taberna kritika

Dranmor IV,1d

(Ist alles lächerlich)

Prasselnder Regen stört das Verschlafen. Ein Auge trifft eine digitale Anzeige, ein anderes die unsteten Tropfen an der Fensterscheibe. Zusammen verschwimmt ein Bild späten Erwachens. Die innere Uhr hatte die äussere im Traum erschlagen. Sie mit einem kurzen Handschlag überwunden. So oder so: ein Tag. Ich beschliesse zu Hause zu bleiben. Wieso es „blau machen“ heisst? Es müsste „grau machen“ heissen.

Wo ich denn bliebe, die knappe Frage am Telefon, noch bevor ich einen eingeübten, entschuldigenden Satz äussern kann. Es sei nichts besonderes, das übliche, der Magen, der Druck darauf, ich sei ganz bestimmt am Montag wieder dabei. Gute Besserung. Danke.

Jede Wunde ist lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Sie musste das eingesehen haben, musste das gefühlt haben und hält sich nun dementsprechend zurück. Sieht sich ignoriert und beschliesst: sich zu verändern, sich an ihre Umgebung anzupassen, zu sein wie die Nachbarflächen, unauffällig und funktional. Beschliesst, sich zu schliessen, zu schweigen, zu heilen.

Ich könnte mir einen neuerlichen Gang zum Arzt ersparen, denke ich jetzt, da der Daumen verstummt. Ein gutes Zeichen? Überhaupt: können Zeichen gut oder böse sein? Ich schätze: Zeichen sind erhaben über die moralische Integrität ihrer Benutzer. Ich spiele an der Nahtstelle. Am Faden, der alles zusammen hielt, der sich jetzt aber teilen und ausfasern will. Der sich noch mit letzter Kraft durch Haut und Fleisch spannt. Lösung. Da bewegt sich etwas. Erhält Spielraum. Da öffnet sich eine Schleife. Da wird ein Fadenende länger und länger. In einer Schachtel mit Fahrradflickzeug finde ich eine Nagelschere und stochere damit an dem Schauplatz herum. Rollbratentechnik: man muss nur das Bündel, diesen Mops vorsichtig in der Mitte aufschneiden, schon quillt pralles Fleisch, heiles, lebendiges Gewebe seiner Befreiung entgegen. Schon ziehe ich an einer nun überflüssigen Strippe: es geht ganz leicht; fast ohne Widerstand lassen sich lose Enden aus dem Daumen ziehen. Etwas nässt. Etwas perlt von der Haut ab. Etwas scheint doch noch nicht wohlauf, etwas ist gereizt, unter diesen Bedingungen. Ich entferne die letzte Fluse, lasse Wasser darüber fliessen, säubere, salbe ein und wickle ein Taschentuch über diesen neuen Zustand, möchte diesen Daumen vorerst nicht mehr sehen.

Jede Wunde ist lächerlich, wenn sie nicht mehr ist. Eine Heilung – immer ein Verschwundensein. Die Heilung – immer das Verschwundensein. Das endgültige Ende. Der Kaffee ist fertig. Ich schenke mir in die Tasse mit dem Rosenstrauch ein. Diese Rosen ohne Dornen. Die Tasse mit den schrecklichen Verzierungen, Erbstück von der Grossmutter, blau und rot, oben und unten, mit den Bändern, den gelben Augen, die so gerne Knospen wären. Balanciere die volle Tasse die Stufen hinauf unters Dach, stelle sie auf dem Rollwagen ab – neben dem Aschenbecher. Dort auch die Zigaretten. Das Buch liegt immer noch da. Immer noch Übeltäterbuch mit den vielfarbigen Flecken. Dieses Daumenbuch. Tut unschuldig: der Attentäter, eindringlicher Frager. Der Antwortlose, um keine Zeile Verlegene. Mit triefendem Pathos auf jeder Seite. Fragt mich: War ich, Dranmor, ein im Sterben bewusster? Ein Verschwindender? Ein im Verschwinden Heil Suchender? Ich blättere, so gut es mit einer Hand geht, lese diagonal, finde

An Pio nono // Vergänglich ist die Menschheit und, dem Staube / Mühsam entwachsen, unrettbar verfallen / Dem grauen Chaos. Keinen von uns allen / Befreit vom Erdenlos sein Himmelsglaube. // Arm ist die Menschheit; jeder lebt vom Raube / und von Geschenken aus des Todes Krallen / …. Auch hier: ich lese Vergänglichkeitslust. Dranmors omnipräsenten Idealismus des Verschwindens. Muss ich mehr wissen? Ich schlage in einem Lexikon nach: Pius IX … Graf Giovanni Maria Mastai-Ferretti wurde 1840 Kardinal und 1846 Papst … längste Amtszeit eines Papstes in der Geschichte der katholischen Kirche … zunächst hohes Ansehen, die Einschätzung, er sei ein “liberaler” Papst, erwies sich aber bald als falsch … Unfehlbarkeitsdogma … Als “Rückschritt für die Ökumene” betrachten die evangelischen und orthodoxen Kirchen, als Affront verstehen Juden die Kanonisierung von Pius … gegen diese Seligsprechung: sie fördere “ein Zerrbild von Heiligkeit” und sei Aufgrund der “erheblichen menschlichen Schwächen” von Pius nicht vertretbar.

Umstrittensein. Ein verschwundener Papst, doch kanonisiert und damit zur weiteren Präsenz verurteilt. Ein zu heisses Eisen: Sicher war Dranmor sehr gläubig, das strömt aus jeder Zeile. Und doch Kirchenkritiker. Dogmenkritiker. Funktionskritiker eines Toten unter Toten … Davon sind die Finger zu lassen. Dieser Ansatz ist eine Sackgasse. Für mich.

Wie starb eigentlich Dranmor?  Ich schlurfe wieder die Treppe hinunter, ins Wohnzimmer, zu dem Regal mit den Schuhkartons. Darin: unsortierte Kopien von Fundstücken, von denen ich mich nicht trennen mag. Der Karton „D“ ist leicht zu finden. Steht ganz vorne. Stöbern. Es gab doch noch diesen langen Aufsatz. Ich hatte doch etwas unterstrichen. Da: Eine literarische Studie Ferdinand Vetters über Dranmor. 1897. Fast zehn Jahre nach Dranmors Tod erschienen. Unterstreichungen, Leuchtstiftmarkierungen, Fragezeichen. Ein Kreuz: 17. März 1888. Vetter kann nicht mehr schweigen. Vetter gibt seinen Zweifeln Ausdruck, bevor er selbst verschwindet. So traurig verlebte Dranmor den letzten Winter in seiner Heimat … um im rauhen Norden im Schneegestöber um ein Grab zu bitten … der Arzt bezeichnete einen Herzschlag als Todesursache. Was diesem Schlag vorangegangen, darüber hörte man erst viel später allerlei Unbestimmtes; man sprach in Bern von einem Hieb mit der Reitpeitsche … hässliche Szenen sind dem Zusammenbruch des unglücklichen Greises jedenfalls vorausgegangen … Der Zustand in dem wir Dranmor auf dem Todbett sahen, lässt uns immerhin glauben, dass ihm das Gefühl, direkt einer Misshandlung erlegen zu sein, im Augenblick der Todes erspart geblieben sei …

Eine ungefähre Witterung. Eine Monstrosität. Was war da passiert? Fast liest es sich wie ein Kriminalfall. Ein ungeschriebener historischer Krimi. Aber altes Papier – man müsste versuchen, mehr darüber zu finden, eine Geschichte daraus machen, dieses Verschwinden entdecken. Einen Essay, eine Story über das Sterbenwollen Dranmors und gleichzeitig über einen unaufgeklärten Todesfall schreiben. Eine Idee – immerhin. Eine Ungeheuerlichkeit: diese biographische Leiche.

Ich muss mit Roman darüber sprechen. Ihm so wenig wie möglich darüber andeuten. Nur verhindern, dass wir uns nicht mit dem gleichen Aspekt beschäftigten. Vielleicht ist auch das schon problematisch. Vielleicht setze ich ihn damit schon auf eine Spur an. Vielleicht aber auch nicht. Ob er schon wieder in Bern ist? Ich setze mich an den Schreibtisch, starte den Computer.

Schale

Fülle darbietend,

jetzt, da sie leer ist, offen

in sich geschlossen.

(Erika Burkart, Ortslose Nähe, S.89, 2005)

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bemerkungen (II) zu “die stadt – kein zyklus”


bild: franco masia (nach: da freher, paradoxa emblemata)

(…)

der stadtrand ist eine stadtmauer, die durch die stadt verläuft. auch sinngrenze genannt. oder: raum zwischen den romanen.

(…)

die agenten, darsteller der stadt, scheinen statisch und nicht entwicklungsfähig. das ist ungenau: tatsächlich sind die agenten sich stetig optimierende systeme.

(…)

die tiere der stadt sind selten hungrig. sie ernähren sich von ein paar worten, die man ihnen zuruft. diese werden wiedergekäut, bis sie einen sinn ergeben. die tiere der stadt sind in der regel glücklicher als angenommen wird.

(…)

die vollständige thesenschrift zur serie jetzt im -bereich (miszellen)

Dranmor IV,1c

(Die Nähte)

Wann ist das letzte Mal so etwas Unerhörtes geschehen? Entzug eines Weisheitszahnes. Extraktion eines Molars. Lokalanästhesie und das Rucken im Kiefer: war mehr ein Hören als Spüren. Plötzliche Offenheit, ein kleiner Schwall Blut, die gelähmte Zunge ahnte nur. Das heilt nicht von alleine. Da müssen wir etwas nachhelfen. Auch das Eindringen der dünnen Nadel war nur ein Geräusch, kein Gefühl. Das Geräusch wurde dann Gefühl, erzeugte jenes Gefühl einer Verklammerung und allmählichen Schliessung des Offenen.

Ob ich denn keine starken Schmerzen gehabt hätte? Das sei ja schwer entzündet, man müsse es aufschneiden und Flüssigkeiten absaugen. So viel Flüssigkeit, so viel Menge in diesem kleinen blauen Daumen. So eine Gedunsenheit. Eine kleine, böse Infektion, aber ich sei ja gerade noch rechtzeitig gekommen. Ein Stich, dann nichts mehr, was auf Hand hindeutet, dort, aber Hand an anderer Stelle, am Magen, im unteren Bauchbereich ein Knurren, aber zu vernachlässigen.

Ich zwinge mich dazu, wegzuschauen. Eine Assistentin lächelt mich an, während sie meinen Arm fixiert. Der Arzt ist konzentriert, gut so, schwitzt ein wenig, auch der Raum, ganz Äther, ist aufgeladen, überhitzt. Niemand öffnet ein Fenster. Spüren Sie noch etwas? Ich will mit Nein antworten, merke dann aber, dass sich etwas aufdrängt, in mich hineindringt. Ich schüttele meinen Kopf in unbestimmte Richtungen. Das Glatte und das Kalte, etwas Brutales ist nicht zu spüren, aber deutlich hörbar. Es ist den Gesichtsausdrücken des Arztes und seiner Assistentin abzusehen: ein leichter, abgeklärter Ekel, ein professionelles Erbarmen. Da ist doch etwas drin. Stochern. Wir müssen das herausholen. Stochern, Millimeterarbeit. Ein Spreissel? Ein Span? Schon fast Knochen. Haben Sie mit Holz gearbeitet? Ich antworte, dass es mir beim Umräumen unterm Dach passiert sei. Dass es alles Mögliche sein könne. Wir haben es! Es kann alles Mögliche sein. Immer noch das Unverständnis, wie ich es damit nur so lange ausgehalten habe.

Sie legen es auf etwas Mull in eine Schale. Der dunkle, abgebrochene Stift, daneben rotes, gelbes Sekret. Ein Miniaturbild. Leinwand, Farbe, Fremdkörper. Sehr modern: Buchbruch und Körperzutat ergeben ein schönes Gemälde. Wir schliessen jetzt. Ein. Zwei. Drei. Vier Stiche, die ich wiederum nicht spüren kann, die aber durch den langen Arm, über Schulter, Hals, Kiefer ins Ohr dringen, die auch sichtbar werden, in den Augen der Näher.

Das Ziehen: ruckartig, wie nasse Seile, Takelage, die sich nur schwer manövrieren lässt, im Sturm. Ich knirsche mit den Zähnen, bin ganz Mast, das Ziehen verstärkt sich. Der Sturm lässt etwas nach, bündelt sich, ein Paket wird geschnürt. Wieder Scheren, Säuberungen, Salbe. So, fertig. Ich verschreibe Ihnen noch eine Creme. Nehmen Sie sie … und der Verbandswechsel. Ein Vortrag: Es ist von Sterilität die Rede. Eine kleine Einführung, ein weiterer Assistent werde mich hierüber noch genauer aufklären. Und, man müsse es genauestens beobachten. Dann Fäden ziehen …. Aber erst die Beruhigung der Hand, des ganzen Armes.

Draussen scheint mir die kalte Sonne. Draussen schliesst die Sonne die offenen Stellen der Stadt. Salbt, deckt den grauen Schmutz der Strassen. Blendet. Ein blauer Himmel wurde genäht. Flugverkehr fand statt. Die Mobilität der Welt wurde also von niemanden eingeschränkt. Und: alles passt, wenn es passiert. Wer sagte das? Die Verklammerung unfühlbarer Teile ist kein Eklektizismus: es ist alles von einem Fleisch.