taberna kritika

überschreibungen 21a

(schlaufen, rückkopplungen)

materialien zum verständnis von dranmor.

dm IV,1e, Wilde Wehen, beispielsweise

in: Villon, Francois: Balladen. Nachdichtung von Ernst Stimmel.

mit 8 ganzseitigen Illustrationen von A.P. Weber. Hamburg. Hauswedell, (1939). 25 : 17,5 cm. Original-Pappband. 66 Seiten, 2 Blatt. Erste Ausgabe (3. A.) mit den ausdrucksstarken Federzeichnungen von A. Paul Weber. – Schumacher I, 94.

(zu dranmor materialien; übersicht überschreibungen)

99

Aus der Ferne scheint es eine kleine, vertikale Krümmung auf dem Plateau. Die Annäherung mit kurzen Schritten lässt aber bald eine bucklige Figur entstehen, die gegen die untergehende Sonne mit den Ärmchen rudert. Noch ein paar Hundertmeter lassen sie schon ein Traktätchen wedeln, in der linken Hand, die – von der rechten festgehalten – das Papier zur Ruhe kommen lässt, sodass sich darum auch seine Stimme kümmern kann. Nur wenige Fusslängen trennen mich von dem Männchen auf der wackligen Kiste aus Holz.

Es ist der vollbärtige Anarchist mit seiner kunstvollschwarzen Hochfrisur aus dem zweiten Semester. Jetzt spielt er die Mundharmonika. Bald beginnt er zu tanzen, springt mir auf die Schultern, macht es sich dort gemütlich und blickt in die Ferne.

ein rudel hunde (blumen, steine, andere streuner)

diagonal, hastig, durch die gänge: die forschung an fröschen. [natürlich, der wald ist aus büchern gemacht – aus unfertigen. buchen.“>. und an fischen. die anrufung der flossen und kiemen und dem ganzen drumherum, das der dichter meer nennt. das drischt dann und dröhnt. und schwemmt fixiertes an. (denaturiertes, aber schmackhaft – nenn’ es, wie du willst). sag ruhig geschichte dazu. sie bleibt auch nicht lange.

keine verabredung ist auch eine. und die pilze? die kamen unverhofft. ohne anruf, kein mord. was wunder also kein mord im kochtopf. wundert dich das? dich? dich wundert, dass grate und gräte verwandte geräte sind und nicht nur das ende einer kühlen zeile? zwei grad zu kalt im kloster (einem anderen topfwort, das der dichter meer nennt, aus dem du schnell wieder deine zeigefinger ziehst). in seinem garten frieren die kunstblumen. die natürlichen zeichen, gelesen, aufgebohrt, stück für stück; sie sind frech & übergriffig, jahrhunderte schon. die grillen an ihren winzigen nähmaschinen, / tastete ich in den schubladen meines schreibtischs / nach den abstecknadeln der worte.

zwischenfrage (nur mal so): wird es dem efeu nicht langweilig mit der zeit? wie er immer so dahängt und dahängt und da hängt. (meist ohne farbenspiel, den winter mal ausgenommen – da wird er weiss. nicht immer. die winter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren).

und: was wären alter und mühsal, wären sie tiere? wären sie nicht etwa hund und esel, oder zwei andere pflanzen, früchte, blätter, ewige möwen, (zwei falsche erinnerungsaugenblicke?), fragst du. oder auch: tote hunde, sagst du, sinkst auf deine knie und greifst in nichts als jenen summenden teppich aus klee an dem / die bienen weben.

der hund döst zwischenzeitlich neben ein paar katzen im sack. das wasser bewegt sich in wellen. du hoffst für sie, es ist die ebbe. die äusseren hunde heissen hund. die drinnen: wolf. (vielleicht ist rosa canisque der doch bessere titel). oder: ein rudel hunde, die durch verlassene gassen jagen. (das bist du, liebe leserin). beobachten: die katze im sprung auf den vogelkäfig am sims. (was für ein vogel, fragst du; eine fette taube oder ein kolibri?)

im norden gibt es ein paar bäume, damit die vögel landen können, sicher, vor den streunenden hunden ohne sinn für den stein oder seine grossen und kleinen brüder.

aufgebohrt: jan wagner, probebohrung im himmel, berlin, 2001

überschreibungen 21

(retro)

wird das klar? die rückkehr an den exilierten ort (i.e. das haus mit dem pilz, den es auszuräuchern gilt*), die immer seine zerstörung einleitet. diese konstruktion ist als parallele zu dranmors rückkehr aus brasilien nach bern gedacht. das feststellen der veränderungen. das verstummen. ein techtelmechtel mit einem spatz. (). (soll das der kleine mann im ohr sein, wurde ich gefragt. wer weiss?). besser: eine innere stimme, oder das es des erzählers, das sich bald mit seinesgleichen zusammenrotten wird. (* um beschreibung ringend: der amorphe pilz als brei, der sich ein letztes mal strukturiert. noch gestrichen: die überlegung, ob es sich hierbei letztendlich um eine personifikation (fungifikation) des schreibwillens handelt) …

ihre kündigung schmerzt mich. nicht in doppelter hinsicht. unser körperliches zueinander war mir am ende nicht mehr wichtig. ich weiss, sie sieht das etwas anders. aber: das aufmichalleinegestelltsein macht mir zu schaffen. die unsicherheiten bei der interpretation meines textes. das stelletreten auf den lichtungen meiner eigenen auslegung. meine selbstinterpretation, die aus den fugen gerät. kein anruf. keine antwort. so kurz vor dem ende. es ist schwierig einen punkt zu machen, in ganz physischer hinsicht. ich warte auf ihren anruf. ich befülle weiter geduldig ihren anrufbeantworter anstelle zu schreiben, dessen name höhnt, der nichts beantwortet, sondern die fragen zurückgibt und neue stellt. ich hoffe, auf eine änderung seiner ansage, darum wähle ich weiter ihre nummer. ich erhoffe, wenn auch nicht von ihr, so doch von ihm, einen letzten satz.

CONTAINER: ein Feedback. Nicht eines in Kommentarform und auch nicht zu diesen bearbeiteten Passagen. Von einer Zeitschrift um eine Texteinsendung gebeten, sendete ich die Passage III,1c (Über Berge schreiben) ein, die also in ein paar Wochen mit etwas grösserer Reichweite gelesen wird. (Näheres dann). Entgegen der Vorsätze, überarbeitete Teile nicht zugänglich zu machen, ist diese Passage also ausnahmsweise** zugänglich, was nicht heisst, dass daran nicht noch weitergearbeitet wird … (** das stimmt nur teilweise, d.h. der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass eine frühe Version der Passage IV,1e (Wilde Wehen) schon in der “Klivuskante” gebracht wurde.)

(zu dranmor IX,1a-IX,2b; übersicht überschreibungen)