taberna kritika

So hurt

(B36 zu M36)

Nicht nur zwischen den Schriftzeichen. Auch zwischen den Büchern. Zwischen all den Einbänden: fliessende Übergänge. Luft. Ausdehnung. Imagination. Hier umgekehrt. Die Texte verwischen, dazwischen. Sagen sich noch einmal daher, denkt sie. Die Zwischenräume zwischen Büchern, knapp, geringer oft als die der Zeichen. Was wohl passierte, wenn man die Luft absaugte. Noch grösser: Wenn man in diesen Räumen ein gewaltiges Vakuum herstellte? Fiel dann alles in sich zusammen? Würde alles wieder voneinander befreit. Ein unglaublicher Fliesstext läge vor ihr, stellt sie sich vor. Und die wabernde Masse. Dann: Dass eine richtige Arbeit über diese Kunst angreift, weh tun muss, muss so sein. Das darf sich auch in der Verpackung äussern. Die Arbeit enthält in ihrer gebundenen Ausgabe auf dem Frontcover ein aus Sand- oder Schleifpapier gefertigtes Symbol, das zwangsläufig den Nachbarband traktieren wird. Praktisch, stellt sie fest: Die Arbeit wird auf jedem Bücherstapel in der Bibliothek oben liegen. Unpraktisch, folgert sie: Beim Buchhändler um die Ecke wird, das Buch kein Entzücken auslösen und möglicherweise im Giftschrank versauern. Dann stellt sie es wieder zurück ins Regal. Dem Regal, das eigens dafür gebaut wurde.

auch hierzu

Platzhalter

(A08)

Und was wären wir ohne die Körper, Benedikt? Ich habe ein ungutes Gefühl. Auch, was diesen Röhrling angeht. Ich weiss nicht, ob er Dir helfen wird. Sicher meint er es gut mit Dir. Vielleicht schadet er Dir aber auch. Vielleicht wird Dir dieser Schaden Hilfe sein. Das lässt sich wohl erst im Nachhinein beurteilen. Wesentlich allerdings: Röhrling kann kein Interesse an unserer gemeinsamen Arbeit haben. Er steht – wenn nicht für das Gegenteil – für etwas ganz anderes. Für ein Ergebnis, das seinen Weg am gleichen Ortsausgang begann, aber … wer will solche Dörfer besichtigen? Ich darf hier nicht konkreter werden und möchte Dir lieber noch etwas schreiben über Scheinannas Flor, wie Du einmal notiertest. Wir haben nach Berührungspunkten gefahndet und keinen Zentimeter ausgelassen. Ein grosser Fehler meinerseits, wie ich jetzt gestehen muss. Nun bin ich auch nur Mensch und manchmal Leib. Es hätte dennoch nicht passieren dürfen und wird es auch nicht wieder. Erkenne das und vergiss, so schnell Dir möglich. Es war die grösste Ausnahme, zu der ich imstande bin, aber einen Moment dachte ich, Dich zu verlieren. Nur wenn Du das zu verdrängen in der Lage bist, kann ich weiter sein und mit Dir. Glaube bitte, was Du willst, aber nicht an meinen Entzug, denn ich bin immer vorhanden. Und unsere Unterscheidung, die uns zu dem machte, was wir sind: Die Vielfalt. Das Wort. Und der Hintergrund. Und vielleicht sollte ich doch noch etwas deutlicher werden: Hüte Dich vor Röhrling. Und dem X und dem U. Und der scheinbaren Genugtuung der Menge. Rechne mit der Angst vor dem Einfluss. Sie hat Einfluss. Blättere weiter. Nur diese Bewegung macht es aus. Zerstöre es, wenn nötig. Oder brich die Scharniere, die Vorgaben werden. Du gibst vor. Entwickle Dich und Deine Bewegung. Spiele mit dem Vergangenen. Setze. Verwende einen Würfel in einer kritischen Situation. Oder ein Roulette. Mache Dich mit Stellvertretern bekannt. So gesehen: Studiere ihn, aber lass es nicht zu, dass es umgekehrt der Fall ist. Bleibe, wo Du bist, und von dort aus löse Dich auf. Wenn es kritisch wird. Hinterlasse nichts ausser Dich. Ich muss nun auf Reisen. Man muss mich auf Tagungen zeigen. Grachtenfahrten moderieren und Kanäle durch die sündigen Zeilen der Stadt. Sobald ich zurück bin, werde ich mich wieder bei Dir melden. Nur so lange hast Du selbst zu wissen, wie Du Dich überbrückst. Auf bald, Deine A.

Freiräume / A3S1(3)

(D21)

WERBETRAILER: Wir können alles, ausser kochen. Wir sind Ihre Bibliothek.

Flitz und Flugs schütteln gleichermassen Ihren Kopf …

FLUGS: … Können Sie froh sein. Ich wollte Sie noch fragen, ob Sie mich nicht vielleicht bei der Niederschrift des Kaderbriefes unterstützen wollten. Ich habe heute Mittag noch einen wichtigen Termin.

FLITZ: Oh. da helfe ich Ihnen doch gerne. Was könnte ich da für Sie …

FLUGS: Ich schicke Ihnen alle Unterlagen. Es eilt ein wenig. Das müsste bis morgen Mittag erledigt sein. Äh. Ich muss dann … Mahlzeit. (will abgehen)

FLITZ: Mit Weber?

FLUGS: Mit wem?

FLITZ: Na, der Termin. Haben Sie ihn mit Dr. Weber?

FLUGS: Dr. Weber? (Dämpft Stimme) Hören Sie, es gibt da noch andere, wichtige Termine, als die mit Dr. Weber. (Geht ab.)

FLITZ: Aha.

R1

Weitere Bücherwägen werden via R2, R1 nach links durchgerollt. Die lückenlose Überwachung des Abtransports durch Maurer/Neumann ist für einen Moment nicht gewährleistet und Sachwitz spricht einen Umzugshelfer an.

SACHWITZ: Hören Sie, wo kommen denn die ganzen Bücher hin?

HELFER: Weg.

SACHWITZ: Ach nee. Und wohin genau, wenn man fragen darf? (macht sich an dem einen oder anderen Buch auf den Wägen zu schaffen).

HELFER: Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.

SACHWITZ (nimmt zwei Bücher genauer unter die Lupe, liest vor): Ausgeschieden am 14.03. Kassiert. Alles Bücher mit R-Signaturen.

KÄS (bestürzt): Die Geisteswissenschaften?

SACHWITZ: Genau die.

KÄS: Vielleicht hat dieses Memo was damit zu tun. Ist gerade reingekommen. (Raschelt in einem Blätterhaufen, findet ein Papier, überfliegt es, zitiert:) Entsorgung der Bücher mit den Signaturen R, Litt, Hist und andere. Aufgrund der Anschaffung diverser elektronischer Ressourcen ist es in unserem Bestand zu einer erheblichen Menge von Dubletten gekommen. Wir haben uns daher entschlossen, diese zunächst auszusondern und an einem anderen Platz zu lagern. Der daraus entstandene Freiraum in unseren Magazinen kann alsbald vermietet werden. Eine Korrespondenz diesbezüglich mit möglichen Interessenten ist im Moment im Gange.

Blackout

Schreiben und Strafen

(B35 zu M35)

« Der Reisende war schon ein wenig für den Apparat gewonnen; die Hand zum Schutz gegen die Sonne über den Augen, sah er an dem Apparat in die Höhe. « Der Reisende wollte schon verstummen, da fühlte er, wie der Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er den geschilderten Vorgang billigen könne. Der Offizier erkannte, daß er in Gefahr war, in der Erklärung des Apparates für lange Zeit aufgehalten zu werden; er ging daher zum Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn gerichtet war, stramm aufstellte – auch zog der Soldat die Kette an -, und sagte: »Die Sache verhält sich folgendermaßen. Noch war etwas nicht in Ordnung, das nur er merkte; er kletterte wieder hinauf, griff mit beiden Händen in das Innere des Zeichners, glitt dann, um rascher hinunterzukommen, statt die Leiter zu benutzen, an der einen Stange hinunter und schrie nun, um sich im Lärm verständlich zu machen, mit äußerster Anspannung dem Reisenden ins Ohr: »Begreifen Sie den Vorgang? « Der Reisende hatte das Ohr zum Offizier geneigt und sah, die Hände in den Rocktaschen, der Arbeit der Maschine zu. ‹ Sie wollen eingreifen, Sie haben nicht das gesagt, was er verkündet, Sie haben mein Verfahren nicht unmenschlich genannt, im Gegenteil, Ihrer tiefen Einsicht entsprechend, halten Sie es für das menschlichste und menschenwürdigste, Sie bewundern auch diese Maschinerie – aber es ist zu spät; Sie kommen gar nicht auf den Balkon, der schon voll Damen ist; Sie wollen sich bemerkbar machen; Sie wollen schreien; aber eine Damenhand hält Ihnen den Mund zu – und ich und das Werk des alten Kommandanten sind verloren. Aber vielleicht wollen Sie das nicht, es entspricht nicht Ihrem Charakter, in Ihrer Heimat verhält man sich vielleicht in solchen Lagen anders, auch das ist richtig, auch das genügt vollkommen, stehen Sie gar nicht auf, sagen Sie nur ein paar Worte, flüstern Sie sie, daß sie gerade noch die Beamten unter Ihnen hören, es genügt, Sie müssen gar nicht selbst von der mangelnden Teilnahme an der Exekution, von dem kreischenden Rad, dem zerrissenen Riemen, dem widerlichen Filz reden, nein, alles Weitere übernehme ich, und, glauben Sie, wenn meine Rede ihn nicht aus dem Saale jagt, so wird sie ihn auf die Knie zwingen, daß er bekennen muß: Alter Kommandant, vor dir beuge ich mich. Als der Offizier oben endlich fertiggeworden war, überblickte er noch einmal lächelnd das Ganze in allen seinen Teilen, schlug diesmal den Deckel des Zeichners zu, der bisher offen gewesen war, stieg hinunter, sah in die Grube und dann auf den Verurteilten, merkte befriedigt, daß dieser seine Kleidung herausgenommen hatte, ging dann zu dem Wasserkübel, um die Hände zu waschen, erkannte zu spät den widerlichen Schmutz, war traurig darüber, daß er nun die Hände nicht waschen konnte, tauchte sie schließlich – dieser Ersatz genügte ihm nicht, aber er mußte sich fügen – in den Sand, stand dann auf und begann seinen Uniformrock aufzuknöpfen. Er hatte die Hand der Egge nur genähert, und sie hob und senkte sich mehrmals, bis sie die richtige Lage erreicht hatte, um ihn zu empfangen; er faßte das Bett nur am Rande, und es fing schon zu zittern an; der Filzstumpf kam seinem Mund entgegen, man sah, wie der Offizier ihn eigentlich nicht haben wollte, aber das Zögern dauerte nur einen Augenblick, gleich fügte er sich und nahm ihn auf. Der Reisende sah zu dem Soldaten und dem Verurteilten hinüber.

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