taberna kritika

Conclusus

(B30 zu M30)

Bitte gehen Sie endlich weiter, hier gibt es wirklich nichts zu sehen! Hören Sie! Und wenn Sie hier ewig warten: Sie kommen hier nicht rein. Und sollten Sie hier doch irgendwann einmal reinkommen, dann werden Sie weiter warten, und noch viel länger. Es lohnt sich nicht, sage ich Ihnen, verstehen Sie nicht? Es muss hier geschlossen bleiben auf immer und ewig. Nur so kann es seinen Zweck erfüllen. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, beim besten Willen nicht. Hier wird immer zu sein. Idealerweise. So steht es doch. Können Sie nicht lesen? Und ich habe nun einmal Sorge zu tragen. Das können Sie mir glauben. Also gehen Sie bitte weiter. Es gibt hier wirklich nichts zu sehen.

404 / A2S3(1)

(D16)

Akt 2, Szene 3

Licht in R1 bis R3. In R1 sitzen Käs und Sachwitz am Computer und gehen Listen durch. In R3 befinden sich Flugs, Flitz und Weber am Sitzungstisch und diskutieren. In R2 befinden sich Maler und andere Handwerker. Regale werden abgebaut. Beschriftungen, Wegweiser und andere Pfeile in verschiedensten Signalfarben werden aufgehängt bzw. aufgestellt. Ältere Hinweisschilder werden ersetzt.

R1

KÄS (liest aus der Liste vor, während Sachwitz die Daten in den Computer eingibt): RAA 14627.

SACHWITZ: Noch nicht eingetroffen.

KÄS: FHB GN 4190.

SACHWITZ: Ist vermisst.

KÄS: Litt var XI 532.

SACHWITZ: Fehlt.

KÄS: Das kann doch nicht sein.

SACHWITZ: Steht da. Bitte (weist auf den Bildschirm).

KÄS: RAC 4692.

SACHWITZ: Wurde ausgeschieden.

KÄS: RAB 94410.

SACHWITZ: Bestellung storniert.

KÄS: Verdammt! Ja glauben die denn etwa …

SACHWITZ: Die Benachrichtigungen an die Kunden darf wohl wieder alle ich schreiben?

KÄS: Ach was, ich helfe Ihnen lieber dabei. Sonst sitzen wir morgen noch dran. FHB EC 3700.

SACHWITZ: Ausgeschieden. Text als elektronische Ressource verfügbar.

KÄS: Lassen Sie mal sehen.

SACHWITZ: Achtung. Zugriff erfolgt.

(Beide starren eine Zeit lang auf den Bildschirm, dann stöhnen sie auf.)

SACHWITZ: 404. File not found. Soll ichs noch mal probieren?

KÄS: Nein. In diesem Falle müssen wir einen Vermerk schreiben. Nach DA12 ist zunächst eine Meldung an die IK4 zu richten. Das wäre der Ansprechpartner … (blättert in einer anderen Liste) …

SACHWITZ (blättert ebenfalls in einer anderen Liste): Ein Herr Bauer.

KÄS: Theodor Bauer. (Zitiert weiter) Die Fehlermeldung ist in angegebenem Wortlaut in das Formular FF3 Absatz 2 zu übertragen und eine Priorität zu vergeben.

SACHWITZ: Das Formular befindet sich …

KÄS: Wie immer im Intranet. Und zwar (greift Sachwitz über die Schulter) hier.

(Beide starren eine Zeit lang auf den Bildschirm, dann stöhnen sie auf.)

SACHWITZ: 404. File not found.

Gedichtbausteine, Rohstoffe

Ameisen kippen nach links, wenn sie sterben

Wo wurde Wigald Boning geboren?

Hypomnemata / Selbstsorge / Notizbücher (M.F.)

Natur zum halben Preis

Gesichter, Mienen, Ausscheidungen

Alles velozitatisch

Father smoking in heaven

Are friends eclectic?

Die harten Brüste des Rezensenten

Perkampus: Kafka meets Roald Dahl

Räume ohne Orte

Wenn ein alter Mensch stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek (afrik. Sprichwort)

Sollzeit

Im Angesicht der Tatsache

War Arno Schmidt in einer Textwerkstatt?

Oder Thomas Bernhard?

Oder dieser Müller?

Wärs nicht Prosa, wärs ein Gedicht

Und auch die Universitäten: reinste Geistesvernichtungsanstalten

Restaurant Zum goldenen Fallschirm

Geschmacksscherben hinter entzündeten Augen

Unvollständigkeit

Unvollständigkeit

Unvollständigkeit

Die Donnerlehre (Taoismus)

Rechtschreiben mit Lenin

Aus dem Aufenthaltsraum

(A02 zu E04)

Mein Lieber,

Ich erwarte die Pause mit grosser Ungeduld, um Dir zu schreiben. Um Dir von uns zu berichten und dem Kommenden. Ich muss diesen Zeit- als Ausgangspunkt nehmen, denn nichts ist fest hier und nichts woran ich mich klammern könnte. Immer noch auf der Suche nach Dir, ist diese endlich genommen und jene begonnen, alles andere eine Frage der Zeit. Alles andere ein Irrtum. Wäre nicht dieser Ort, wäre es nur ein Wandern ins Blaue. Eine Bewegung ohne Karte. Vektorielle Verschiebung. Planlosigkeit. Bist Du schon daran? Hast Du schon Skizzen gemacht? Bitte bedenke: Ohne Kartenwerk sind wir verloren und ohne einander kann kein solches entstehen. Ziehen wir einzeln eine Linie auf dem Papier, kreuzen wir uns vielleicht oder nie und über die kleinen Kästchen beginnen wir mit und bei uns selbst. Ohne einander. Landen wir Irgendwo. Für eine Linie braucht es immer zwei, wie Du weißt. Wie Du weißt, will es dafür höchstens zwei, also lass uns beginnen. Wir Karthographen.

Ein unbekannter Kollege hatte Geburtstag. Ein netter Brauch ist es, den anderen Gebäck, Kuchen oder Deftigeres in den Aufenthaltsraum zu stellen und diese zu grüssen. Gerade esse ich ein Stückchen Schwarzwälder Torte. Wer diese kredenzt hat? Ich weiss es nicht. Nur ein Gruss und ein Kürzel steht auf der Karte, die neben dem Geschirr ausgelegt wurde. Auf der Rückseite ein Aquarell mit der Silhouette einer kleinen Stadt. Am Kirchturm wäre sie vielleicht zu bestimmen. Kein weiterer Text. Und das Kürzel: ich werde mich umhören müssen, zu wem es gehören mag und mich bedanken. Möglicherweise gibt es ein Verzeichnis mit allen Kollegenkürzeln und ihren zugehörigen Namen. Du musst verzeihen, ich bin heute etwas zerstreut. Die Pausen. Die Zerstreuungen. Es ist, als würde das darin Gedachte immer seine Haltung verlieren. Sich aus mir herauslösen und eigene Wege einschlagen. Vielleicht ergeht es Dir ähnlich? Vielleicht hast Du ähnliche Mühe bei der Sache zu bleiben? Diese Grenzen. Man muss vielleicht froh sein, dass es sie gibt. Wer will immer nur Torte essen? Wer will immer nur suchen, nach dem, der sie stiftet? Der Kaffee ist miserabel. Ich muss mir danach immer den Mund ausspülen. Aber trinken muss ich ihn doch. Das Blut soll dünn bleiben, sonst verstopft es die Adern. In einem Glas Wasser löse ich eine Tablette auf. Und schütte es nach. Bleiben wir weiter in Bewegung. Bleiben wir auf bald,

A.

Am Gehäuse

(B29 zu M29)

Was macht der Hund da? Hat man ihm nicht schon oft gesagt, er solle verschwinden? Hat man nicht abermals und abermals angewiesen, er habe hier nichts zu suchen? Der Affenhund. Erst recht nicht, wenn der Pfau da ist. Dieser Affenpfau! Da bellt doch der Hund. Der will an seinen Napf. Wo waren wir stehen geblieben? Zu hell. Zu hell im Gehäuse. Zu hell im Gehäuse ist’s nie. Denn der Tag ist im Aussen. Den roten Rock in Falten. Die Hallen. Hallen. Das Bellenhallen und Hallenbellen. Der Pfau. Und das Gemüse. Wer hat das Gemüse hierhin gestellt? Tausend Male hat man angewiesen: Das Gemüse nicht ins Gehäuse. Keine Tiere ans Gehäuse. Raus aus der Halle. Die Bögen. Das gleissende Oberlicht, wenn da Licht wäre. Mehr Licht ins Gehäuse. Fiat. Fiat aber auch ein Dach über den Kopf. Und die roten Falten der Robe und die faltenfreie röte Mütze. Fiat die Bögen. Fiat die Symmetrie des Raums.

Die Doppelfenster. Ein anderes Fenster mit Fensterkreuz. Die Viertelung der Sicht. Die vier Gärten und das Gebirge. Und ein Perlhuhn. Ist’s schon Mittag, weil der Magen knurrt? Wer hat die Bücher genommen? Wer die Folianten verschoben? In Konzentration. Man konzentriere sich endlich. Und das Bild? Diese umständlichen Bilder, wenn dahinter ein Tuch weht und Falten wirft. Und unseren Blick fordert. Hat man nicht Tausende Male gesagt, man möchte nicht dieses Tuch an diesem Ort? Es verhängt uns die Sicht, sei es noch so klein. Du kleines Perlhuhn, du. Bist du das Essen? So klein. Wer mag da satt werden? Man nehme den Pfau hinzu, und den Hund sperre man wieder ein. Wo ist die Feder, wo die Tinte – das Wörterblut? Hier sind so viele Fehler im Bild. So viele Bilder im Blick. So viele Blicke falsch. Zu korrigieren. Die Korrekturen. Der Magen. Der Magen. Hat jemand geläutet?