taberna kritika

Vorgang „V“

(M12)

Was soll ich mit der Seite tun? Ich entschied mich für den Vorgang „V“. Der Buchstabe galt bei mir als Kürzel für „vergängliches, ephemeres Material“. Die Bibliothek verfährt nach dem Motto: solches Material sammeln, sieben und dem Test der Zeit aussetzen. Sobald wir zu einem gegebenem Thema immer mehr Schriften entdecken, wickeln wir sie am Ende in Packpapier, machen eine kurze Katalog-Eintragung und legen den Packen zur Seite … Der V-Vorgang besteht überwiegend aus kauzig verschrobenen literarischen Texten oder unbeantworteten Liebesbriefen – je nachdem, wie man es nimmt … Es war höchste Zeit, daß ich den Vorgang einsah. Er platzte bereits aus den Nähten. Es war an mir, ihn auszujäten, sobald einige Monate verstrichen waren. Dafür gibt es keine Regel … Was den Inhalt angeht, so sind die Papiere allesamt von zweifelhaftem oder unbekanntem Wert, der sich nicht ohne weiteres abschätzen läßt. So sortierte ich nach dem Zufall aus und entfernte: 2 Geständnisse über perfekte Verbrechen, 10 Adelsstammbäume von unbekannten Personen, 12 Manifeste über den einzig wahren Glauben, 1 Entwurf zu einem Perpetuum mobile. Das gab wieder Luft.

In: Ann Grace Mojtabai, Mundome. Frankfurt 1978

Nachwuchssorgen

auf dem Spielplatz

im Entsetzen der Eltern

hochgerüsteter Kinder

das Misstrauen gegenüber

anderen ahnen

proportional zum

misstrauten Selbst

Massagebälle

Noppenbälle

gelbe rote und

blaue

Nachdenken über die

Körnung des Sands

Körnergrössen

Reinheitsgrade

Güteklassen

Humidität

Heut ist kein Burgenwetter

Ein Fisch franst

an den Rändern

aus

Verzeichnungen

(M11)

Auf qualitative Differenzierung ist auch in der vorliegenden Arbeit verzichtet worden. Ersatzweise sei hier die Frage nach der Interdependenz von literarischer Qualität einer Darstellung und ihrer Bewertung des Sujets gestellt. Läßt man als Qualitätsindex jene Auswahl gelten, wie sie durch Verzeichnung in einem neueren Literaturlexikon mittleren Umfangs geleistet wird, so erfüllt etwa die Hälfte der ausgewerteten Texte diese Bedingung. Von diesen nun stellen rund 60% Bibliothek und Bibliothekar mit überwiegend negativen, zumindest aber satirisch überpointierten Eigenschaften dar, signifikant mehr als das Gesamt der Texte (etwas mehr als 40% negative Urteile). (…) Selten oder höchstens in Arbeiten minderer literarischer Potenz ist die Bibliothek selbst unaustauschbarer Darstellungsgegenstand, ist ihre Eigenart als Arbeitsplatz abhängig Beschäftigter thematisiert: Häufiger dagegen begegnet sie als Mythenträger. Selten auch nimmt der Bibliothekar mit seiner Berufsidentität Gestalt an: Literarisch reizvolle Protagonisten werden fast durchweg unter der Rubrik „intelligenter Sonderling“ geführt.

In: Döhmer, Klaus. – Merkwürdige Leute : Bibliothek und Bibliothekar in der Schönen Literatur. Würzburg : Königshausen und Neumann, 1982 (S.96f.)

Antwortbogen

1) Die Existenzform. Oder Daseinsform. Inemuri. Der Anwesenheitsschlaf.

2) Das Erscheinungsbild. Verblutet, bis zur Unkenntlichkeit.

3) Allgem.: Auftrag. Bildungsenteignung durch Bildungsaneignung.

4) Z.B. die allmähliche Verknüpfung des Geschriebenen mit dem Schreiben.

5) Die Schule: Neue Weimarer Klassik.

6) Hauptfach: spekulative Physik.

7) Sozialkompetenz. Verblutet mit seiner Umgebung.

8) Ein Urlaubsziel. Geliebt vom Meer, wohnt in den Bergen.

9) Unwetter. Wenn Saugnäpfe nicht mehr haften.

10) Nasalanz, Nasometrie, Nasalitätsmessung.

11) Gegenfrage: Was ist kein Roman?

Werner

(M10)

35 Jahre. Es ging mit Riesenschritten auf die 40 zu. Er war immer noch Bibliothekar. Viele seiner Altersgenossen leiteten große Betriebe, versahen hohe politische Posten oder amteten als Professoren. Hatte er versagt? Nein, er war mit seiner Arbeit zufrieden! Hoher Verdienst lockte ihn nicht, hier konnte er sich selbst sein. Er beneidete niemand, weder den Direktor noch irgendeinen Vorgesetzten.

In: Vollenweider, Ernst: Die Stadt der Gerechten. Zürich, 1968