Nachfahren

Ich bekomme einen Telefonanruf von einem Herrn, dessen Name ich hier verschweige. Im weiteren Sinne ist er sogar ein Kollege von mir und sitzt vielleicht in der Luftlinie fünfzig Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt. Es stellt sich heraus, dass Dranmor (Ferdinand Schmid) sein Urgrossonkel ist. Über eine Internetrecherche kam er auf meine Seiten und das ausführlich dokumentierte Dranmorprojekt. Es gäbe noch sehr viele Materialien, unerschlossene und private Aufzeichnungen und Hinterlassenschaften. In der Jugend des Herrn getätigte Nachforschungen, die Niederschlag fanden. Wir haben gegenseitiges Interesse. Auch wenn mein Projekt eigentlich schon abgeschlossen ist, sind hier möglicherweise wichtige Erfahrungen zu machen, Informationen auszutauschen. Vielleicht lässt sich das eine oder andere noch einarbeiten …?

Wir verabreden ein Treffen am 1. Mai. Tag der Arbeit.

das ereignis ist in mehrfacher weise erstaunlich. als wäre es in der passage In den Krähenkrieg / Genealogie (damals II,2a) antizipiert worden … vielleicht auch nicht uninteressant für die dranmor-forschung.

Komplementäre

(M06)

Die Autoren lassen bibliothekarischem Verwaltungsgebaren eher dort Gerechtigkeit widerfahren, wo sie seine Fehlentwicklungen als Antwort auf nicht weniger absonderliches Benutzerverhalten deuten. Dabei wird dieses mit ebensoviel Lust am überraschenden Detail gezeichnet, wie es üblicherweise zunächst mit der Person des Bibliothekars selbst geschieht, sodaß man verführt ist anzunehmen, Nutzer und Verwalter seien die dialektischen Komplementäre einer einzigen literarischen Anmutung – des Bibliotheksmenschen. Capotes Beschreibung einer „typischen“ Benutzerin etwa fügt sich nahtlos auch ins gängige Bibliothekarinnenklischee: Mildred – mit ihrem strähnigen Haar und den speckigen Brillengläsern, ihren fleckigen Fingern, … ihren flachliegenden Augen (…)

In: Döhmer, Klaus. – Merkwürdige Leute : Bibliothek und Bibliothekar in der Schönen Literatur. Würzburg : Königshausen und Neumann, 1982 (S. 47)

Kleine Schnitte.

Tiere, wie Du und ich.

Die Beine dem Wasser enthoben. Das Beinhaar, gezeichnet: magnetische Felder.

Ich schreibe, weil ich aus Worten bin.

Die Wörter. Im Täterschutzprogramm.

Der Vorwurf: Der Mord in Worb, wie es in den Medien hiess, sei ein Plagiat des Romans „Ein Mord in Worb“. Der Autor klage gegen Unbekannt.

Wenig, aber genug. Das Kaum deines Geistes. Im Kaum deines Körpers.

Die trainierte Stunde, sehnig, schlank, von der Zeit gehärtet. Oder: Mit dem Söhnchen einen Sandkuchen backen. In teuren Minuten, die als Sekunden zerrinnen.

Mag sein, man hat von der Vielfalt des Personals, das man Ich nennt, gesprochen.

Von chaotischem Pulsieren. Von seiner Auslöschung, zuweilen.

Aber ich kreise bei jedem Wort für Wort. Bei jedem Satz für Satz wird klarer: Ich umkreise die Teile, die – zersplittert, wie die Medien sagen – mir zugeordnet werden. Ich kreise um sie. Schneller. Regelmässig. Herdenhund meiner Selbst. Ich, kein anderer.

Die alten Wörter. Immer die alten Wörter. Nichts Neues. Daraus.

für Marcel Michel

In der Bibliothek

(M05)

Und richtig, fragte er mich sehr gehonigelt und dienstfertig, was der Herr General denn zu wissen wünschen. – ‘Oh, sehr vieles’ – sage ich gedehnt. ‘Ich meine, mit welcher Frage oder welchem Autor beschäftigen Sie sich? Kriegsgeschichtliches?’ sagte er. ‘Nein, gewiß nicht, eher Friedensgeschichtliches.’ ‘Historisch? Oder aktuelle pazifistische Literatur?’ Nein, sagte ich, das ließe sich durchaus nicht so einfach sagen. Zum Beispiel eine Zusammenstellung aller großen Menschheitsgedanken, ob es das gibt, frag ich ihn listig; du erinnerst dich ja, was ich auf dem Gebiet schon habe arbeiten lassen. Er schweigt. ‘Oder ein Buch über die Verwirklichung des Wichtigsten?’ sag ich. ‘Also eine theologische Ehtik?’ meint er. ‘Es kann auch eine theologische Ethik sein, aber es muß darin auch etwas über die alte österreichische Kultur und über Grillparzer vorkommen’ verlange ich. Weißt du, es muß offenbar in meinen Augen ein solcher Wissensdurst gebrannt haben, daß der Kerl plötzlich Angst bekommen hat, er könnte bis auf den Grund ausgetrunken werden; ich sage noch etwas von etwas wie Eisenbahnfahrplänen, die es gestatten müssen, zwischen den Gedanken jede beliebige Verbindung und jeden Anschluß herzustellen, da wird er geradezu unheimlich höflich und bietet mir an, mich ins Katalogzimmer zu führen und dort allein zu lassen, obgleich das eigentlich verboten ist, weil es nur von Bibliothekaren benützt werden darf. Da war ich dann also wirklich im Allerheiligsten der Bibliothek. Ich kann dir sagen, ich habe die Empfindung gehabt, in das Innere eines Schädels eingetreten zu sein; rings herum nichts wie diese Regale mit ihren Bücherzellen, und überall Leitern zum Herumsteigen, und auf den Gestellen und den Tischen nichst wie Kataloge und Bibliographien, so der ganze Succus des Wissens, und nirgends ein vernünftiges Buch zum Lesen, sondern nur Bücher über Bücher: es hat ordentlich nach Gehirnphosphor gerochen, und ich bilde mir nichts ein, wenn ich sage, daß ich den Eindruck hatte, etwas erreicht zu haben! Aber natürlich war mir, wie der Mann mich allein lassen will, auch ganz sonderbar zumute, ich möchte sagen, unheimlich; andächtig und unheimlich.

Aus dem Kapitel „In der Bibliothek“. In: Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987. Kapitel 100: S. 459-465.