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Wir sind gewiss nicht in einem windigen Hotel am Rande der Wüste abgestiegen und sehr erstaunt über seine Gunst. Zwanzig Euro pro Nacht für die ganze Familie: da wird man sparen und reich sein in wenigen Wochen. Um unsere Kosten weiter zu senken, verhandeln wir mit dem Maître. Wir werden die Minibar nicht berühren und auch nicht die Heizung, denn es wird kalt heute Nacht. Auch Dusche und Handtücher bleiben tabu und wer braucht schon ein Frühstück? Das Kind schläft sehr gerne in unserem Bett und Licht machen wir nur im Notfall. Nein, auch die Kissen können getrost entfernt werden und zu Telefon und Fernseher in den Schrank.

Der Hotelchef ist ein gnädiger Mensch, sodass sich bei jedem unserer Zugeständnisse der Nachtpreis verdoppelt. Nun zahlen wir eine fünfstellige Summe und bleiben gerne eine Woche länger.

EDWARD HOPPER

Zwei Nachtschwärmer

in jener Stadt, die nie schläft.

Hinter ihrem Rücken die Finsternis,

vor ihnen die leuchtende Leere,

und Mr. Ganymed füllt ihre Gläser

mit tödlicher Stille.

(Günter Kunert, Ohne Botschaft, S.23, 2005)

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der willige postbus

an den leser/die leserin, der/die seit einiger zeit mit grosser hartnäckigkeit versucht, hier einen text oder informationen zu den suchworten der willige postbus zu finden: sie müssen sich nicht weiter bemühen. ich kann mich nicht daran erinnern, jemals etwas darüber* geschrieben zu haben.

* aber bitte helfen sie mir: was genau suchen sie oder stellen sie sich darunter vor …

Klappentexte

Beobachten wir einen Leser in einer Buchhandlung: Er nimmt ein Buch in die Hand, schlägt es auf, blättert darin und ist, für ein paar Augenblicke, völlig von der Welt getrennt. Er lauscht jemandem, der spricht und den die anderen nicht hören. Er nimmt zufällige Satzfragmente auf, schliesst das Buch und betrachtet den Umschlag. Dann vertieft er sich oft in den Klappentext, von dem er sich eine Hilfe erwartet. In diesem Moment öffnet er – ohne es zu wissen – ein Kuvert: Die wenigen Zeilen ausserhalb des Buchtextes sind in der Tat ein Brief: der Brief an einen unbekannten Leser.

(aus: Das unendliche Buch. Der Klappentext als Brief an den unbekannten Leser. Von Roberto Calasso)

auch eine Idee, die möglicherweise schon umgesetzt wurde. für hinweise dieser art bin ich natürlich sehr dankbar. auch eine idee aber, die mich schon lange umtreibt und die als kleine form, haben Die Träume meiner Frau also ihre 100-stoffe-grenze erreicht, vielleicht endlich umgesetzt werden könnte, nämlich

eine serie mit fiktiven klappentexten zu schreiben.

natürlich habe ich mich dabei wieder an alban nikolai herbsts erzählideen-beitrag vom letzten jahr erinnert, die man über diese form aufgreifen und umsetzen könnte. es wären also kleine metatextchen zu texten, die bislang noch nicht, unvollständig bzw. nur in autorenköpfen existieren. ob ich o.g. ideen herbsts aufgreifen kann/darf, muss ich noch abklären …