Um dieses unendliche Glück zu empfinden: in einer schwülen Nacht aufzuwachen und ein Bein, das rechte, ins kühlende Bücherregal gestreckt zu halten. Ein weiterer Grund in diesen heftigen Sommernächten sich an solch einem Ort zu betten, sind nämlich die Hochglanzmagazine und Zeitschriften, die lose gestapelten, die die kälteren Tage speichern und nur darauf zu warten scheinen, unsere Erhitzungen zu lindern. – Ich wende mich, drehe mich auf den Bauch, damit auch mein anderes Bein davon profitiere.
Kategorie: die träume meiner frau
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Im Nachhinein die Aufregung über etwas, das sie den debilen Wasserfall der Altersrede nannte. Um, sie möchte dieses Beispiel bringen, zu leben, esse man, sagen sie laufend, und: man lebe nicht, um zu essen, ergänzen sie. Aber sie sprächen unaufhörlich darüber, vor dem Essen, während des Essens und danach darüber, wie es war und was morgen gegessen werde. Bis man sich wieder dem Wetter zuwende. Der Altersstarrsinn. Die zur Routine gewordene Heuchelei. Die Doppelmoral, die schon nicht mehr bewusste, weil das lange Zurechtgelegte endlich seinen Platz gefunden hat.
Sie will sich noch einmal zusammenfassen: das Altersheim sei der Ort, an dem die einfachsten Bedürfnisse zu grossen Dingen werden, obwohl längst gedeckt und das in alle Ewigkeit. Sie wollen es klein, sage ich. Sie sollen es klein bekommen, ergänze ich. Sie seufzt. Eine hätte sich beschwert, warum es denn keine weitere Vorspeise gäbe. Ein anderer hätte sehr unfreundlich einen unbestellten Kaffee angemahnt.
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Es sei aber auch wieder meine Entscheidung gewesen, den Urlaub in diesem Bergdorf zu verbringen. Und sie hätte sich darum etwas mehr Entgegenkommen gewünscht. Nun seien wir wieder nicht mehr alleine und wieder sei alles verschneit und unerwartete Gäste sässen wieder tagein und tagaus an unserm Tisch und söffen und ässen uns die Vorräte weg und stritten sich. Der Vater wieder mit dem Dichter. Der Dichter wieder mit dem Richter. Der Richter wieder mit dem Psychologen. Der Psychologe wieder mit dem Pfarrer. Und der Pfarrer wieder mit dem Zahnarzt.
Und sie zweifle an meiner Urteilsfähigkeit, nach den Erfahrungen der letzten Jahre. Und sie könne sich darauf keinen Reim machen und glaube nun, endlich verstehen zu müssen, warum ich den Zahnarzt hereingelassen hatte, wo ich doch die besten Zähne besässe, in der Familie. Darum frage sie nun.
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Sie berichtet wieder aus ihrer Höhle. Und wie sie plötzlich vier helle Sterne sieht. Ein Strahlenquadrat, das die sie umgebende Landschaft nun komplett ausleuchtet und auch ein paar Schatten erzeugt. So konnte sie sich noch nie umschauen. Rote Matten, wuchtige Gebirgslandschaften, salzsaure Flüsse stürzen hinter ihr in die Tiefe. Entlang der Gebirgskämme, oben und unten, werden vier riesige Gewebebündel eingelassen. Verletzungen sollen so verhindert werden, und weitere Verrenkungen ihrerseits.
Die Öffnung weitet sich und mehr Licht und eine Sonde mit rotierender Spitze dringt ein, macht sich an der Struktur der Gletscher zu schaffen. Ein grosses Rohr hängt sich hinzu und saugt ihr die Quellen trocken. Das Massiv wird in Planquadrate unterteilt. Rotationsgeräusche. Splitternder Stein. Weitere Sonden.
Das sei ein übliches Verfahren zur Behandlung kariöser Stellen, unterbreche ich sie. Aber meine Zunge will keinen Trost.
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Er stand nur zufällig dabei und kam eigentlich nicht zu Wort, bis die Sache mit dem Breitopf passierte. Da hatte einer etwas gesagt, dann auf ihn gezeigt und sich bald aus dem Staub gemacht. Seitdem quoll es in allen Gassen, die Vorhöfe der Häuser waren dick und schlüpfrig übergossen und in der Luft dichter, süsser Hirsegeruch.
Und er fand nicht die zwei richtigen Wörter, diesen Zustand, für den ihn alle auf einmal verantwortlich zeichneten, zu beenden. Dafür Wörter, die er lange vergessen hatte. Die er für nutzlos befunden hatte und gar nicht mehr haben wollte. Also hängte er sie aneinander zu Gedichten und Erzählungen, während Brei auf den Strassen weiter über die Ufer trat und in die Hänge drückte. Seine Umwelt wurde immer essbarer, und er rätselte und rätselte, wie denn wohl die zwei Wörtchen hiessen, die den Breitopf stillten. Und wenn er nicht gestorben ist oder sich doch an diese Wörtchen erinnert hatte, dann lesen wir noch heute.