taberna kritika

4.2

gleich hinter der türe // der stätte des täglichen wirkens und / werkens um ruhm und erhalt der / funktionen des körpers und geistes und / körper und geistesgeschmeichels und / mehrwerts des eigenen tuns steht sie / da und behauptet sie warte schon / lange mehr als sie gewohnt sei mehr / als sie sich üblicherweise zu / warten gestatte es tue mir leid sage / ich die termine termine verschöben / sich immer wenn man etwas / anderes plane zu planen gedenke doch / nun sei man da und wir beide / nun endlich von auge zu auge im / weinhaus mit brotzeit zur brotzeit ein / wenig ganz sachte einander am nähern nur / weniges trennt uns die schwarzmatte tasche was / mag darin sein fragt man / ahnungslos spielend das wisse / ich doch ganz genau und noch / ehe sie kauend den letzten bissen bewältigt zerrt / sie aus der tasche befördert das / lange ersehnte geschriebene fast / schon entsetzlich vermisste vor heisst / zwischen uns zwischen teller und gläser mit / todernster miene das über und über mit / rotstift bedachte und weiter mit / rotem und blauem gerät die schon / mehrfach gemetzelten stellen des textes / zu kreuzen kein wort über uns oder / mich im besonderen heute ja / heute sei sie in funktion ihres amtes und / heute das thema ein rein professionelles ob ich / wenn auch müde noch einiges aufnehmen / könne dann weiter mit kurzer und schneller / erklärung mit einem nicht einfachen / so //

Ladungen V – weitere Traumbegriffe

(Materialien zu DTmF, Nachhausewegtexte)

Einiges ist zu Igels* Texten geschrieben worden. Vor allem als Erinnerungsstücke wurden sie rezipert, die (naturgemäss fragmentarisch – wie ein Traum) wieder auftauchen (aufwachen), plötzlich, unerwartet, zwischen sechs Punkten erscheinen und jeweils einen vergangenen Moment abbilden, der aber – einer Privaterinnerung entrissen und enthoben – gleich eine ganze Landschaft sein will. Der Begriff “Traumwache” macht stutzig, weißt er sich einerseits zu einem Arsenal lyrischer Beschreibungen zugehörig aus und sieht sich doch auch im Umfeld einer parawissenschaftlichen Terminologie **.

… war ich im traum kind, daß ich an mutters seite durch die schlippe ging, jenes zu einem s-bogen geformte wegstück, flankiert von dichtem gebüsch, das unser gelände mit dem straßennetz der siedlung verband, ein weg, der zur nacht im dunkeln lag, und jenseits des gehölzes währten verwilderte gärten; als wir die schlippe passierten, hatte reif die vom frühling schon berührten büsche bedeckt, und viele der zweige brachen aus der reihe hervor, umschlossen von einer schicht durchsichtigen eises, verengten die gasse – ich hatte angst, am nächsten morgen allein diesen weg zur schule zu gehen, ausgesetzt den bizarren gebilden, die im dunkel zu schimmern begannen, doch mutter beharrte darauf, dass ich ohne begleitung ging: sie wolle mir einen krebs mitgeben, zum schutze auf diesem weg: würfe ich ihn unter die zweige eines der sich zu sehr hervordrängenden büsche, ließe jedwede gestalt sofort ab von mir … (Igel, S.26)

In Igels Texten sind tatsächlich Traumarbeiten geleistet worden. Aufzeichnungen von Träumen aber, die keine sind, oder vielleicht: Erinnerungen, die durch eine bestimmte Traumoptik gefedert wurden, und die den persönlichen und zeitlichen Abstand (obwohl da ein “ich” spricht) betonen und etwas Allgemeingültiges ausstellen. Wie oben eine Kindheitserinnerung bspw., die aber weniger nur eine kindliche Wahrnehmung geltend machen will, sondern sich vor allem auch auf die nachhaltigen Verzerrungen stützt: etwas, das erzählenswert und erzählbar bleibt. Der Sprache und Bilder wegen. Des Blickwinkels wegen. Obiger Nachhausewegtext hat mich an den 33. Traum der “Träume meiner Frau” erinnert:

Sign: A_II/S1-1.033, (descriptor=Pneumatisch)

Jetzt schaue ich dahin und da ragt ein Bürokomplex. Ich kann mich gut an einen Schreibwarenladen erinnern, der uns dort vor der Schule noch mit dem Nötigsten versorgte. Dann schaue ich erneut und da steht ein Schreibwarenladen. Ich erinnere mich, dass an dieser Stelle ein dunkles Gestrüpp und zwei Aprikosenbäume standen. Sie wurden auf dem Nachhauseweg vom Kindergarten von uns geplündert. Und an das von Fahrradstürzen blutende Knie in dieser scharfen Kurve gleich nebenan. Und an andere Wunden. Und die geheilte Zeit.

Und ich habe nun den Verdacht, dass es sich um dasselbe “Ich” handelt. Ein (auch historisches) “Ich” also, das eine spezifische Sprache und Sicht zu einem wieauchimmer vorhandenen Material entwickelt (entwickeln will). Derlei Texte, die sich also weniger mit oder durch einen (spezifischen, engeren) Traumbegriff klassifizieren lassen, gibt es in der Reihe (DTmF) einige und diese wurden (hilfloserweise) in das Gefäss “Sonstige” (oder, zu einem früheren Zeitpunkt: “andere”) gelegt. Zu überlegen bleibt also, ob diese sonstigen Stoffe nicht vielleicht die Klasse der Traumwachen (nicht zu verwechseln mit den Halbschlafbildern) bilden …

* Jayne-Ann Igel: Traumwache. Prosa. Urs Engeler Editor, Basel 2006

** Traumwache (aus: Praktische Traumarbeit): jemand beim Schlafen beobachten und nach einer REM-Phase aufwecken / direktes Aufwachen aus der REM-Phase: leichtere Traumerinnerung