaches Geschäft werden, aber mit dem richtigen Willen am Ende nur eine Frage der Form.

Wir schafften es in einem Anlauf. Sieben Tage in einer Nacht, notiertest du stolz. Darunter: endlose Nacht, und: ohne Wasser, schöne Wüste. Da fügte ich hinzu: alles eine Frage der Instrumente, und des Blicks für die Details.

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Er bewegt sich wie selbstverständlich in Berlin zwischen blanken, steinernen Stelen. Ringsum eine Säulenhalle, darin sind Gästezimmer eingerichtet. Irgendwo im Atrium: Blaue, duftende Bäder. Er schaut auf die Uhr – sein Freund wollte ihn abholen. Er wartet. Er wartet zwischen den Stelen im Aussenzentrum Berlins.

Dort fällt auch ein Sack Reis um. Er wartet. Er wartet auf seinen Freund, der nicht kommen kann. Er wartet noch ein weiteres Mal, dann hebt er ab. Es steht ihm noch ein Koffer in Hai-kou.

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Nach vorheriger Absprache habe sie ein Gertrud-Leutenegger-Double getroffen. Dieses habe ihr tolle Sachen erzählt. Sie habe sich von ihrem Mann scheiden lassen und als Ausgleich die Finanzierung eines Studiums gefordert. Wahlweise ein Frühstück.

Das alles sei schwer nachzuvollziehen und zutiefst verstörend. Es sei ja auch nur ein Traum gewesen, versuche ich sie zu beruhigen. Aber nein, wehrt sie aufgebracht ab. Es sei nicht nur diese Tatsache, die sie in Frage stelle. Sie meine auch und vor allem ihr eigenes Ineinander mit dieser Welt.