Rauschen / brummen

„Erfahrungsgemäß kann die Brummspannung wesentlich größer als die Rauschspannung sein, wenn dagegen keine geeigneten Maßnahmen getroffen werden.”

Gérard Berset

als Zitat gefunden in: Urs Mannhart, Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola. Roman, 2006

Dranmor Epigraphe, (Proto-)Typisierung

Die hier schon angedeuteten Überlegungen nehmen etwas Form an. Die Einschaltungen von kleinen Texten vor den (etwas über 100) einzelnen Passagen sind notwendig und verfolgen mindestens vier Zwecke:

a) Konstruktion eines Rahmens (eines Kontinuums), der die Summe der Texte zusammenhält. Der den Text insgesamt lesbarer macht, d.h. den “Plot” transparenter

b) Erzeugung einer Distanz zum Ich-Erzähler

c) Verknüpfung, Anspielung von Themen und Diskursen (wie erarbeitet in den überschreibungen … hier also die Stelle, an der dieser Text wieder zurückfliessen kann)

d) Transzendierung des Inhalts (der jew. folgenden Passage). Öffnung von Assoziations- und Interpretationsspielräumen

Wie erwähnt, wurden einige Texte von mir angeschaut, anhand derer man diverse Verfahren mit unterschiedlichen Ausrichtungen erkennen kann. Ich nenne nur zwei bekannte Beispieltexte.

1. Henry Fielding, Joseph Andrews (Book two)

(In “Tom Jones” ist das Verfahren natürlich dasselbe …)

CHAPTER 5

A dreadful Quarrel which happened at the Inn where the

Company dined, with its bloody Consequences to Mr Adams.

[…], (S.124)

oder:

CHAPTER 9

In which the Gentleman descants on Bravery and heroic Virtue,

‘till an unlucky Accident puts an end to the Discourse

[…], (S.140)

Bei Fielding finden sich fast ausnehmend ironische Halbzusammenfassungen mit Ausblick auf ein bestimmtes Ereignis, ohne es aber zu benennen (cliffhanger). Die Dinge werden hier aber (plotmässig) exakt auf den Punkt gebracht.

2. Robert Musil, MoE (I.)

58

Die Parallelaktion erregt Bedenken. In der Geschichte

der Menschheit gibt es aber kein freiwilliges Zurück

[…], (S.231)

oder:

93

Dem Zivilstand ist auch auf dem Weg

der Körperkultur schwer beizukommen

[…], (S.421)

oder:

113

Ulrich unterhält sich mit Hans Sepp und Gerda in der Mischsprache

des Grenzgebiets zwischen Über- und Untervernunft

[…], (S.549)

Im MoE werden nicht durchgängig Epigraphe den Kapiteln vorangestellt. Oft handelt es sich um einfache Titel oder kleine Überschriften (z.B.: Kap. 51: “Das Haus Fischel“). Bei obigen ersten zwei MoE-Beispielen handelt es sich jew. um einen Vorspann, der das Geschehen fast nur auf abstrakter Ebene nennt bzw. andeutet. Im letzten Beispiel findet eine Synthese aus kurz angedeutetem Plotinhalt und Nennung (auch Bewertung) des Metadiskurses des Kapitels statt. So eine Form schwebt mir vor, obwohl im Falle Dranmor eine eigene Sprache gefunden werden müsste. Unklar ist auch noch, wie die Erzählposition innerhalb dieser Textflecken ausschauen könnte. Aus der Sicht: Man oder Wir oder der personalen Perspektive?

Hier ein paar erste Entwürfe zum ersten Kapitel:

1.01 Wir sind flexibel

In einer kleinen Stadt, die überall sein könnte, tastet man sich,

trifft man sich unerwartet, vorsichtig ab. Man triftet ab.

[…]

bzw:

1.02 Umzonen

Gerade in kleinen Städten findet Begriffsbildung statt. Das ist wichtig

für den zukünftig korrekten Umgang mit Zeit und Raum

[…]

bzw:

1.03 Takten, taktieren

Die Jugend ist nur in zweiter Linie ein Zeitraum. Vor allem ist sie

ein prägender Stoff für Standortdiskussionen, die aber

nicht immer interessant sein müssen

[…]

(so ungefähr … wie gesagt, es ist ein erster Entwurf. Ich freue mich aber über jedes Feedback.)

Motor Club

Was empfindet Sisyphus im Moment des wieder hinunter rollenden Steins? Oder: Was meinte Luther mit dem Apfelbaum? 

4.2

gleich hinter der türe // der stätte des täglichen wirkens und / werkens um ruhm und erhalt der / funktionen des körpers und geistes und / körper und geistesgeschmeichels und / mehrwerts des eigenen tuns steht sie / da und behauptet sie warte schon / lange mehr als sie gewohnt sei mehr / als sie sich üblicherweise zu / warten gestatte es tue mir leid sage / ich die termine termine verschöben / sich immer wenn man etwas / anderes plane zu planen gedenke doch / nun sei man da und wir beide / nun endlich von auge zu auge im / weinhaus mit brotzeit zur brotzeit ein / wenig ganz sachte einander am nähern nur / weniges trennt uns die schwarzmatte tasche was / mag darin sein fragt man / ahnungslos spielend das wisse / ich doch ganz genau und noch / ehe sie kauend den letzten bissen bewältigt zerrt / sie aus der tasche befördert das / lange ersehnte geschriebene fast / schon entsetzlich vermisste vor heisst / zwischen uns zwischen teller und gläser mit / todernster miene das über und über mit / rotstift bedachte und weiter mit / rotem und blauem gerät die schon / mehrfach gemetzelten stellen des textes / zu kreuzen kein wort über uns oder / mich im besonderen heute ja / heute sei sie in funktion ihres amtes und / heute das thema ein rein professionelles ob ich / wenn auch müde noch einiges aufnehmen / könne dann weiter mit kurzer und schneller / erklärung mit einem nicht einfachen / so //

Ladungen V – weitere Traumbegriffe

(Materialien zu DTmF, Nachhausewegtexte)

Einiges ist zu Igels* Texten geschrieben worden. Vor allem als Erinnerungsstücke wurden sie rezipert, die (naturgemäss fragmentarisch – wie ein Traum) wieder auftauchen (aufwachen), plötzlich, unerwartet, zwischen sechs Punkten erscheinen und jeweils einen vergangenen Moment abbilden, der aber – einer Privaterinnerung entrissen und enthoben – gleich eine ganze Landschaft sein will. Der Begriff “Traumwache” macht stutzig, weißt er sich einerseits zu einem Arsenal lyrischer Beschreibungen zugehörig aus und sieht sich doch auch im Umfeld einer parawissenschaftlichen Terminologie **.

… war ich im traum kind, daß ich an mutters seite durch die schlippe ging, jenes zu einem s-bogen geformte wegstück, flankiert von dichtem gebüsch, das unser gelände mit dem straßennetz der siedlung verband, ein weg, der zur nacht im dunkeln lag, und jenseits des gehölzes währten verwilderte gärten; als wir die schlippe passierten, hatte reif die vom frühling schon berührten büsche bedeckt, und viele der zweige brachen aus der reihe hervor, umschlossen von einer schicht durchsichtigen eises, verengten die gasse – ich hatte angst, am nächsten morgen allein diesen weg zur schule zu gehen, ausgesetzt den bizarren gebilden, die im dunkel zu schimmern begannen, doch mutter beharrte darauf, dass ich ohne begleitung ging: sie wolle mir einen krebs mitgeben, zum schutze auf diesem weg: würfe ich ihn unter die zweige eines der sich zu sehr hervordrängenden büsche, ließe jedwede gestalt sofort ab von mir … (Igel, S.26)

In Igels Texten sind tatsächlich Traumarbeiten geleistet worden. Aufzeichnungen von Träumen aber, die keine sind, oder vielleicht: Erinnerungen, die durch eine bestimmte Traumoptik gefedert wurden, und die den persönlichen und zeitlichen Abstand (obwohl da ein “ich” spricht) betonen und etwas Allgemeingültiges ausstellen. Wie oben eine Kindheitserinnerung bspw., die aber weniger nur eine kindliche Wahrnehmung geltend machen will, sondern sich vor allem auch auf die nachhaltigen Verzerrungen stützt: etwas, das erzählenswert und erzählbar bleibt. Der Sprache und Bilder wegen. Des Blickwinkels wegen. Obiger Nachhausewegtext hat mich an den 33. Traum der “Träume meiner Frau” erinnert:

Sign: A_II/S1-1.033, (descriptor=Pneumatisch)

Jetzt schaue ich dahin und da ragt ein Bürokomplex. Ich kann mich gut an einen Schreibwarenladen erinnern, der uns dort vor der Schule noch mit dem Nötigsten versorgte. Dann schaue ich erneut und da steht ein Schreibwarenladen. Ich erinnere mich, dass an dieser Stelle ein dunkles Gestrüpp und zwei Aprikosenbäume standen. Sie wurden auf dem Nachhauseweg vom Kindergarten von uns geplündert. Und an das von Fahrradstürzen blutende Knie in dieser scharfen Kurve gleich nebenan. Und an andere Wunden. Und die geheilte Zeit.

Und ich habe nun den Verdacht, dass es sich um dasselbe “Ich” handelt. Ein (auch historisches) “Ich” also, das eine spezifische Sprache und Sicht zu einem wieauchimmer vorhandenen Material entwickelt (entwickeln will). Derlei Texte, die sich also weniger mit oder durch einen (spezifischen, engeren) Traumbegriff klassifizieren lassen, gibt es in der Reihe (DTmF) einige und diese wurden (hilfloserweise) in das Gefäss “Sonstige” (oder, zu einem früheren Zeitpunkt: “andere”) gelegt. Zu überlegen bleibt also, ob diese sonstigen Stoffe nicht vielleicht die Klasse der Traumwachen (nicht zu verwechseln mit den Halbschlafbildern) bilden …

* Jayne-Ann Igel: Traumwache. Prosa. Urs Engeler Editor, Basel 2006

** Traumwache (aus: Praktische Traumarbeit): jemand beim Schlafen beobachten und nach einer REM-Phase aufwecken / direktes Aufwachen aus der REM-Phase: leichtere Traumerinnerung