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Das sei die Stimme deines Vaters auf dem Anrufbeantworter. Es ist eine Beschwerde über dein Schreiben. Über deinen Roman, der in aller Munde sei. Er habe nichts böses darüber gewusst, und: warum es denn dein Roman sein solle, wenn doch er der dich Prägende sei. Und: Da war dieses Interview mit dir in der Zeitung der kleinen Stadt. Die vielen Details. Er verstehe nun gar nichts mehr.

Jetzt habe ich auch eine Frage an dich: Hast du tatsächlich einen Roman geschrieben? Du hast mir nie davon erzählt und ich habe nie Verdacht geschöpft. Ich weiss auch nichts über die kleine Stadt. Oder ein Interview mit deinem alten Vater. Dich habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Warum schreibst du mir nicht?

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Natürlich kann man unter Wasser riechen. Ich nehme einen tüchtigen Atemzug unterhalb des Wasserspiegels der Wanne und lasse nach dem Wiederauftauchen Flüssigkeiten mit geräuschvollem Prusten aus meinen Stirnhöhlen laufen. Es dauert seine Zeit, denn sie haben sich beträchtlich gefüllt.

Da ist kein Chlor oder eine andere chemische Substanz, die zuvor mit dem Wasser vermengt wurde. Vielleicht etwas Kräuterextrakt und verschlafener Schaum. Danach aber verfolgt mich der süsse Geruch der Schwimmstunden vor dreissig Jahren und frischen, sauren Körper in den Umkleidekabinen. Der Geruch einer knappen Rettung oder der Geruch meines Ertrinkens.

überschreibungen 11

(kannibalische texte)

oder: formen der binnen- und intertextualität im dranmor-komplex.

so einfach und aus dem stegreif könne ich ihr das gar nicht beantworten. nicht jetzt und am telefon. da müsse ich mir erst notizen machen. die müsse ich ordnen und ausformulieren. die müsse ich überprüfen und wenn nötig: neu formulieren oder verwerfen. das brauche zeit, sage ich, und: ob sie das verstehe? ob sie verstehen könne, dass ich dazu erst später etwas sagen könne. nächste woche vielleicht, und nicht heute. dann: ob es an ihr liege, fragt sie mich. oder, ob es an IHR liege? denn: es ginge doch wohl schon lange nicht mehr um diesen text. um diese texte …

beispielsweise: wilde wehen (IV,1e) und das erscheinen der passage in einem themenheft der klivuskante (25). das zeige doch, dass diese passage(n / (ich würde sagen, auch andere hätten diese qualität, bspw: „Über Berge schreiben“)) auch ohne einen kontext funktionieren. (die passage dokumentiert einen geburtsvorgang, beschreibt, wie ein text entsteht; der im manuskript darauffolgende wiederum ist eine passage als erzählung mit dem titel Loipenblut (IV,1f)). pikant: der offensichtlich harmlos daherkommende text (konventionell erzählt, fast pointenlos, mit einem eher stabilen ich-erzähler) wurde selbst einmal eingeschickt und abgelehnt. verschränkungen: in loipenblut geht es am ende um mögliche kannibalische handlungen eines verschwundenen erzählers. durch die hineinmontage (vgl. auch Ein konventioneller Magaziner (III,3c)) in dieses manuskript entsteht die paradoxie der aufladung eines erzähltextes durch den kontext: der beschreibung eines erzähl- oder schreibprozesses. der zweite text kannibalisiert also den ersten. der erste im rückblick den zweiten. das kannibalenmotiv kommt aber nicht unvermittelt, sondern wurde schon im vorgängigen kapitel durch die erwähnung hans stadens und dokumentation seiner aufzeichnungen über das brasilien des 16. jh. vorbereitet. welcher text verschlingt nun welchen und bleibt am ende übrig? analog: ist nicht auch der überschreibungstext ein verschlinger des dranmortextes oder vice versa? (darüber muss man sich gedanken machen. und: ob nicht vielleicht dieses motiv das hauptmotiv der ganzen veranstaltung ist). die parasitäre beziehung des erzählers zu seinem material. oder: des autoren zu seinem erzähler. auch hier wieder die komplexe struktur der beziehungsebenen. nicht zuletzt das pilzmotiv. eine später sehr präsente verbildlichung der angst des wirtes vor einem ungebetenen gast (ersetze vielleicht?: autors/leser). wie auch immer: loipenblut wird in diesem kontext erst richtig lesbar. CONTAINER: an der Stelle ein Dank an Tatjana Markulin, ohne deren Kommentar ich vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen wäre „Wilde Wehen“ (in einer nur leicht bearbeiteten Form) einzusenden …

(zu dranmor IV,1a – IV,1f; übersicht überschreibungen)