taberna kritika

28. Schachtel ()

In acht Ecken. Dieses Denken hat System. Eines der Systemlosigkeit, begibt man sich ins Innere. Erscheint es von aussen kompakt und rund, entsteht vielleicht der Eindruck, es sei gut versorgt. Täuscht es, aber es tröstet. Ungemein.

unnötig zu zitieren die rundheit des kopfes zur möglichkeit des wechsels der richtung des denkens.

Zu Melvilles “Bartleby, the Scrivener”

Ein kleines Lektüreerlebnis, besser: eine Texterinnerung und Anwendung unter dem Titel Die Verweigerung im Konjunktiv gibt es heute nicht hier, sondern in Benjamin Steins Turmsegler, in einer eigens für solche Anlässe geschaffenen Rubrik.

Für den Fall einer Zugriffsverweigerung der Datenbank biete ich hier eine Version als PDF.

Alphabet des anarchistischen Amateurs

Bleibt hier noch festzuhalten, dass obiger Titel von Herbert Müller-Guttenbrunn (neu ediert bei Matthes & Seitz, Berlin 2007; ursprünglich und in anderer Form im „Nebelhorn“, 1931/32) eine kaum zu übersehende, strukturelle Ähnlichkeiten mit der EuD aufweist, wie ich jetzt erst feststelle. Sowohl die Verwendung zeitgenössischer Äusserungen und Zitate, als auch die Durchsetzung dieses – ebenso als Quasi-Enzyklopädie angelegten – Texts mit kleinen Reflexionen, Störungen, Aphorismen und Verweisen sind dort ähnlich umgesetzt. Auch, was das Kreisen um ein vage vorgegebenes Sinnzentrum angeht. Zur Qualität der (hier aber überwiegend eigenen) Einträge: bei Müller-Guttenbrunn gehen sie dann doch oft ins Halbkomische. Bsp. zweier sehr kurzer Einträge:

Dadaismus / Eine literarische Richtung, deren Jünger wenigstens zugeben, daß sie lallen.

bzw.

Expressionismus / Behauptet, etwas auszudrücken. Aber niemand weiß, was.

Diese Art Humor ist denn wohl auch sehr der Zeit geschuldet. Ale Ergänzung hier noch etwas Verlags- bzw. Klappentext

Bürgerseele, Cunnilingus, Defloration, Dollar, Fernsehen, Frauenemanzipation, Geburtenrückgang, Geld, Todesstrafe, Vorhaut Christi: Keine Peinlichkeit und keine Scheinheiligkeit bleibt unentdeckt vom wachen und gnadenlosen Blick Herbert Müller-Guttenbrunns, der sich in diesem vergnüglichen Alphabet schonungslos über verschiedenste unserer Alltäglichkeiten hermacht. Und Herbert Müller-Guttenbrunn ist nicht irgendwer: als gefürchteter Satiriker und Pamphletist führte er eine Zeitschrift ähnlich wie Karl Kraus fast in Alleinregie: Das Nebelhorn. Darin übertraf er jenen sogar an Schärfe der Beobachtung und des Ausdrucks. Kaum einen Sachverhalt, den er nicht unter die Lupe der Satire (die auch mal grobianische Polemik sein kann) legt. Ziel seiner aphoristischen Klinge ist der »Mord«, nämlich der »Mord am Schwachsinn, d.i. an der – mit ihm leider schon identischen – Autorität.« (…)

bei dem mich vor allem diese Passage stutzig macht

Herbert Müller-Guttenbrunn, anarchistisch, querulantisch und absolut individualistisch, wurde 1887 in Wien als Sohn des mit antisemitisch-deutschnationalem Geruch behafteten Banater Erfolgsschriftstellers Adam Müller-Guttenbrunn geboren. Zwischen 1927 und 1934 erschien seine Karl Kraus gewidmete Zeitschrift »Das Nebelhorn«. 1945 wurde er irrtümlich erschossen.