taberna kritika mit EE

es war lange überfällig. ich habe nun die alte pmachine zur expression engine importiert. eine heidenarbeit war das und es funktioniert immer noch einiges nicht. sollten sie den einen oder anderen fehler, broken link finden bzw. einen heissgeliebten text nicht mehr, freue ich mich über ihre rückmeldung.

bei dieser gelegenheit wurde das layout auch etwas aufgedonnert. die fabelwesen, die sie nun im banner finden, wurden aus skizzen und vorstudien von francisco toledos illustrationen zu borges zoologia fantastica entnommen und bearbeitet …

16. Schachtel (Rebus)

Die Arbeit nimmt überhand. Erst jetzt stelle ich fest, dass sich hier noch keine Überlegung zu einer Truhe jedeweder Form eingefunden hat. Sie hat sich, könnte man sagen, bislang sehr im Hintergrund gehalten. Vielleicht entspricht das auch ihrem Wesen. Wen mag das wundern, wird sie doch klein geschrieben und von einem dunklen Kreuz eingeleitet. Und es herrscht Frieden, woimmer sie auftaucht, wo sie sich am Ende befindet. Eine sich alles versagende Immobilie, die in meinem Keller fast zuhinderst steht.

ungewöhnlich, hier ein zitat einzufügen, nein, ein zitat noch einmal zu zitieren, aber genau das entspricht dem lauf der dinge, einem desiderat, einem: Schreiben auf eine Weise, dass jeder Satz schlichte Mitteilung ist. Nicht literarische Möblierung des Raums zwischen Autor und Leser.

Eine Mitteilung, die sich nach einer Reaktion (Was sagtest Du?) leichthin reduziert (Ach nichts).

um genau zu sein

Einer der es nicht sehen kann, fragt mich: “Hast du zwei Hände?” So würde ich mich nicht durch hinschauen davon vergewissern. Ja ich weiss nicht, warum ich meinen Augen trauen sollte, wenn ich überhaupt daran zweifelte. Ja warum soll ich nicht meine Augen damit prüfen dass ich schaue ob ich beide Hände sehe? Wittgenstein1

gerade weil wir uns nicht sicher sind, nehmen wir die verdächtige gestalt über den spiegel wahr. um genau zu sein: nehmen wir sie auf mit einer kleinen kamera – wer würde uns sonst später glauben? um noch genauer zu sein: über zwei spiegel, um damit auch noch unsere hinterköpfe ins bild zu rücken.

nachdem der typ* sich seit mehr als fünf minuten nicht bewegt hat, genauer gesagt: nicht der hauch einer bewegung zu sehen war, und wir haben aus drei metern entfernung sehr intensiv beobachten können, sehr genau hingeschaut und wenigstens das bierglas hätte sich neigen müssen, nur ein wenig, wenigstens, oder die oberfläche hätte sich kräuseln müssen, oder das glas runterfallen und mit ihm der erlahmte arm, hegen wir den verdacht, dass da etwas nicht echt ist.

wir sind nicht zufällig hier, spinnen wir weiter und wir trinken nicht zufällig diese getränke, denn wir sind ausersehen diesen typen, den wir nun nicht mehr als typen, sondern in der folge unserer annäherungen (ja, mit der kamera zuerst, mit erst scheuen blicken, dann mit ernsthaften, ernsten, stechenden, sezierenden röntgenblicken, die über die fein geäderte, gearbeitete haut der hände und des halses gleiten, dann mit zaghaften berührungen an den wangen, den borstigen barthaaren, der mütze, den ohrmuscheln, den knorpeln entlang – vergessen wir nicht zu erwähnen: im hintergrund die musik so laut, dass wir uns nicht an sie erinnern werden) als geniales machwerk aus plaste und elaste bezeichnen, zu bezeichnen, das damit – sozusagen im handumdrehen – alle weiteren spekulationen zerstört.

etwas ist nicht echt in diesem raum, und, nachdem wir in das immer noch im selben winkel geneigte glas des typen blasen und sich die oberfläche aus schaumlosem, abgestandenem bier endlich kräuselt, wissen wir, was da nicht stimmt, und die zuschauer dieser szene ahnen es vielleicht sowieso.

nicht nur der typ ist falsch – möglicherweise ist er noch das echteste, was hier ausgestellt wurde. wir sind nicht ganz richtig, alle anderen die falschen, nicht einmal die überfüllten aschenbecher ernst zu nehmen. das einzige, was noch als halbwegs echt, ursprünglich, wahr, wieauchimmer durchgehen könnte, in diesem raum, in diesem augenblick, kommen wir zu dem schluss, sind diese gottverdammten spiegel, die sich überall und immer noch gegenüber stehen. und das könnte uns fast wieder ein bisschen beruhigen, was auch der fall ist.

* zu der skulptur “BARt” von leif bennett in der cargobar

1 so zit. ebd.

Vom Lektorat (Dranmor, MV4)

Gestern erreicht mich eine Rückmeldung meiner Lektorin, die ich ungekürzt unten einstelle. Ich bin sehr erleichtert und erfreut, was das Gesamturteil angeht – offensichtlich scheint der Text zu funktionieren. Und Luft genug, weiter an dem Manuskript zu arbeiten, vor allem an den zu Recht genannten Punkten, ist auch wieder da. Also warte ich auf den bearbeiteten Manuskriptausdruck und bin ab nächster Woche wieder ganz Dranmor.

Es mag arg konstruiert klingen: aber auf einem der vielen Zettel, die mit Notizen etc. vollgeschrieben sind zu Dranmor, findet sich das eilig aus Canettis “Fackel im Ohr” geschriebene Zitat von der “Dignität des Irreseins” …

Und: Wow. Ich glaube selten einen Roman gelesen zu haben, der mich so geradezu physisch in Mitleidenschaft gezogen hat, und ihn einmal zu lesen erscheint mir geradezu ungerecht … Das, wovon ich lese, scheint zum geradezu selbst Erlebten zu werden. Am tiefsten greift die Einsamkeit, das Abhandenkommen, das Irrewerden. So viel zu nahe mir ICH tritt, so entvölkert bleibt der Roman in Bezug auf das andere Personal. Das bleibt seelenlos, nur formuliert. Und zugleich schaut man auf ICH, auf seine beginnende Verwahrlosung, vor allem am Anfang, insbesondere durch die – freilich wiederum von ICH wiedergegebene – Perspektive der anderen “Figuren”. Aber ich blieb während des Lesens immer in der Ungewissheit, wer oder was Phantasie, Alter Ego ICHs ist – oder eben, auf der fiktionalen Ebene ICHs, real. Oder: schreibt man so einen (fiktionalen) Roman, in dem alles nur Fiktion ist, selbst in der Fiktion?

Ich jedenfalls war einem ständigen “Ebenenwechsel” unterworfen, hin und her, hoch und runter. Ich las den Text mal so, mal so. Man wohnt der auch alles auflösenden und zerstörerischen Kraft allen Kreativen und Intellektuellen bei, geradezu mit- und einfühlend in den Protagonisten, um sich sogleich wieder mit kühlem Blick in einem exemplifizierten poetologischen/erzählteoretischen Diskurs zu wähnen…

(Und großartig dieses Ende, dass einen so hilflos auf den Anfang wirft…)

Aber das sind nur ein paar wenige! dahergeplauderte Aphorismen zu dem Text… Jetzt vielleicht zu dem, womit ich mich nicht so wohl gefühlt habe…

Zunächst halte ich die Positionierung der “Metakommentare” am Ende des Textes (auch wenn das Ganze sich dann ja zum Schluss wieder vereint, bzw. an den Anfang weist) für problematisch. Und das schlicht aus Gründen der Lesepraxis (sprich: man muss immer hin- und herblättern). Ich weiß natürlich nicht, ob Du Dir da noch eine andere Lösung gedacht hast, was wirklich gescheites fällt mir da leider auch noch nicht ein…

Probleme hatte ich des weiteren mit Kapitel 1.12: Mir ist nicht klar geworden, was das da soll – abgesehen davon, dass ich den Text schlicht nicht verstehe – vielleicht weiß ich deswegen nicht, was das da soll.

Die Barcelona-Episode fügt sich für mich auch nicht so recht in das Gesamte. Fernando spricht wohl von der “Paris-Erfahrung”, die nun hier in Barcelona für ICH stattfinde, aber was ist genau damit gemeint? Sicher, ICH offenbart sich (oder er glaubt das zu sehen), dass SIE ein Kind hat, das möglicherweise von IHM ist, und im weiteren befinden sich dann ja auch die Aufzeichnungen zu Dranmor und seinem Kind, wo sich dann die Parallelen auftun. (Und: Fernando, natürlich! aber dazu bzw. zu den Namen gleich mehr). Um es kurz zu machen: mir erschloss sich nicht so ganz der Sinn des ganzen, ich dachte, man könne es vielleicht ein wenig “verdichten”.

Nun zu den Namen: Roman, Fernando, Professor Norma. Hierbei beschlich mich immer das Gefühl eines winkenden Zaunpfahls von stattlicher Größe… Muss das sein? Und wenn ja: warum?

Nun noch ganz Praktisches:

Ich denke, der Gebrauch des “ß” sollte nicht vermieden werden. Wenn es eine sinnvolle Regel der neuen Rechtschreibreform gibt, dann meiner Meinung nach diese, weil sie dem Tempo des gesprochenen Wortes und damit seinem musikalischen Wert “nachfühlt”. Ich hab mir erlaubt, dies im Text, wenn es mir auffiel, zu korrigieren. Ansonsten füge ich noch eine Liste der meistgebrauchten Wörter an, die man dann einfach so ersetzen kann – bei Bedarf.

Über die Kommas haben wir ja schon gesprochen. Hier sind meine “Korrekturen” freilich nur als Vorschläge zu verstehen (wie alle Anmerkungen), aber nichtsdestotrotz glaube ich, es wäre ganz gut, wenn Du den Text daraufhin noch mal durchsehen würdest, da dies nur Du entscheiden kannst. Desweiteren ist mir bisweilen ein mir nicht immer ganz einsichtiger schwankender Gebrauch des Präsens bzw. Perfekts aufgefallen. Auch das wäre vielleicht noch mal zu prüfen.

So. Und mir fallen bestimmt noch viele Dinge ein. Am besten wäre natürlich und sowieso eine “live“-Sitzung, die sich freilich im Moment nicht machen lässt. Aber anrufen, schreiben etc. kannst Du natürlich jederzeit! Und ich denke ja, dass wir uns dann im März sehen?

Das Manuskript mit den Anmerkungen schicke ich Dir dann zu, doch leider hat sich Deine Visitenkarte versteckt, sodass ich Dich bitte, mir doch noch mal Deine Adresse zu senden.

Liebe Grüße und auch Dank für die “Sternstunden” in meinem Halbtagslektorinnendasein.

S.

außer, außen…

bloß…

draußen…

fließen…

Fuß…

groß, Größe…

Gruß, grüßen…

heißt, hieße …

ließ, ließe…

schießen…

schließen, beschließen, schließlich…

Spaß …

Straße …

weiß…

Kleine Zettelkunde V (EuD)

(Wie Nachschlagen?)

Hin und her überlegt, was – nach der GestaltundGenesePassage – dem Text noch mitzugeben ist. Es handelt sich ja hierbei nicht (wie üblich) um eine Enzyklopädie des Suchens, sondern eine des Findens, und dieses “Aufs Finden gehen” braucht einen Impuls. (Vielleicht handelt es sich aber auch nur um ein gefühltes Nutzerbedürfnis). Genau das liesse sich wieder paraphrasieren und theoretisieren und vornanstellen. Ich fand aber, dass so eine Passage den Haupttext etwas belästigen würde. Ein Verschweigen und Übergehen dieses Gedankens schien mir aber auch nicht glücklich. Was mir nun weitaus geschickter scheint, ist das Herausgreifen eines Zitates, eines “Eintrags” also, der gleichsam einleitet, buchstäblich einführt („→“), und selbst in seiner Art und Weise die Poetik des Textes vertritt, also bspw. dieser:

Du brauchst nur kreuz und quer durch mein Lexikon zu lesen, so wie Du Dich ja auch an Deinen Feldwebel, die erste Flaschenmilch und Dein zukünftiges Zimmer im Altersheim durcheinander erinnern kannst. Das ist die Welt. In der vorgeschriebenen Reihenfolge vorgeschriebene Blicke zu werfen, ist hingegen klassische Lektüre oder vortauwetterlicher Ost-Tourismus. Ich will Dich – versuchen wir es einmal – aus der Lektüre in die Welt befreien.

Quelle: Andreas Okopenko, Lexikon Roman – eine sentimentale Reise zum Exporteurtreffen in Druden, 1970

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