taberna kritika

Vorösterliche Krise

Bei der Eiermalmaschine

saß der Has mit finstrer Miene,

wo er düstren Geists bedachte,

was er eigentlich da machte:

“Ist es Lebenszweck des Hasen,

Hühnereier auszublasen?

Ostern durch das Land zu eilen,

bloß um diese auszuteilen?”

Der Mond stand fahlgelb überm Feld.

Der Has bezweifelte die Welt:

“Eier kochen? Eier färben?

Kommt nichts Größeres vorm Sterben?

Eier so schlecht zu verstecken,

dass selbst Kinder sie entdecken?

Ist dies das Ziel der Hasenheit?

Ach! Eiernde Erbärmlichkeit!”

Ergriffen von den eignen Worten

trank der Has noch zwei Verpoorten.

Dann folgte er voll Konsequenz

dem Schicksalsruf der Existenz:

“Nur eines scheidet mich vom Affen:

Ich werde etwas Großes schaffen!”

Und stieg – die Löffel stolz erhoben –

von unten aus dem Bau nach oben.

Dort aber hat der Fuchs gesessen.

Der hat den Hasen dann gefressen.

taz > (GROa)

Gleim, der Tod und das Mädchen

die todesgedanken, die eigentlich lebensgedanken sind. und die diskussion mit sru, ob das müssen hierin ein sittliches oder biologisches (verpflichtung oder anlage) ist. 1 zu null für die biologie, so haben wir uns geeinigt, damals, als der text noch in einer anthologie gefunden wurde. ich plädiere für eine wiederaufnahme des verfahrens. im umfeld der “versuch(e) in scherzhaften liedern” lädt sich das gedicht weiter ironisch auf. (geschickt gemacht, weil zweideutig angelegt, ist auch der titel der publikation: Versuch in scherzhaften Liedern und Lieder). dann ein zweiter fund, in dem wiederum eine umwidmung des gedichts (vom tod zum leben hin) passiert und in dem – dieses mal allegorisch – das diesseits beschworen wird. das eine mit dem anderen gelesen, möchte ich, lieber sru, behaupten, dass gleim beide bedeutungsseiten (die sittliche und die biologische) des (o.) müssens billigend mitgenommen bzw. aufeinander angesetzt hat. vielleicht ist es auch das, was diese verse so “komisch” macht …

in:



Gleim, Johann Wilhelm Ludwig: Versuch in scherzhaften Liedern und Lieder. Nach den Erstausgaben von 1744-45 und 1749; mit den Körteschen Fassungen im Anhang kritisch hrsg. von Alfred Anger. – Tübingen : Niemeyer, 1964. – XLV, 227 S. 8’. (Neudrucke deutscher Literaturwerke. Neue Folge ; 13)

Gamma ran!

Der Ball ist rund

Stil Radlerbund

Rar, bist du, Lendl

Du Strandbrille

Rundbildlaster

Stulle dran, Bird

Brustrillen, Dad

Alb, lindre Durst

Lid, stur labernd

Bildnudel starr

Stirnbude drall

Rund ist der Bald

(Wolfgang Bortlik, Am Ball ist immer der Erste, S.18, 2006)

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Hinter den Gardinen bewegt sich etwas müde auf und ab. Wenn ich du wäre, stände ich dahinter, und schaute auf mein fassungsloses Starren: von der frisch gereinigten Strasse auf den Vorhang. Du wärst ich und müsstest meine Hörner tragen und in diesem Moment den Mund zum Atmen öffnen. Unsere Hände griffen zu einem Taschentuch in unserem Mantel. Auf einer Ablage links neben dem Schreibtisch. Und wir schnäuzten kräftig und bliesen die Verstockung aus den Kanälen unserer Stirn. Wir schauten auf das Tuch, leicht angewidert, und legten und steckten es zurück, um es zu trocknen. Diese Geste bewegte etwas Luft und diese den Vorhang hinter dem Fenster.

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Dann ist da dieses kleine Aufsatzthema: Über die oft unterschätzte Notwendigkeit des kleinen Kissens. Man sucht Beispiele: Man reisst die Fensterläden auf, morgens in der Winterfrühe, und herein kommt nichts als blaue Dunkelheit. Ein Kissen für diesen Tag, denkt man, ein kleines nur. Eines, das man vor die Augen drücken kann; in dem sich Rotz, Tränen und die abgelegten Bilder der vergangenen Nacht geborgen fühlen. Aus besonders saugfähigem Stoff muss es gemacht sein. Und rund oder quadratisch. Am besten mit einer roten Giraffe darauf und die Ränder gehäkelt. Am besten, man setzt es in Anführungszeichen. Dann ertönt ein Gong. Eine mindere Terz. Dann gibt man ab.