taberna kritika

Dranmor als Prosatext (Lieferbar)

Vielleicht mag sich noch jemand an den Romanversuch Dranmor erinnern? Ich kann schon gar nicht mehr präzise recherchieren, wann ich die Arbeit damit und auch in diesem Weblog aufgenommen habe. Erste Spuren finden sich davon schon 2004, glaubt man den Webarchiven. Und dem Backend des CMS. Allerdings könnten diese auch trügerisch und die Daten infolge zwischenzeitlicher Datenbankmigrationen falsch angelegt worden sein. Sicher ist aber, dass 2005 bis 2007 intensiv daran gearbeitet wurde. Bis 2008 entstanden damit ca. 450 Manuskriptseiten, die wieder und wieder überarbeitet wurden. Wenigen habe ich sie zu lesen gegeben. Die Reaktionen waren damals durchaus geteilt. Manche kamen mit der poetischen Sprache nicht klar. Andere schätzten gerade diese, der Text war ihnen aber zu umfangreich, zu roh und zu heterogen. Das Projekt kam daraufhin einige Zeit zum liegen, auch, weil ich mich anderen Dingen widmen musste.

Erst vor ca. anderthalb Jahren habe ich mich wieder an ihn erinnert. Mir wurde klar, dass der Korpus als Roman nicht so geeignet war, als experimentellerer Prosatext mit erzählerischen Versatzstücken aber sehr wohl funktionieren könnte. Ich habe mich also noch einmal hingesetzt und ihn radikal umgeformt, umgeschrieben, gestrichen, gekürzt und geordnet. Um fast 2/3 an Umfang schlanker, hat der Text nun eine Gestalt angenommen und ist sprachlich zu sich gekommen, sodass man nach nun zwei Lektoraten sagen kann: das ist der Text Dranmor.

Er ist soeben mit freundlicher Unterstützung des Kantons und der Burgergemeinde Bern im Athena-Verlag in der reihe edition exemplum (wie schon Die Träume meiner Frau) erschienen. (Optisch ähnlich und ebenso hübsch gestaltet. Wir nannten sie: die zweieiigen Zwillinge.) Sie erhalten die Titel in allen Buchhandlungen, über den Verlag, aber auch (das ist für CH nicht uninteressant) via etkbooks.

   

(Die Kategorie http://www.abendschein.ch/site/weblog/C4/ gibt es immer noch. Die meisten (Ur-)Texte sind allerdings offline, sodass diese nur noch als Materialsammlung zu lesen ist.)

Blatt 6 (mehr in diesem Erdtheil gefunden)


mehr in diesem Erdtheil gefunden, es muss Winter bald werden, dass die Kraniche ziehen.
     Tretet hervor, die ihr so reich einst wart und so gewaltig, so tief jetzt erniedrigt im Staube, auch viel heimliche Sünden haben wohl die Väter verschuldet, dass die Zeit gegen ihren Samen bis in’s fünfzigste Glied so gewüthet?
     Haltet ihnen den Spiegel doch vor, damit sie die Zukunft darin lesen, wie die Natur den Uebermuth straft, wie die Rachengel schweben über jeglichem Vergehen, aber hüthet euch, dass sie den Spiegel selbst nicht zerschlagen.
     Wollt ihr die Sünde, so sprecht doch zu ihnen, dann bleibt ja immer kräftig und jung, gebt ihr die mindeste Blösse, gleich schlüpft euch die Strafe hinein.
     Den schönen Wald haben sie ganz und gar doch gelichtet, es stehen die Stöcke und Stumpen traurig nur noch, das treffliche Revier ist zur Gemeinhuth für Schweine geworden und jeglich Gethier.
     Und doch ein unendlich Gewurzel ist in diesem Geschlechte, und sollt es denn nimmer eine Krone mehr treiben? das mögen die barmherzigen Götter verhüthen, sie scheinen beynahe versöhnt, denn ein ander unseeliges Volk haben sie dem Verderben geweiht.
     Ihr aber, ihr geliebten Brüder und Freunde, wie seyd ihr so gar linkisch gewesen und täppisch; es wollt uns bedünken, als ob Bruchpatienten mit geübten Athleten zum Ringen in die Paläste träten.
     Sie sprachen zueinander, geruhig die Pfeifen ausklopfend, lasst uns nur gehen, früh genug werden wir uns zeigen, ernst kann’s nicht werden, uns zuerst zu mishandeln, das wäre unsittlich von ihnen.
     So zogen sie mit den langen Pfählen daher, und suchten die auf, die freywillig und edel sich zum Spiessen hingaben; die aber fanden sich nicht, aber es kamen andere Bösewichter und hieben ihnen rücklings die Achillessehne entzwey. Da lagen sie erstaunt und verblüfft.
     Die bösliche That soll untersucht nun werden und auf’s schärfste bestraft, wie’s der kategorische Imperativ einschärft.
     O Allergelehrteste! wie seyd ihr so dumm, wenn ihr die Bücher zu Hause gelassen.
     Ihrer ein Theil aber hat den guten Theil in dem Streite gewählt, und ist gut gefahren und hat Ehre eingelegt wie immer.
     Trophäen haben sie untereinander sich abgeschlagen, so lässt aus einem Oxhöfft Schande durch Destillation sich wohl ein Tröpfchen Ruhm noch abtreiben.
     Andere haben auf helfenbeinernen Stühlen mit falschen Bäten gesessen, sie wollten gern ja Ruhe und Frieden behalten im Hause; da sind die Zänker gekommen, und haben ihnen die Bärte zerrauft, und sie von den Stühlen geworfen, und sie wurden von den Hufen der Rosse zerstampft.
     O kläglich Gesicht, wie alle im Kothe umhergestreut sich krümmen und winden, durchsucht den Auskehrigt ja sorgfältig und genau, ihr müsst den ganzen Geschmuck der Väter drin finden.


015

ein punksong ist nicht wer wir sind

den blues zu retten gib dich mir

was immer meinem rock and roll geschah

ein punksong spürt hier keinen schmerz

nicht angenehm was du daran vermisst

zu merken würdig sind die fakten macks

der punkt des blickpunkts

sieht die formel über feinde

wieder dient die tellsche hymne nur

den blues zu retten gib dich mir

Über: “jetzt ist es ein kunstwerk. 100 flooksbooks.”

(Eine Sam Kautsch Postproduktion)

Ist Fluxus qualifizierbar? Quantifizierbar? Derivativ? Dokumentierbar? Transhistorisch auratisch? In einer Auktion wurde ein signiertes Exemplar eines Sam-Kautsch-Stempels ersteigert, um dies herauszufinden.

30 Jahre nach der Objektproduktion Kautschs, soll das Kautsch-Programm ausgeführt, diese Fragen überprüft und Ergebnisse dokumentiert werden. Das ursprüngliche Kautsch-Programm wird also umgesetzt und erstmals einer interessierten Öffentlichkeit als Serie von 99 Objekten und deren Bildern sowie als kontinuierlich entstehendes Metawerk vorgestellt.

Stempeln, Signieren, Deklarieren

Kautsch fertigte – vermutlich um 1978 – je 300 Stempel mit dem Schriftzug “jetzt ist es ein kunstwerk” in Deutsch, Englisch und Französisch. Einige wenige dieser Edition wurden als Objekt konfektioniert, die Mehrheit wurde jedoch als reiner Stempel vertrieben. Zusätzlich zum Stempel erhielt der jew. Besitzer ein Blatt Papier (ca. 21 x 31 cm). Auf diesem befinden sich 99 Fluxus-Symbole, ebenso der Vermerk “Stempel” und “Signatur”. Der Besitzer erwirbt mit dem Kauf das Recht, Gegenstände zum Kunstwerk zu deklarieren. Jedesmal wenn er einen Gegenstand mit dem Stempel zum Kunstwerk deklariert und als Künstler signiert, streicht er eines der Symbole auf dem Blatt durch. (Im Sinne von Kautsch kann dies durch bemalen, durchstreichen, lochen, überkleben, ausschneiden usw. passieren.) Nach dem 99sten Gebrauch erlischt das “Nutzungsrecht” am Stempel, den 100sten Stempel platziert der Besitzer auf dem Blatt und signiert es ab. Kautschs Auseinandersetzung mit dem “Kunstbetrieb” bildeten die Grundlage seiner Werke. Konzeptuelle Arbeiten stellen einen wichtigen Teil seiner Arbeiten dar, da er sich eher als Kunsttheoretiker versteht, weniger als bildender Künstler. Bekannt ist Kautsch sicherlich für seine Fluxus-Klang-Installationen. Diese Happenings wurden oft in Zusammenarbeit mit Norbert Linx und Hans Koehler durchgeführt. Sam Kautsch steht in der Tradition eines/r Georg Brecht, George Maciunas, Nam June Paik, Yoko Ono, Robert Filliou und Dieter Roth.

[Datenblatt Stempel: Künstler: Sam Kautsch (*1947) / Titel: jetzt ist es ein kunstwerk / Bezeichnet: Signiert / Jahrgang: Um 1980 / Kunstlandschaft: Schweiz/Deutschland/USA, 20. Jh / Format: 60 x 60 x 19 mm / Technik: Klassischer Holzstempel / Auflagehöhe: < 300 Exemplare / Zustand bei Erwerb (Februar 2012): Ungebraucht, feine Spuren der Lagerung ersichtlich / Provenienz: Privatsammlung, Bern //]

Authentizität und Legendenbildung

“Sam Kautsch ist einer der wegweisenden Protagonisten des Fluxus, Jahrgang 1947 und gebürtiger Krefelder. Er gilt als wichtigster Verfechter der protoreal/fiktionalen Strategie. Ziel und Zweck seines Schaffens gründet sich in der mutwilligen Beschädigung nahezu aller Erwartungshaltungen von Kritikern, Künstlern und Betrachtern zugleich. Seine Arbeiten übersteigen dabei jedoch regelmäßig das dinglich Artifizielle und sind quasi von sich aus gültige Modelle und Module von fiktionalen Wirklichkeiten. Dem naiven Glauben an einen autonomen Schöpfer von Kunstwerken hält der Künstler ein Angebot entgegen, das jeder zu nutzen eingeladen ist. Ein Stempel stempelt den Beleg: „jetzt ist es ein kunstwerk“. Neben der augenblicklich wahren Aktualität dieser Aussage führt Kautsch damit einen Beweis, den ein jeder nachvollziehen und anwenden kann. Wann, wenn nicht jetzt – wann jemals ist etwas mehr ein Kunstwerk gewesen? Die Arbeit von Sam Kautsch kreist um die Pole Authentizität und Legendenbildung. Dabei legt sie immer wieder die Erwartungshaltungen des Kunstbetriebs und Kunsthandels offen. Mit einer großen Portion Sarkasmus kommentiert Kautsch in seinen Arbeiten die Bemühungen von Künstlern, Kuratoren und Galeristen, Kunst zu konstituieren. Als einer seiner wichtigsten Methoden ist das Spiel mit der “Legende vom Künstler” und der vermeidlichen Authentizität anzusehen. Diese wird auf ironisch – distanzierte Weise von Kautsch reflektiert und ist somit alles andere als der Glorienschein der das Künstlersubjekt, hier Abteilung Fluxus, umleuchtet.” (Quelle: Berliner Kunstverein)

Die Objekte

Die Durchführung einer Kautsch-Stempelung und damit Produktion von 99 authentischen Kunstwerken wird mit der – nun auch in Europa Fuß fassenden – Idee der Kartonbuchfabrikation kurzgeschlossen.

“Buenos Aires. Papiermüll-Sammler, sogenannte Cartoneros, die nachts durch die Straßen der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires ziehen, haben die ausrangierten Verpackungen für Milchflaschen, Mehl oder Kartoffelchips-Tüten zusammengesucht. Cucurto und seine Helfer machen daraus Buchcover – die dann zu Kartonbüchern werden.” (Quelle / Mehr …)

Als Dekonstruktion betrieblicher Reproduktion wird auch dort ein Konzept des Singulär-Seriellen entgegengesetzt, das zudem sehr pragmatisch mit Materialien umzugehen weiß. Während jene Kartonbücher aber zumeist mit liebevollen Zeichnungen und Bemalungen versehen werden, greift dieses Kautsch-Projekt auf ästhetisch schon Vorhandenes zurück. Gebrauchte, frankierte, beklebte und divers beschriebene Kartonversandtaschen werden zu Buchumschlägen, die je eine einmalig als Digitalprint realisierte Fotographie enthalten. Jedes Kartonbuchobjekt enthält zusätzlich Titel- und Verlagsinformationen, besagte Kautsch-Stempelung und Objektnummerierung, Datum und Signatur des Objekt-Produzenten („hab“ = Hartmut Abendschein, etkbooks) sowie diesen Begleittext mit obiger Abbildung des Fluxus-Symbolblatts. Zusätzlich wird jedem Objekt eine Fotographie seiner selbst beigefügt. Das so erweiterte Objekt enthält somit neben sich auch seine Dokumentation und multipliziert damit seinen Wert und die zu stellenden Fragen. Was bedeutet dies etwa für Begriffe der Originalität, Reproduktion, Multiplikation bzw. Autorschaft? Die Objekte werden in Bildform im Internet dokumentiert und sind käuflich zu erwerben.

ISBN 978-3-905846-21-8

Mehr / Order: http://flooksbooks.etkbooks.com