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Und obwohl er noch nie in Porto war und auch nichts über diese Stadt wusste, spürte er, er war in ihr. Er stand urplötzlich in einem seiner ärmeren Viertel. Ein gigantischer Triumphbogen, der sich mit den höchsten Bauten der Welt messen wollte, tauchte vor ihm auf, als er aus einer kleinen Gasse bog. An einer Strassenecke gab es gebratenen Fisch, an einer anderen Bier seiner Heimat. Wie gut die Menschen ihn hier verstanden. Und wie gut er sie verstehen konnte. Nur die schneeweissen Berge in der Ferne und abermals der Bogen, der sich über allen Köpfen ins Unendliche reckte, irritierten ihn. Hier war er zuhause.

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Die Beschriftungen der Zeitschriftenregale im Lesesaal. Das Fach Ethnologie. Es fehle ein o. Ethnolgie oder Ethnlogie, fragt sie, und er kann ihr keine Antwort darauf geben. Es sei auch gleich. Es sei gleichermassen sinnvoll und auch nicht. Es sei aber doch lesbar, meint sie. Es sei aber unvollständig, er.

Die Feldarbeit: Die verschiedenen Stellen im Haus. Die Zuständigkeiten. Die einen haben kein o. Die anderen nur ein grosses O. Wieder andere, die meisten, erklären sich für unzuständig. Am Ende wird ein kleines o gefunden, das sich aber nicht in die dafür vorgesehene Schiene passt – ein Stift am Rücken des Zeichens ist zu lange.

Ich brach ihn ab, sagt er, und steckte ihn vorsichtig hinein. Beim nächsten Windhauch wird es wieder herunterfallen. Wann denn dort unten ein Wind gehe, fragt sie. 

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Sie habe am Wannsee geschrieben. Und er habe so sehr das Schreiben geliebt, dass er seine Feder in den Krebs, in die Brust seiner geliebten Henriette, dort am Wannsee, stach, inniglicher konnte man keine Liebe beschreiben, notierte sie, auch wenn die Feder eine „pistol“ war und die Tinte aus Blei, doch er hat sicherlich den Kern seiner kranken Liebe getroffen, es, sie, dann sich – als Krönung eine der kürzesten Autobiographien seit Erfindung des Schwarzpulvers – , um es und sich, doch vorher sie, schlussendlich zur letzten Ruhe zu betten, in einer Grube, dem Letternkasten.

Kein Wunder also, bleckt der Fuhrmann seine gelben Zähne und lacht noch einmal zurück. Er hat den Witz in der Sache verstanden. Als einziger.

a.a.O.

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Mein Vater kam in einer Nacht zu mir ins Zimmer und meinte kommentarlos, man habe über Schweden Atombomben abgeworfen. Dann verliess er das Zimmer und im Haus wurde es still. Ich konnte die halbe Nacht nicht schlafen, in der anderen Hälfte habe ich von der Auswärtsniederlage meines Fussballvereins geträumt.

Am nächsten Tag war dem Radio zu entnehmen, dass es sich bloss um Trägerraketen handelte und diese waren nicht mit Sprengsätzen bestückt. Ein Versehen, das keine grösseren politischen Konsequenzen haben sollte. Das Ergebnis des Fussballspiels wurde dagegen bestätigt. Fussball und Atomkrieg und immer noch das Schwitzen, wenn der Vater wieder die Türe öffnet. In den kalten Träumen.

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Sie will sich auch nicht zu sehr mit der Geschichte der Isle of Man beschäftigen. Noch weniger mit der der Manx Cats, von der ihr gestern berichtet wurde, wie sie sich heute erinnert. Aber die Vorstellung der schwanzlosen Katzen auf einer seltsamen Insel, die nur mit Motorrädern befahren wurde, einer eigenen Regierung dort und einer eigenen Währung, machten die Inselkatzen, die von Geburt an keinen Schwanz besassen, mehr als plausibel.

Machten ihre Schwanzlosigkeit für einen Moment sogar zwingend. Das diesen Eigene wurde ihr in jenem Falle als Unvorhandenes vor Augen geführt, und sie war zufrieden, musste sie sich doch etwas weniger merken. Am Ende blieb ihr noch diese Analogie: Die Isle of Man als das Appenzell Deutschlands. Sie seufzt. Ein weiterer schlechter Witz über internationale Steuerflucht.