Ein Meister

(B17)

Nach acht Uhr gehört es ihm allein. Wenn sich die letzten Wellen gelegt haben und die Oberfläche sich entkräuselt hat, steigt er hinauf und macht es sich bäuchlings auf dem Brett zurecht. Nur sein Kopf ragt dabei über den Steg, denn er ist nicht schwindelfrei. Erst sucht er nach seinem Schädelumriss, der ihm dort unten als erster Anhalts- und Ausgangspunkt bei der Augenfahrt dienen soll. Mit diesen fährt er dann seine Rahmung ab, dann die acht dunkelblauen Zellen, die von der untergründigen Lineatur als abstraktes Gebilde und in strenger Anordnung hologrammatisch durch die durchsichtige aber liquidstraffe, bläuliche Wand geworfen wird. Von dort oben sind kaum mehr Details erkennbar. Hereingewehte Blätter, die an diesem Gebilde mitwirken. Körper, die sich in der Scheinschwebe halten. Oder eben eine Oberflächenbewegung, die dem ganzen einen öligen Anstrich zu geben vermag. Wenn Umfeld eindringt: Mensch. Natur. Oder ein Fallwind. Wenn er sich daran satt gesehen hat und seine Wanderung wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrt, blendet er kurz das Umfeld ein. Sieht hinaus durch die Glasscheiben auf den ausgestorbenen Parkplatz und ein paar wenige, die noch einen späten Bus erreichen. Dann ist es endlich Zeit. Er erhebt sich, tritt ein, zwei Schritte zurück, nimmt etwas Anlauf und läuft, aber nur wenig schneller, zum Rand des Bretts. Noch bevor er dieses springend verlässt, schliesst er seine Augen.

Wie er nun mit diesem Bild im kürzesten Moment zusammenfällt, kann er nur vermuten. Er spürt die Härte des Materials, das ihn aber auch gleich zu umschliessen imstande ist. Denkt sich die Oberfläche, die spritzend in den Raum eingreift, was auch sehr gut zu hören ist, und also die feuchte Wunde, die er mit seinem nackten Leib geschlagen hat. Die sich unverzüglich über ihm schliesst. Dann steigt er aus dem Becken, nimmt eine Dusche und trocknet sich langsam ab.

Haben Sie das Memo nicht gelesen? / A1S2(1)

(D4)

Akt 1, Szene 2

In R1 bis R3 gehen die Lichter an inmitten der gegenüber A1S1 leicht gesteigerten Arbeitsaktivität. Käs beugt sich in R1 gerade von hinten über Sachwitz und gestikuliert mit ihr und dem Bildschirm. Flitz und Flugs stehen in R2 an der Auskunftstafel und verschieben bunte Rechtecke an einem Organigramm. In R3 raschelt Frau Fröhlich und räuspert sich einige Male um danach ans Mikrophon zu treten.

R3

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 194.

FRÖHLICH: Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Namen der Geschäftsleitung wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Arbeitstag. Wir teilen Ihnen heute mit, dass Herr Ralf Maier, Systemspezialist und Mitarbeiter der ehemaligen Abteilung IIT, nun Abteilung IK, unsere Institution per 31. dieses Monats auf eigenen Wunsch verlassen wird. Herr Maier verzichtete darauf, das Anstellungsangebot unter den neuen Rahmenbedingungen zu unterzeichnen. Wir bedauern sein Ausscheiden sehr, können aber seine Entscheidung für die Veränderung und seine Laufbahnplanung verstehen. Für die geleistete, sehr engagierte Mitarbeit in unserer Bibliothek danken wir ihm herzlich. Die vakante Stelle wird demnächst und zunächst intern ausgeschrieben werden. Als Überbrückungslösung haben wir eine Pensiumerhöhung von Herrn Livetti und die teilzeitliche Mitarbeit eines externen Informatikers vorgesehen. (Räuspert sich wieder). Äh, Danke. (Lautsprecherknacksen)

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

R1/R2

Sachwitz und Käs, Flitz und Flugs schauen sich kurz bedeutungsvoll an, arbeiten dann weiter.

R3

JÄGER (qua Lautsprecher an Fröhlich): Ähem, Frau Fröhlich. Das war der falsche Text. Sie haben den Text für die mündliche Kommunikation mit dem Verteilertext für die Postfächer von Morgen verwechselt.

FRÖHLICH: Aber …

JÄGER: So etwas nimmt unserer Kommunikationsstrategie etwas die Luft aus den Segeln. Wir wissen natürlich, dass es eine gewisse Zeit braucht, bis die einzelnen Verantwortlichen mit den Möglichkeiten der einseitig-mündlichen Verlautbarung umgehen können, bitten aber dennoch, dass man sich schnell in dieses Instrument einarbeite und künftig solche Fehler unterbleiben. (Lautsprecherknacksen)

Während Fröhlich den Tränen nahe steht, stürzt Weber von rechts hinten in den Raum. Man hört eine Toilettenspülung.

WEBER: Das Memo. Das Memo, Fröhlich. Haben Sie das Memo nicht gelesen? Und diese Vertauschungen. Das zweite Mal schon in dieser Woche, dass Sie …

FRÖHLICH: Es tut mir leid. Herr Dr. Jäger hat gerade …

WEBER: Ich habs gehört. Wie stehn wir denn nun da? Naja, Schwamm drüber. Ich regle das persönlich. (Geht zum Mikrophon)

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 195.

WEBER: Liebe Mitarbeitenden. Sie sind gerade alle Zeugen einer Gefahr geworden, die die sonst so praktische mündliche Mitteilung birgt. Man hat in Sekundenschnelle eine unglückliche Formulierung oder eine Information, die zu einem späteren Zeitpunkt folgen sollte, verbreitet. Das kann uns verwirren. Das kann uns aber allen einmal passieren. Ich möchte diesen kleinen Lapsus zum Anlass nehmen, Ihnen eine grosse Verantwortung in Erinnerung zu rufen und auch eine grosse Herausforderung. Wir alle müssen in den nächsten Monaten unsere berufliche Identität ändern. Sie werden zum Teil die gleiche Arbeit unter anderem Namen leisten. Sie werden neue Funktionen übernehmen. Sie arbeiten am gleichen Ort, aber für einen neuen Arbeitgeber.

Das Haus wird hier bestehen bleiben, wie es seit vielen Jahrzehnten, ja Jahrhunderten hier steht. Aber es wird eine neue Beschriftung erhalten. Telefonnummern werden sich ändern, Ihr Meldeverhalten an den Telefonen wird sich ändern. Aber das sind Details, die wir Ihnen bald noch schriftlich übermitteln werden. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen einen guten Tag. (Lautsprecherknacksen)

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

JÄGER (über Lautsprecher in R3) und FRÖHLICH, gleichzeitig: Danke, Herr Dr. Weber.

Fröhlich geht ab nach R2. Flitz geht dort sogleich auf sie zu.

ohne Titel

INS WIRRWARR nieder

                   reden Was totgesagt folgt

der Stimme ins Grün

(Manfred Peter Hein, Aufriß des Lichts, S.23, 2006)

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