Das Leben
zählt die Jahre
bis
das Dasein
die Tage
zählt
(Ernst Ramseier, Schalttag, S.37, 2004)
|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten
Das Leben
zählt die Jahre
bis
das Dasein
die Tage
zählt
(Ernst Ramseier, Schalttag, S.37, 2004)
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Sie leben in der Schweiz? Dann bitte ich Sie um Ihre Stimme:
ein Text der “taberna kritika” ist in die Endauswahl eines Literaturwettbewerbs (unmoebliche Geschichten) juriert worden. Von über 1200 Teilnehmern sind da aber leider immer noch 50 KontrahentInnen.
Herzlichen Dank! hartmut abendschein
P.S.: Vielleicht gefällt er ja auch … Sollte, was zunächst unmöblich scheint, ein Sieg eingefahren werden, verspreche ich, um Ihren und meinen Ehrgeiz weiter anzustacheln eine legendäre stitt-Party im Westrich. Einsendeschluss ist der 10. Oktober 2005.

stitt
guten tag!
tag!
haben sie vielleicht ein stitt?
was ist ein stitt?
so etwas ähnliches wie ein stesch.
haben wir nicht.
auch kein tutt?
ein was?
ein tutt – ein tehl, nur etwas bihler.
nein, kenne ich nicht. haben wir nicht.
na so eine art busch. n bisschen stuschiger, vielleicht. mit einem stihl neben dem stisch.
sie sind ja verrückt!
hören sie: alles worum ich sie bat, war ein kleiner, einfacher stitt; habense nicht. womöglich nicht einmal ein tuhl?
es tut mir leid, ich verstehe leider kein wort, von dem, was sie da sagen.
na so ein tusch, mit nem tett an der tesch.
ah ja, langsam glaube ich zu begreifen: also, sie suchen einen kleinen buhl mit so ner butt an der bisch, womöglich auch noch mit nem extra behl?
ja, genau!
tut mir leid, haben wir nicht.
Können die ohne Arme schwimmen, wenn sie die Beine als Arme benutzen? Können Säuglinge schwimmen? Wird Wasser geboren? Ist geatmetes Wasser noch Wasser? Gibt es Autounfälle? Geht das Auto im Wasser unter? Schwimmen Säuglinge im Auto unter Wasser? Sind Säuglinge Menschen? Sind Menschen in untergegangenen Autos Untergegangene? Sind Säuglinge Menschen und nicht vielmehr Säuglinge? Können Hinterräder auch vorne montiert werden? Können sie vorne auch rückwärts fahren? Können Autos schwimmen? Auch unter Wasser? Schwimmen Arme ohne Menschen? Schwimmen Arme ohne Säuglinge? Schwimmen Menschen ohne Säuglinge? Und die Beine? Die Räder? Vorne?
Nachdem Markus A. Hediger schon ein paar Impressionen zur werkschau brachte, hier der Link zu einer weiteren kleinen Photostrecke.
An der Stelle auch von mir ein herzlicher Dank an alle, die zum Gelingen beigetragen haben …

Markus A. Hediger liest Vogelschau

Hartmut Abendschein liest aus Dranmor
(Aventiure)
Nur noch eine Viertelstunde, bettele ich. Ich müsse mich stärken. Der Blinde und der Taubstumme sagen nicht nein. Ich lade sie ein, sage ich, sie könnten das doch nicht abschlagen. Das können sie nicht, denn alle für einen, so der Blinde. Und: nichts gegen die Alpenbitter am Morgen. Sie seien nur etwas geschwätzig, wie man mich warnte. Ich solle mich setzen, dorthin auf die Remittenden. Sie müssten nebenher Zeitschriften einräumen.
So früh sei ich noch nie dagewesen. Ich übergehe diese Bemerkung. Der eine würde meine Antwort nicht verstehen, der andere nicht die Zusammenhänge. Die Tage werden länger, sagt man, sage ich. Dann: Ich versuche die Tage zu verkürzen, um den Schlaf wieder in die Nacht zu justieren. Ob ich schlecht schlafe? Nein, sehr gut, eigentlich. Aber viel zu wenig. Ich fände ihn selten. Er findet mich am Tag, manchmal, an den unüblichsten Stellen und möchte gepflegt werden.
Der eine nickt, der andere befüllt die Plastiktasche. Klirren. Ob ich anschreiben lassen könne? Das müsse ich den Kollegen fragen, lacht der Blinde. Dem Stummen muss ich es bedeuten. Bis morgen, grüsst der Blinde. Der Stumme seufzt mit den Schultern. Sie sperren den Kiosk wieder hinter mir zu.
Bald wird es hell werden, und da draussen die Vögel in tönerne Pfeifen blasen. Die wenigen, die sich noch hierher verirrten und so tun, als wären sie viele, die sich nur versteckten. Ich vermute sie im Dickicht der Bäume. Im Treppenhaus ist es angenehm kühl. Das Glas sollte bald abgeführt werden, wenn ich meine Wohnung weiterhin erreichen möchte. Das Glas vor der Türe zum Keller und unter das Dach dagegen ist ein hilfreicher Wall und kann möglicherweise die Ausbreitung des Schwamms, wenn schon nicht stoppen, so vielleicht doch etwas verlangsamen. Ein Windhauch zieht durch das Treppenhaus und bricht sich an Flaschenhälsen, legt sich wie ein Teppich über die Stufen und dämpft einen minderen Akkord. Und auch das Quacken und Rumoren, das Schmatzen aus der Tiefe wird dadurch übertönt. Ebenso eine Art Angst, dass dort unten vielleicht ein Labor entstanden sei, in dem sich fremde Gegenstände selbst und einander behandelten. Was würden sie am Ende sein?
Auf dem letzten Absatz stolpere ich, eine Flasche fällt um und löst einen Dominoeffekt aus. Einen Rutsch oder Abgang, der das Treppenhaus in lautem Getöse zum Gleiten bringt. Flüssigkeiten schwappen. Ein Plätschern, das sich in eine Sturzbachsonate auswächst. Zum grossen Finale rette ich mich in die Wohnung, zu den fleckigen Wänden, Papierkugeln, anderem Geknüllten, wieder Glattzustreichenden, bevor es zerkleinert und zu handlichen Paketen gebündelt würde. An den Ecken: Risse und Fetzen.
Das Schwappen und das Ächzen. Immer vermutet und zu recht: die undichte Stelle im Bad, gleich über der eingelassenen Leiste des Duschvorhangs, plant Schlimmes. Würde nachgeben. Würde einen Durchbruch zulassen. Zu erwarten: Staub und Fetzen unversiegelter Raufasertapeten, Spuren krümelnden Gipses. Es fällt in Zeitlupe in die Wanne und färbt eine sich bildende Pfütze erst gelb, dann grün, ein intensives Orange, endlich. Farbenfroher Schmutz, der sich am Wannenrand ablagern wird. Schwer zu beseitigen, dachte ich.
Jetzt tropft es unverschämt und schleimt und bildet beim Auftreffen in der Wanne eine wabernde, gallige Masse mit grosser Leuchtkraft. Oszillierendes Salamanderwerk. Ein Amphibienwesen entsteht und bleckt eine gespaltene Zunge. Ist heute schon die feindliche Übernahme?
Ich bin über die Potenz des Wesens überrascht und entferne mich rücklings in die Küche. Immer weniger Raum in der Küche und im Wohnzimmer. Knapper Raum, denn die Dinge müssen evakuiert werden. Bald von hier, bald nach da, auch wenn es Zeit benötigen würde, bis sie sich wieder an Ort und Stelle fühlten. Ein Interim nur. Eine kleine Umschichtung. Aber man muss ihnen auch dort ein Gefühl der Sicherheit geben. Und irgendwann ist die brüchige Ecke zu stabilisieren. Der Anfang der Veränderung, die hart daran ist, mir ein weiteres Zimmer zu nehmen.
Unablässig tropft der Wasserhahn über der Badewanne, höre ich durch den Flur. Und Tropfen, die sich genüsslich mit dem Wesen vereinigen. War da schon Leben? Oder war es doch etwas anderes? Ein Salamanderpilz, hatte der Stumme gefragt? Ein langsam schlurfender, nein, schlürfender Schleimpilz, gemutmasst. Nein: Pass auf! Beobachte es! Dann der Taubstumme, nachdem ich ihnen die Genese schilderte. Mit Hexenbutter sei nicht zu spassen. Das werde tatsächlich zum Tier. Das bewege sich und schwimme, wenn es darauf ankomme. So ein Ding hätte es schon über die Aare geschafft.
Hitze- und Dampfentwicklung im Bad: dicke Luft und stinkende Gase drängen sich unter der Schwelle.
Man müsse sofort handeln, wolle man hier noch eine Weile bleiben, mein Freund. Aber: Was tun? Wer opferte sich? Wer hat den Mut? Ich! Ich! Nein, ich! So, aus der Tasche, der Packung, die lustigen Alpenbitter, die immer noch rotwangig Schmauchenden. Sie flüstern hinter vorgehaltener Hand. Wir können dir helfen! Wir werden alles tun, was du uns befiehlst, Meister! Vertrau uns, nur Mut!
Diese mutigen Kerlchen. Ihr Opferwille rührt mich. Ich flüstere zurück: man würde ja selbst gerne dagegen angehen, aber, wie sie sähen, man müsse, ich schaue mich um, den Papierhaufen hier bewachen. Und das Altglas entsorgen. Und den Müll. Ja, man sei für die Sorgen zuständig, hier im Hause. Ich greife nach dem mittleren Bitter, demjenigen, der am lautesten geschrieen hatte. Stürze mit ihm an die Badezimmertüre.
Auf in die Schlacht, schreit er, und: ein paar Tropfen an die Schwelle genügten. Ich träufle bis Rauch und Gestank sich schreiend ins Innere zurückziehen, öffne entschlossen die Türe, vor der Brust die Flasche mit dem tapferen Appenzeller. Der bewehrte Anblick muss erschreckend sein. Die blubbernde Masse in der Wanne beginnt sich eilig zu verflechten und zu verkrusten, träge vor Erstaunen über den geleisteten Widerstand. Ich leere die ganze Flasche hinein.
Es zischt. Es löst sich auf. Es bildet Phasen und seltene Farben aus. Ein Teil der nun schwefelnden Lache verzieht sich wieder nach oben durch den Wandbruch. Dorthin, wo es herkam. Fluchend. Für den Kopf ist es zu spät. Er zerfällt unter lautem Getöse zu Staub und fliesst aufgescheucht durch den Ausguss ab. Zurück bleibt eine einzelne Seite. Nach Verzug des Rauches sind bald Wörter und ganze Sätze darauf erkennbar. Sätze in meiner Handschrift. Ich muss die Augen zusammenkneifen. Es ist eine Abschrift aus dem Vorwort zur dritten Auflage der Gesammelten Dichtungen. Ich lese
»Nicht immer geben die Schriftsteller ihr
Bestes in ihren Werken aus.«
Man möge dieses einem Litterarhistoriker ersten Ranges entnommene Motto, indem es meine Schriften begleitet, nicht so verstehen, als ob ich Besseres noch ausgeben könnte. Manches von uns Erdachte gelangt nie zur Gestaltung. Ohne Verheißungen, ohne selbstgefälligen Kommentar, nur mit meinem wiederholt dargebrachten Danke und mit einigen bestgemeinten Erklärungen will ich den längst in mir regen Wunsch, mich dem Kreise meiner Leser zu nähern, endlich zu verwirklichen suchen.
Berechtigte Stimmen haben tadelnd hervorgehoben, daß meine poetischen Arbeiten einem Torso, einer unvollendeten Säule vergleichbar seien. Zur Entschuldigung dieses Uebelstandes diene nun folgendes:
An einem großen Programm, an Stoffen und Entwürfen hat es mir nicht gefehlt. Leider lag zwischen Wollen und Vollbringen eine brückenlose Kluft. Mit jedem neu erwachenden Morgen warfen mich gebieterische Pflichten aus Träumereien zurück in den Kampf um materielle Interessen. Dergestalt ist die vielgepriesene »Seligkeit dichterischen Schaffens«
nicht oft über mich gekommen.
Dann bricht sie ab.