In einem engen Gang

(B28 zu M28)

B. und E. haben endlich zueinander gefunden und ein privates Treffen arrangiert. Schliesslich haben sie sich eine Menge zu erzählen, auch, wenn sie auf verschiedenen Seiten des Flusses stehen. Über den genauen Zeitpunkt ihres Rendezvous können sie sich problemlos verständigen. Zeit haben beide, soviel und so wenig wie der jeweils andere. Auch, dass es in der kleinen Stadt sein soll, wo der Fluss ins Meer mündet, ist für die beiden gemeinsamer Tarif, auch wenn sie dort niemals waren und von ihr einen Stadtplan zu erhalten, so gut wie unmöglich. Wo anders, als in der ersten Bibliothek des Ortes, kommen sie überein, soll also ihr Treffen stattfinden, angesichts ihres Themas, und: eine Bibliothek hatte jeder Ort zu haben, in diesem Land, wie einen Bahnhof, eine Polizei, Post oder Schule.

Möglicherweise sind die beiden in dieser Bibliothek gewesen, zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. Aber: haben sie sich auch getroffen, und wenn ja: was ist dort besprochen worden? Wir wissen es jedenfalls nicht. Denn unmöglich ist alles und denkbar vieles. Das wissen auch die beiden und grüssen vielleicht immer noch aneinander vorbei, in einem engen Gang zwischen den Stellagen.

Let’s swing / A2S2(2)

(D14)

Während Maurer nun an einem Laptop die automatisierte Powerpointshow startet mit den den Zuschauern schon bekannten Organigrammen, Listen und lächelnden Menschen, tritt ein kleiner Gospelchor zur Seite heran und fängt zunächst langsam zu swingen und klatschen an.

NEUMANN (singend, noch etwas verkrampft): Oh, joy.

CHOR: Oh, joy.

NEUMANN: Oh yes, oh joy.

CHOR: Oh yes, oh joy.

NEUMANN und CHOR (folgenden Text variierend):

Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging

And to see the Cataloger in the act of cataloging

(…)

All the ologies of the colleges, all the isms of the schools,

All the unassorted knowledges she assorts by Cutter’s rules;

Or tags upon each author in large labels that are gluey

Their place in Thought’s great Pantheon in decimals of Dewey;

Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging,

And to see the Cataloger in the act of cataloging.

CHOR: Oh yes, oh joy.

MAURER (ebenfalls singend): Was machen wir?

CHOR: Wir machen es neu?

MAURER: Wie wird es gemacht?

CHOR: Schnell und effizient?

MAURER: Und wie sind wir?

CHOR: Wir sind offen und freundlich.

NEUMANN: Und wer sind wir?

CHOR: Wir sind ihre Bibliothek.

WERBETRAILER: Wir sind ihre Bibliothek.

CHOR: Ja. Wir sind ihre Bibliothek.

MAURER: Ja, was macht ihr?

CHOR: Wir machen tolle Arbeit.

NEUMANN: Woran glaubt ihr?

CHOR: An Schnelligkeit und Effizienz.

MAURER: Und woran noch?

CHOR: Wir glauben an die Zukunft.

NEUMANN: Und woran weiter?

CHOR: Auch an unsere Kunden.

MAURER. Und woran noch?

CHOR: An unsere Server.

NEUMANN: An welche Server?

CHOR: An die Server der Bibliothek.

MAURER: Was ist ein Buch?

CHOR: Eine potentielle Datei.

NEUMANN: Was geschieht mit dem Buch?

Lieferbar: Die Träume meiner Frau (ATHENA Verlag)

»Die Träume meiner Frau«, das sind einhundert kleine Prosaformen, denen eigentlich die Bezeichnung Kurz- Geschichten viel näher käme. Denn diese Traumsequenzen, Momentaufnahmen und fantastischen Versatzstücke wirken wie Fragmente großer und kleiner Geschichten, die förmlich zum »Weiterspinnen« auffordern. Dabei schleicht sich das Fantastische in das scheinbar Banale und Alltägliche ein, durchdringt es und verändert es manchmal auf beängstigende, manchmal auf wunderbare Weise. Gewohntes wird auf den Kopf gestellt, das erzeugt Irritation und Orientierungslosigkeit, aber andererseits auch Spannung und ein »Möglicherweise«. Fragender Zweifel kann auch die Basis für eine neue Sichtweise sein: Was ist Fiktion, was Realität? Was ist denkbar, was utopisch? Was, wenn der Traum Wirklichkeit wäre? Diese elementaren Fragen durchdringen Abendscheins Prosa auf eine wunderbar spielerische, manchmal humorvolle Weise, die sich in einer bildhaften Sprache widerspiegelt. Diese wird zuweilen in bester Dada-Manier auf den Kopf gestellt, und voller hintergründiger Sprach-Lust werden daraus virtuose Lautmalereien und fantastische Wortreisen erschaffen. (Verlagstext)

Dieser Titel aus dem ATHENA Verlag ist im Buchhandel sowie im etk-Shop erhältlich.

1. Auflage 2007, 120 Seiten, Format 20 x 12 cm

ISBN 978-3-89896-305-3, Broschur, 11,90 €, 21,00 sFr

Post dem Erzähler

(B27 zu M27)

Guten Tag, lieber Erzähler,

In einem Eintrag zitieren Sie Karl Heinrich Wachsmuths “Das Jahr Zweitausend Vierhundert und Vierzig”. Ich möchte im Rahmen meines Literaturstudiums eine Arbeit über die frühe Rezeption von Merciers “L’an 2440” schreiben, kann jedoch trotz hartnäckigen Suchens kein Exemplar dieses Buches auftreiben, weder in Bibliotheken noch in Antiquariaten – sogar beim Suhrkamp Verlag habe ich angerufen in meiner Verzweiflung! Ihre Notiz hat in mir die Hoffnung geweckt, sie könnten mir einen Fingerzeig geben, wo ich das Buch finden könnte; denn es wäre wirklich jammerschade, wenn ich darauf verzichten müsste.

Mit besten Grüssen aus dem verregneten Z.,

M.W.

guten tag frau w.,

ich fürchte, ich muss sie enttäuschen. der von ihnen gefundene eintrag wurde aus einer sekundärliteratur entnommen, die auch nicht viel mehr an primärtext bietet. ich habe das nur exzerpiert, weil ich es für eine grössere arbeit brauche. nun haben sie mich aber ganz schön auf die suche geschickt. ich habe mittlerweile auch einige kataloge, lexika und natürlich onlinedatenbanken gewälzt und bin absolut nicht fündig geworden. gerade mal ein paar wenige einträge habe ich überhaupt zum autoren wachsmuth gefunden … bis ich es dann wieder aufgegeben habe.

es tut mir wirklich leid, dass ich ihnen nicht weiterhelfen konnte & ich wünsche ihnen weiterhin viel glück bei der suche …

beste grüsse aus b. (ebenso verregnet)

ihr erzähler

Guten Abend, lieber Erzähler,

Das ist aber nett von Ihnen, dass Sie sich ebenfalls auf die Suche gemacht haben! Schade, dass die Ihrige ebenso erfolglos verlief; es ist tatsächlich erstaunlich, dass über Karl Heinrich Wachsmuth sonst nichts zu finden ist. Etwas mehr als Ihr Exzerpt habe ich immerhin im Nachwort von Herbert Jaumann zur Insel-Taschenbuchausgabe von Merciers Jahr 2440 gefunden (Erstauflage 1989, leider auch nur mehr antiquarisch erhältlich), und die in besagtem Nachwort zitierten Textstellen lassen mich noch mehr wünschen, ich könnte mit dem Wachsmuth arbeiten! Immerhin ist dieser Taschenbuchausgabe im Anhang eine hilfreiche Bibliographie zu Mercier beigefügt, die noch weitere Parodien und Nachahmungen und auch zeitgenössische Rezensionen auflistet (leider nur ein kleines Trostpflaster!).

Danke trotzdem für Ihre prompte Antwort – ich werde auf jeden Fall weiterhin die Augen offen halten, vielleicht darf ich ja doch noch irgendwann ein Exemplar mein Eigen nennen, auch wenn es dann für meine Arbeit wohl zu spät sein dürfte….

Herzliche Grüsse,

M.W.

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(E20)

Werfen wir, bevor wir Benedikt verlassen, noch einen letzten Blick auf sein zurechtgemeistertes Schicksal, dem wir viel abgewinnen könnten und profitierten, würden wir daraus nur die richtigen Schlüsse ziehen.

Mit seinem neu installierten und nun optimal funktionierenden Breitbandinternetzugang versetzte sich Benedikt in die Lage, nie und nimmer mehr seine Wohnung verlassen zu müssen. Theoretisch. Er wusste sich eigentlich stationär mit allem zu versorgen und konnte sich auch hie und da an einen anderen Ort in ein zweites Leben bewegen, ein Leben, in dem es für alle erdenklichen Situationen einen Deleteknopf gab, auch er selbst war bald geübt sich ein ums andere Mal auszulöschen, um den Preis der Reinkarnation, freilich: in andere Zeichenketten, in Bilder, in lange Reihen aus Nullen und Einsen.

Für das leibliche Wohl war rund um die Uhr gesorgt, denn die wichtigsten von ihm sonst frequentierten Läden lieferten ohne dämliche Rückfragen schnell und bequem über Onlineshops aus, und es hatte sich bei diesen herumgesprochen, dass angelieferte Waren durch einen dunklen Schacht auf der Rückseite des Hauses zu schieben waren, was ihm eine persönliche Begegnung mit Übermittlern ersparte.

Die Fensterläden seiner Wohnung waren halb heruntergezogen und manchmal in Gänze, denn ob Tag oder Nacht: was spielte das für eine Rolle? Noch immer, wenn auch sporadisch begleitete ihn aber die Idee einer Luftbibliothek, und dann und wann trieb es ihn zu Versuchen, diese sichtbar zu machen für wenige Sekunden, aber das Verlangen liess nach, allmählich und auch der Antrieb diese weiter mit Arbeit zu verfeinern. Dies auch, weil er in einem Anfall genialischen Schaffens diese um eine Proposition erweitern konnte: Eine nur konsequente Ableitung, die da lautete: natürlich musste alle Rezeption auch in dieser aufgenommen werden, automatisch, war alle Rezeption selbst ebenfalls Produktion und sei es nur im Abtasten von Text, selbst bei der Überspringung war Geist am Werke und möglicherweise messbar.

Mit der Einsicht in diese Konsequenz konnte er sich allein der Lust der Zeichen überlassen ohne diese jemals berühren zu müssen, was ihm wiederum jede nur vorstellbare Zeit schenkte. Zeit, wohin er blickte. Zeit. Und was das Denken mit Löchern und über diese anging, und ob jene auch angemessen gespeichert wurden – nur dieser Punkt war für ihn noch nicht gelöst und gab ihm dann und wann etwas zu knapsen.

Ungelöst blieb auch weiterhin der Fall Röhrling. Zwar hatte sich Benedikt angeschickt, das eine oder andere Mal Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber erfolglos. Und so liess auch das Interesse mehr und mehr nach, dessen Identität und Wahrheit zu beweisen. An einem anderen Tag hatte Benedikt das Gefühl, Anna im Netz wiedergetroffen zu haben, selbstverständlich trug sie dort einen anderen Namen, nannte sich Luna66 oder ähnlich. So genau wusste diese Person immer, wovon er sprach und die Rede war, auch Dinge, die nur Anna wissen konnte, benannte diese in einschlägigen Foren. Und zu verdächtig waren die Fragen zu seiner Person, egal, wie er just heissen mochte und was geschehen war, alsdass es sich hier um eine Unbedarfte handeln konnte. Nach weiteren Nachforschungen sowie der Bestechung von Providern, nach der Auskunft und im Strudel verwirrlicher IP-Adressen und Aufenthaltsorte der Person, wurde ihm auf einmal klar, dass er es mit einer ganzen Menge verschiedener Einheiten zu tun hatte, die sich um ihn bemühten und er brach den Kontakt mit Anna/Luna ab und besuchte fortan nur noch harmlose Seiten.

Als Benedikt sich nach einer kleinen Phase der Konsolidierung wieder einmal auf heissem Pflaster bewegte, wurde wenige Tage später an seinen Fensterläden gerüttelt und geklopft. In der Nacht. Oder war es am frühen Morgen? Sicher. Es konnte auch ein Anlieferer sein, der den neuerdings eingerichteten Pincode zu seiner Warenschleuse vergessen hatte. Aber wusste man es? Oder die unter der Laterne wie arglos wartenden Menschen mit ihren dunklen Sonnenbrillen, die ausschauten, wie bestellt. Was wusste man also?

Solche Ereignisse mehrten sich und Benedikt drängte es, zog es hin zu einem externen Ratschlag von Bekannten, halbwegs internen Seelen, die nicht nur das waren: Erzeugnisse von Programmen mit einer gewissen Zufälligkeit. Noch einmal suchte er die Nummer Röhrlings heraus, kramte lange und fand sie schliesslich in einer vergessenen Agenda, in seinem Telefon hatte sie vor Unzeiten schon einer Horde nützlicher Dienste Platz gemacht, und wählte. Freizeichen. Freizeichen. Und Freizeichen. Und Besetztzeichen.

Also ist etwas geschehen am anderen Ende der Leitung, immerhin, sodass Benedikt neue Hoffnung schöpfte auf ein klärendes Gespräch – in mancherlei Hinsicht. Aber als er wieder und wieder wählte und sich das Schema der Tonsignale nicht mehr veränderte, gab er auf, resignierte: Die Dinge lösen sich allmählich auf, kam ihm in den Sinn, und wir uns mit ihnen. Klänge und Pausen.

Nach einigen Tagen hatte er einen Massnahmenkatalog entworfen, in dem festgehalten wurde, was noch zu erledigen war. Das hiess: was er noch tun konnte, von hier aus und im Rahmen seiner Möglichkeiten. Diesen war er nun bereit anzupacken, als er einsehen musste, dass es heute wieder kein Frühstück geben würde.

Er vervollständigte die vorbereitete Vermisstenanzeige und lud diese an ebenso vorbereiteter Stelle hoch. Dort hinterliess er auch einen codierten Hinweis darauf, wo er und das Werk zu finden waren. Nach einer gewissen Zeit, nach wenigen Tagen oder Stunden schon würde es von den Suchmaschinen gefunden und gefressen werden. Er hatte also nur einen kleinen Vorsprung.

Nachdem er auch dies erledigt und alle ihm zur Verfügung stehenden Daten in die Freiheit entlassen hatte, ging er in die Küche und schaltete die Herdplatten an, nahm dann Mantel und Hut von der Garderobe und prüfte sich in diesen vor dem Spiegel mit dem kleinen Holzelefanten. Er war mit seinem Spiegelbild zufrieden. Dann ging er hinaus, gingden direkten Weg zur Bushaltestelle und stieg dort ein in den nächsten Postbus Richtung Oberland.

Hier endet der Erzählstrang “Anna” der “biblioteca caelestis”. Bitte beachten Sie, dass es sich hierbei lediglich um eine erste, unkorrigierte Rohfassung handelt …