Ladungen I – Freiheiten

(Materialien zu DTmF, reines Erzählen)

Während es der tiefenpsychologisch orientierten Literatur um Sinn und lebensgeschichtliche Bedeutung, der naturwissenschaftlich orientierten Literatur um Entstehung und physiologische Lokalisierung von Träumen zu tun ist, geht es Dichterinnen und Schriftstellern ausdrücklich um anderes: Sie machen sich den Traum praktisch zu Nutze in Gestalt fiktiver Traumtexte. Die ihnen aus eigener Erfahrung und dem Wissen ihrer Zeit bekannten Traumverfahren inspirieren sie zu Entdeckung und Entwicklung bisher unerprobter Erzählmöglichkeiten. Franz Fühmann, einer der schreibenden Traumexperten, bekennt, dass er in seinen Traumerzählungen nicht etwa ein flüchtiges, unlogisches Irrlicht der Phantasie suche, sondern vielmehr “eine Möglichkeit reinen Erzählens, Fabulierens, weg vom Beschreiben und Essayisieren”. (…) Autorin und Autor geben mit der Bestimmung eines Textes als Traumtext in der Regel gleichsam eine Leseanweisung: Es gelte die Freiheit von Erzählkonventionen zu genießen, das ungegängelte Wirken der Imagination, das auch Gattungs- und Tabu-Grenzen zu überschreiten vermag.

in: Gidion, Heidi: Phantastische Nächte. Traumerfahrungen in Poesie und Prosa. S.8f. Göttingen, 2006

Abgehoben

Aus gebrochenen

Flügeln faltete ich

Sterne zählte Augen

Wachssplitter und

(Sabine Reber, Die gefalteten Meere oder: Das Bellen der Rehe, o.S., 2005)

|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten

Frühkindliche Rhetorik

4h30: Die Sprache des Säuglings als einzig lautgewordenes Bedürfnis, das sich nicht rhetorisch artikuliert.

[4h30a: Und die Sprache der Greise“>

[4h30b: Und die Sprache des Wahnsinns“>

[4h30c: Und die Sprache der Trunkenen“>

[4h30d: …“>

zettelwirtschaft: auch so eine angefangene liste, die nun endlich entsorgt ist.

Anstelle eines Vorworts

Wir hoffen auf Ihre Diskretion und ihr Verständnis. Wir machen Sie zu Mitwissern, Betroffenen und Teilen des Dramas. Wir öffnen unsere Archive und Sie finden Konvolute vergilbter Zettel und Registerkarten, verzeichnete, signierte, wir können nur vermuten, von wem. Wir sind Schiffbrüchige, die sich an nächstbeste Planken krallen, solange, bis uns die Kräfte verlassen und wir versinken. Wir ergänzen, wo wir können oder müssen, ordnen, deuten, lesen, was sich vor unsere Feder bewegt.

Wir fühlen uns sicher, wo eins und eins zwei sind, und wo nicht, behaupten wir, dort sei ein Traum. Wir behaupten ernsthaft, es sei der Traum eines anderen.

zu den kommentaren hierauf und mit herzlichem dank fürs geduldige lesen an markus hediger und meine frau.

Vorwort zu DTmF (V1)

Es wird Ihnen unglaublich erscheinen. Wenige Tage nach unserem Umzug fanden wir in einer zu der Wohnung gehörigen Kellerparzelle eine alte, zurückgelassene oder vergessene Holzkiste mit der Aufschrift “Die Träume meiner Frau”.

Darin ein Konvolut vergilbter Zettel und Registerkarten, wahrscheinlich Eigentum des verstorbenen Vormieterpaares. Neugierig geworden, versuchten wir das seltsame Material zu ordnen, ja, erst einmal zu lesen, denn auch die Schrift war von der Zeit stark in Mitleidenschaft gezogen worden, brüchig und teilweise verschwunden. Die kleinen Texte waren fast alle mit einer rätselhaften Zeichenfolge ausgerüstet, für die wir aber erst später eine Erklärung suchten und hoffentlich gefunden haben. Wir haben weiter versucht, das Material wieder zugänglich zu machen, d.h. es zu transkribieren, zu ordnen und – wo es nötig war, Unlesbares oder Unsicheres zu ergänzen bzw. auszudeuten.

Dem seltsamen Code nebst anderen Bemerkungen über diesen Notizen hatte man wohl eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Wir vermuten also, es sind Protokolle und Teilergebnisse eines grösser angelegten Experiments, das wohl nicht zuende geführt werden konnte. An dieser Stelle danke ich meiner Frau für ihre Mithilfe an diesem Projekt. Besten Wissens und Gewissens übergeben wir Ihnen heute “Die Träume meiner Frau”.