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Sie steigt aus einem langsamen Fluss und hat nichts an. Sie betritt nackt das Restaurant am Ufer und sucht nach einem freien Tisch. Sie findet keinen Platz und schämt sich, weniger ihres Nacktseins in einem Restaurant am Ufer, aber aller Augen auf ihr. Sie geht auf die Toilette. Dort verfliegt weitere Scham, allerdings auch die Notwendigkeit ihres Daseins. Sie muss wieder zurück in den Speisesaal.

Ihr Blick trifft ehemalige Nachbarn und sie wird an ihren Tisch gerufen. Auch diese haben nichts an, sagen sie, und schämten sich nicht. Aber sie lügen, denn sie sind vollständig bekleidet. Und: Sie schwammen nie in einem langsamen Fluss.

überschreibungen 8

(zwittern)

(verstehen sie mich jetzt bitte nicht falsch). es wurde eine detaillierte beschreibung des schreibprozesses angekündigt. von “einer art écriture automatique” war die rede. (und wird im nachhinein von mir als etwas prätentiös empfunden). dabei ist dieses verfahren weder ein selbstgewähltes (das problematisiert die “écriture”, über die umstände: später einmal, vielleicht), noch ein wirklich automatisches, sodass von dem begriff eigentlich nichts mehr übrigbleibt.

ich erzähle ihr also in ein paar sätzen, wie sich das immergleiche wochenprogramm abspulte. ein grober plot (des gesamtunternehmens) hatte sich nach ein paar wochen herausgestellt. es ginge ums schreiben an sich, wie sie sich vielleicht denken kann. ein sehr privater ansatz. usw. kann man machen, sagte sie nur einsilbig. und die kapitel: die einzelnen inhalte (das “stopfen”, habe ich es einmal genannt) wurden nach der beendigung des jeweilig vorangegangenen weiter skizziert. im laufe einer woche wurde für den freitag (sie lacht: “ihrem exklusiven schreibtag”, sie wisse ja), an dem so ein schreibschub einer passage jeweils ausgelöst und umgesetzt wurde, dann weitere inhaltliche präzisionen vorgenommen. sechs bis sieben stationen, die ich durchhangelte, in einem ersten atemlosen fluss. zwei stunden durfte so etwas dauern. maximal. sie schüttelt den kopf. jetzt begreife sie vielleicht, warum der text zuerst handschriftlich entstand. entstehen musste. nur so konnte schnell etwas zu papier gebracht werden. nur so konnte ein schneller text entstehen, der – und hier doch der aspekt des automatischen – immer nur von einer spontanen nahaufnahme hüpfen sollte, zur nächsten.

hier muss ich den verweis zu einem textversuch mit dem titel: Titelverteidigung (Dranmor und die “Rohre, Linien, Drähte, Kanten“) schalten. (dieser text ist allerdings noch passwortgeschützt). es geht in ihm aber im wesentlichen um die frage der erzählerischen assoziierung (produktions-) und assoziierbarkeit (rezeptionsästhetik) von (tatsächlichen und abstrakten) räumen und gegenständen des dranmortextes. der text muss allerdings noch weiter reifen … (der eine. der andere natürlich auch.) …

… einer art snapshottechnik, die sich allmählich einstellte. je weiter man im text voranschreite, merke man das. (hoffe ich). fahre ich fort. was natürlich sich auch erst später in diesen dranmortext hineinentwickelte. man kann das aber jetzt (bei der ersten lektüre) noch sehr deutlich sehen. bei einer weiteren korrektur/lektüre würde ja, ich hatte ihr das schon angekündigt, der text etwas regelmässiger gebrochen, vielleicht sogar zerstört werden. (). ein schreibschub von 2 stunden auf der basis einer minimalen plotskizze?, fasst sie zusammen. und natürlich dem abtippen des textes. bei diesem vorgang könnten auch noch allfällige korrekturen gemacht werden. und, sie zieht die augenbrauen etwas hoch, natürlich lese ich den text meiner frau vor. ich meine vorlesen, denn sie soll sich ganz auf den ton des textes konzentrieren. sie fragt mich, ob ich ihr auch einmal daraus vorlesen würde. wie wäre es denn mit jener passage? ich frage zurück, welche sie meinte.

dabei wollte ich heute über den begriff der aufarbeitung nachdenken. und den der abarbeitung. und auf einem anderen zettel steht noch über das autobiographische scheitern im allgemeinen und im besonderen und erst beim zweiten hinsehen entziffere ich richtig über das autobiographische schreiben im allgemeinen und im besonderen. und dass man doch automatisch autobiographisch schreibe. im allgemeinen wie im besonderen. doch etwas anderes: (vielleicht aber auch nicht). ich transkribiere in folgender passage einen weiteren begleitzettel. (ein notizzettel, der während des lektüreakts angefertigt wurde –(„damit es nicht verloren geht”, ja), wäre aber eigentlich auch etwas für den “container” -, ich bitte also das holpern zu entschuldigen). und was “überschreibungen” weiter bedeuten soll?: eine art bindeglied zwischen dranmorprimärtext und den anderen kleinen formen?! auch bindeglied zwischen schreibendem und schreibend vorgestelltem? auf jeden fall: eine weitere verwirrung um das ich (die ICHS), also, eine ruhigere, etwas persönlichere note. eine etwas freiere form. (können sie damit etwas anfangen?). und: es wird in dieser rubrik ja auch ausdrücklich davor gewarnt, dass ich (=hab) nicht allzu wörtlich zu nehmen sei. dass ich mich also nie angesprochen fühlen würde, würde man etwas hieraus (aus dieser rubrik) zitieren und mich damit konfrontieren. (das ist eine behauptung und kein versprechen). in manchen dingen vielleicht aber auch nicht … vielleicht wäre es ja ein versuch wert …. hierzu gibt es eine weitere fussnote (ein kaum entzifferbares mikrogramm), die auf eine andere (aber vielleicht in bestimmter weise ähnliche) zwitterfunktion des personals (für autor und leser der anderswelt i.d.f.) aufmerksam macht. (natürlich: das personal, das dort polyperspektivisch, polymorph, … angelegt ist, sei hier aufs äusserste reduziert. es handelt dreht sich alles nur noch um mich. dem autoren, dem leser, dem erzähler dieses textes, der doch nur ein weblog ist. und damit ein roman). doch dazu später mehr … CONTAINER: ein längerer Kommentarthread zu II,2 b (newton), v.a. zum Kindheitserinnerungsdiskurs. Ich glaube, jetzt, wo ich diesen Eintrag noch einmal lese, kann ich Helmut Schulzes () Hinweis („ich glaube, daß ich glaube, gerne kind gewesen zu sein.“) noch einmal sehr gut nachvollziehen (bzw. in diesem Text beglaubigt sehen): die Relativierung der Kindheitserlebnisse im nachhinein – fällt mir nun auf – ist natürlich (konsequenterweise) auch nur ein weiteres Motiv des Protagonisten im freien konstruktivistischen Fall. // Dann: nach erneuter Kursivsetzung (nur so machte das im jenem Zusammenhang Sinn) einer Passage (II,3a, ende), muss dieses Verfahren auf alle Halluzinationsstellen konzeptmässig angewendet werden … Und: “So könnte es gewesen sein” ist natürlich ein Hildesheimerdiebstahl. Aber in diesem Zusammenhang ein Zitatzitat der imaginierten Lektorin des Icherzählers. Oder meiner Frau? Eine Leihgabe, letztendlich.

(zu dranmor II,2b-II,4; übersicht überschreibungen)

Sommerzeit

Die Tage

werden wieder

länger

ohne dich.

(Franz Hohler, Vom richtigen Gebrauch der Zeit, S.33, 2005)

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Es gab nie Junkies vor den Supermärkten seiner Heimatstadt, wie er versicherte. Sie lebten dort nicht in offenen Bussen und übten daher auch keine sichtbaren sexuellen Handlungen aus. Wir haben das recherchiert. Wir haben auch recherchiert, dass er dort niemals gesehen wurde.

Seine Aussagen sind damit mehr als zweifelhaft. Wir stellen hiermit fest, dass – nach weiteren gewissenhaften Untersuchungen – seine Existenz mehr als fraglich ist. Wir wissen nun, es gibt ihn überhaupt nicht. Es hat ihn wahrscheinlich nie gegeben.