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Ein neuer Nachbar ist eingezogen. Der Mann steht früh morgens an der Türe und begrüsst mich, wenn ich zur Arbeit gehe. Zu diesem Zwecke streckt er seine riesige, gelbe Zunge aus dem Maul und schüttelt seinen Kopf mit den kleinen Hörnchen, vielleicht auch, um mir ein Nein zu bedeuten.

Vielleicht aber auch, um mir seine blendend spitzen Eckzähne zu präsentieren. Dann bläst er mir etwas rachitischen Atem hinterher. Am Wochenende haben wir ihn zum Essen eingeladen. Wir sind schon sehr gespannt.

zur erklärung (s.a. dtmf 81)

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Ein Schneider fing ‘ne Maus. Ich winkle erst beide Beine an und führe sie parallel, wie von mir verlangt. Er zieht ihr ab das Fell. Ich lege die Hände an meine Hüften und stemme die Beine senkrecht nach oben. Er macht’ sich einen Sack. Meine Haare werden bei jeder Bewegung des Kopfes von der blauen Matratze gezerrt und gezogen. Er tut hinein sein Geld. Dann sind die Füsse in schwarzen Leinenschuhen aufs äusserste zu strecken. Er kauft sich einen Bock.

Diese Übung heisst “Kerze machen”. Er reitet in den Krieg. Als Belohnung für eine gelungene Kerze legt die Turnlehrerin Bonbons in den Spalt zwischen den Sohlen meiner Schuhe. Er schlägt sie alle tot. Zum Abschluss der Stunde bilden wir einen Kreis und singen ein Lied.

knirschen I

dass du

hinter der schwelle

immer die tür suchst

ist doch kein haus

dieser kuss

(Uljana Wolf, kochanie ich habe brot gekauft, S.50, 2005)

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