Innere, virtuelle Bibliotheken

(Nachträge II)

Als dritter Bibliothekstyp, den ich hiermit einführe, ist die virtuelle Bibliothek der mündliche oder schriftliche Diskussionsraum über Bücher. Sie ist ein wandlungsfähiger Teil der kollektiven Bibliothek einer jeden Kultur und situiert sich am Kreuzungspunkt der inneren Bibliotheken der jeweiligen Gesprächsteilnehmer.

Aus einer Fussnote (15, S. 156) in: Bayard, Pierre: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. (Kunstmann, A), 2007

Pronuptia

(B18 zu M18)

Unter diesem Kreuz werden wir ja sagen wollen. Will ich? Will sie? Sie will. Sie hat es gesagt. Sie hat es vielleicht nicht so gesagt. Nicht explizit. Nicht direkt. Aber immer angedeutet. War offen bei diesen Gesprächen. Hat nicht Nein gesagt. Nichts Gegenteiliges. Nichts dergleichen. Liebt sie mich. Liebt sie mich nicht. Hat sie mich. Habe ich sie nicht. In den Gängen geht sie mir manchmal aus dem Weg. Wird sie dünner und dünner. Wird sie transparenter. Wenn sie einmal so dünn sein sollte, dass man beinahe durch sie hindurchgreifen könnte, hat sie gesagt, würde sie mich nehmen. Nichts anderes kann sie gemeint haben, als wir beide unter dem Kreuz. Als wir beide: vereint im Glauben. Als wir beide: an einem Ort. Wir: sie und ich, werden Heimat, egal wo.

Sie spricht nicht mehr mit mir, aber sie ist. Immer noch. Beinahe so dünn, dass man durch sie hindurchgreifen könnte. Wenn sie nicht spricht, wie jetzt, wie in jüngster und jüngerer Zeit, meint sie Ja. Was sollte sie sonst meinen? Stellt sie Fragen. Stellt sie sich bereit. Unterstellt sie bereits meine Liebe zu ihr. Meinen Ort, an dem sie ist, glaube ich. Will ich sie fragen, ob wir uns vermählen wie Narren. Als Narren schenken wir uns nichts. Probieren wir nichts. Fliessen wir ineinander von heute auf morgen. Überkreuzen wir uns. Verschränken wir uns ineinander. Werden wir Luft. Besser heute als morgen. Werden wir Welt, Welten in den kleinen Schlafräumen verblassender Zeit. Werden wir: ich, aus Fleisch und Blut, und sie: aus meinem Gegenteil. Aus meinem Abfall. Zeilen, Holz und Pergament. Und ich: aus ihrem Abfall, Zellen, Säfte und Kanäle. Sind wir eins. Sind wir wieder Baum. Aus grünem Holz. Wie dieses Kreuz.

Im Gegenflug Libellen

Einmal einen Garten

mit Brunnenkresse, Hageldorn,

Eiskraut, Jakobsschnee und Flachs.

Feuermohn, sagt meine Mutter.

Einmal einen Garten.

Doch Mutter sagt,

Hundsmilch, Faulbaum, Binsenlaub,

sagt Kampferasche, Liebesknochen.

Mutter ist zu weit gereist.

(Nora Bossong, Reglose Jagd, S.23, 2007)

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(D5)

R2

FLITZ: Das hätte mir doch auch passieren können. Ist mir auch schon passiert. Erst vorletzte Woche. Sie hätten mal den Weber hören sollen. Gekocht hat der.

FRÖHLICH: Es war gar nicht so schlimm, ich meine …

FLITZ: Wenn er sich nur halb soviel Zeit nehmen würde, mit mir, mit uns zu reden. Die Traktandierungen. Die Prozesse und Teilprozesse. Alles noch unklar. Die Fachstellen, die Budgetierungen. Stattdessen: Verlautbarungskultur. Durchsagen. Ansagen, aber unklare Anordnungen. Vage Anordnungen. So gut wie keine.

FRÖHLICH: Kommen Sie, ich mach uns jetzt erst mal einen richtigen Kaffee. (Zu Flugs, die immer mit halbem Ohr mitgehört hat). Für Sie auch, Frau Flugs?

FLUGS: Danke, nein. Wir haben ja den neuen Automaten. Wenn ich mich recht erinnere, soll doch ausschliesslich der Kaffee aus dem Automaten … (Flitz und Fröhlich wenden sich ab und gehen) konsumiert werden dürfen.

R2

KÄS: Was hat sie denn Falsches gesagt? Was hätte sie denn jetzt nicht sagen dürfen?

SACHWITZ: Wir werden wohl in Zukunft die Durchsagen heimlich aufzeichnen müssen. Hätte ich ja schon lange gemacht, wenns nicht verboten wäre. Stoff gäbe das. Da steckt doch mehr Potenzial drin, als ich dachte.

WERBETRAILER (à la Coop-Werbung): Vertrauen Sie in die Informationskompetenz für die Zukunft. Vertrauen Sie Ihrer Bibliothek.

KÄS: Kannten Sie den Maier? Naja, die IIT, wer kennt die schon?

SACHWITZ: Darum heisst sie ja jetzt IK. Die wollen sich jetzt wichtig machen. Darum auch diese Ansagen. Wichtig machen. Ansagen. Im Gespräch bleiben. In den Mündern. Aber was heisst „neue Funktionen übernehmen“? Hat doch der Weber gesagt. „Berufliche Identität“, hat er doch gesagt.

KÄS: „Sie werden neue Funktionen übernehmen“. Hat er so gesagt. Eins zu eins. Das heisst: nicht nur ich oder Flugs. Oder der Flitz. Das heisst: Alle. So versteh ich das.

SACHWITZ: Das würde mich mal interessieren. Davon steht bestimmt nichts in meinem Vertrag.

KÄS: Ich bin mal kurz in der D&A (geht ab nach R2, Sachwitz setzt sich wieder an ihren Computer)

R2

Flugs rückt wieder bunte Rechtecke an einem Organigramm.

KÄS: Tschuldigung. Haben Sie das auch gerade gehört?

FLUGS: Was?

KÄS: „Sie werden neue Funktionen übernehmen“.

FLUGS: Hat wer gesagt?

KÄS (flüsternd): Der Weber. Ich hab das doch genau so gehört. Was hat er wohl damit gemeint? Wissen Sie vielleicht etwas darüber?

FLUGS: Ich weiss nix. Ich habe das auch gar nicht so gehört. Ich habe gearbeitet. Haben Sie denn etwa Zeit etwas zu hören? Haben Sie keine Arbeit? Haben Sie denn nichts besseres zu tun?

KÄS: Ach!

Käs zurück nach R1, Flugs will gerade in Richtung Direktionsbüro (R3), da kommt Flitz wieder zurück nach R2

Wählen Sie bitte die

(E12a)

Was alles in Zeitungen steht. Sind die Zeitungen die verwitterten Bücher von Morgen? Die Bücher gestrige Zeitungen? Das Heute: ein Meer von beidem, das um seinen Träger kämpft, das sich in alles versucht einzuschreiben, was Widerstand bietet, dachte Benedikt, als er im letzten Drittel des Hubs angekommen war.

War er da nun Stunden davor gesessen, oder waren es Tage, die er aufgewendet hatte in diese Flüchtigkeit einzutauchen? Unfähig die Grenzen zu erkennen, die nur formal angedeutet wurden. Wer sprach da?, fragte sich Benedikt, als er wieder einem langen Zeilenzug aufgesessen war. Wer kümmerte sich um den Fahrplan dieser Meinungen und Bedeutungszuschreibungen, die sich – rückwärts gelesen – alle überschrieben und ineinander verflochten und an ihrem Grund wieder aufhoben zu einer runden Sache? Die aber stets gegeneinander zu arbeiten trachteten. Wen kümmerts überhaupt, seufzte Benedikt erneut, denn der Sog, der von diesen Linien ausgelöst wurde, füllte den kahlen Raum mit angenehmer Wärme, federte von einer Aussenwelt ab: Türsummer, Klopfen, Rufe wurden zu Nebensächlichkeiten.

Auch Anrufe waren eingegangen, schwer oder kaum entgegengenommen. Das überliess er der Maschine. Sollte sie doch machen, sie wurde bezahlt. Und nur einmal kolportierte sie ihm eine Stimme mit Relevanz und starker Strahlung: Röhrling. Er erkundigte sich knapp, wie es denn nun war. Wie es stünde und ob es etwas Neues zu berichten gäbe. Der alte Mann. Was will er Neues? Das Neue lag vor ihm sichtbar, beinahe verarbeitet und liess sich einen grauen Bart wachsen. Dann gab es noch die mechanischen Anrufer der Callcenter, an denen Benedikt sein Vokabular aus der untersten Schublade testete. Ausspie. Sonst: nur weniges.

Gerade wollte Benedikt mit der siebten Woche vor seiner Zeitrechnung beginnen, nachdem er seine zwei Listen, die Tätigkeits- und Untätigkeitstabellen überprüft und abgeglichen hatte, die befanden: Zeit genug bis zur nächsten Be- und Entsorgung, körperseitiger Stoffwechsel und der der Wohnung, der Luft, die in den Zimmern stand, da hörte er ein Knirschen, wie es entsteht, wenn ein Postbote einen Umschlag durch einen Türschlitz zwängte. Zwischen Unterkante Türe und verkrustetem Parkett.

Wozu auch Absender? Mit dieser Mode kommunikativen Verhaltens konnte sich Benedikt durchaus anfreunden. Wieder enthielt der Umschlag nur einen Ausdruck, dessen einzige Referenz ein samtenes Mäntelchen war, innen, das ihn umschloss und liebevoll schützte. Ausdrücklich: ein Digitalisat eines Katalogisats. Maschinenschrift eines Zahlenzeichenklons an der Seite links oben, etwas darunter: Natürlichsprachiges, Zisch- und Sprühlaute, vokalarme Baustellen anderer Planeten. Gleich daneben: ein Häufchen Wörter, aus dem er durchaus etwas zu bilden in der Lage war. Ein fast leserlich invertierter Name mit Herausgeberkürzel eines: ja, was war es denn nun?, grübelte Benedikt. Jedenfalls stand dahinter: Geschichte machen. Quantenphysikalische Thesen zu einer allmählichen Fiktionalisierung unseres Seins.

Ein Aufsatz in diesem Sammelband. Nun konnte er sich beinahe denken, wer hinter dieser Depesche steckte. Einen Zusammenhang, einen Ort, Schnittpunkt oder Radianten, kurz: einen präzisen Auftrag konnte Benedikt sich daraus leider nicht zusammenreimen. Dabei begann er aber leichte, kognitive Verbindungen mit dieser Information zu verspüren, bis er stutzig wurde. Der Eintrag war von einem Sachbearbeiter schon vor mehr als vierzig Jahren angelegt worden. Das war ein Jahr nach Erscheinen der Schrift, deren Autorschaft aber ganz zweifelsfrei auf Anna verwies. Freilich musste es sich hierbei um einen Tippfehler handeln. Anna wäre demzufolge noch lange nicht einmal Säugling. Noch bemerkenswerter allerdings war ihm das Datum des Poststempel. Dieses lag ebenfalls um die vier Jahrzehnte zurück, und der Umschlag – wie Benedikt fachmännisch aus seiner Grösse, der Papierbeschaffenheit und Schreibmaschinentypographie der Anschrift herauslas – deutet auf ein Relikt dieser Zeit. Die Briefmarke, die nur eine mathematische Funktion, oder war es eher der Grundriss eines Raumes?, zierte, schien dagegen aus einem Land, von dem er noch nie gehört hatte. Und Währung und Sprache … das alles war mehr als mysteriös. Benedikt befiel eine Mulmigkeit, von der er sich nicht so schnell erholen konnte und auch die unberichteten Tatsachen, die bald in der Küche zu lärmen begannen, konnten dieses nicht sedieren.

Wenn Sie Fragen zu einem Ausleihvorgang haben, wählen Sie bitte die EINS. Für Informationen rund um unseren Bestand und dessen Verfügbarkeit, wählen Sie bitte die ZWEI. Benötigen Sie Hilfe bei der Recherche, wählen Sie bitte die DREI. In allen anderen Fällen, wählen Sie bitte die VIER. Dieses Gespräch kann zu Schulungszwecken aufgezeichnet werden.

Als Benedikt alle Nummern in vier Anläufen gewählt, dabei aber jeweils nur einen Hinweis auf die Besetztheit des anderen Endes der Leitung erhalten hatte, und stattdessen mit der Topten der aktuellen Hitparade verbunden wurde, wie er vermutete, warf er den Hörere wütend in die Matratzengruft, rasierte und duschte sich nicht, griff nach seiner muffelnden Öljacke und einem Schirm und verliess stinkend seine Wohnung.