vergnügtsein heisst einverstandensein
rudolf steiner
vergnügtsein heisst einverstandensein
rudolf steiner
(Abwärts)
Der Gang durchs Treppenhaus erinnert mich an meine Pflichten. Hier knarrt eine Stufe, dort wackelt ein Geländer, etwas Schimmel unter einem Sims. Sollte man beobachten. Übernächstes Jahr soll hier sowieso alles tapeziert werden. Der Garten, sollte noch winterfest gemacht werden, das habe aber noch Zeit, schliesslich sei erst Herbst. Es gab Fluktuation hier im Haus im Schönsteinweg. Als ich vor ein paar Wochen hier eingezogen bin, hatte sich alles im Aufbruch befunden. Die Mietparteien der zwei Stockwerke unter mir würden bald ausziehen, hatte mir die Hausverwaltung angekündigt, neue Mieter würden einziehen, man kenne sie noch nicht, erste Besichtigungstermine seien angesetzt. Ob ich mir zutraute, mich, zumindest kommissarisch, bis man eine andere Möglichkeit gefunden hatte, hier ein bisschen umzuschauen. Ein paar kleine Handgriffe zu erledigen. Wenn etwas nicht funktionieren sollte, ein bisschen Hand anzulegen, ob ich das könne? Sonst die Bitte sich einfach mit den Vermietern, der Verwaltung, eigentlich einer Institution in Italien, die ungern in Erscheinung treten möchte, in Verbindung zu setzen, wenn irgendetwas sei, man handhabe das eher unkompliziert. Ich sagte zu, auch, um meine Chancen, diese schöne Dreizimmerwohnung mit ihrem abgewetzten Parkett zu bekommen, zu erhöhen.
Im Mietvertrag stand dann: Der Mieter würde für dieses Anliegen vorübergehend die Funktion des Abwarts übernehmen. Interessanter Begriff, mein Gedanke, kannte ich bis jetzt einen Hausmeister, vielleicht noch den des Blockwarts. In mir liege nichts Meisterschaftliches, der Kalauer insgeheim. Doch ein Abwart, abwertend irgendwie, verweist ins Tiefe. Er schmeckt nach feuchten Kellerräumen, verfaultem Laub und steht für das Geräusch einer rostigen Gartenschere. Ich würde mich mit dem Wort und den damit verbundenen, kleinen Tätigkeiten anfreunden und es irgendwie richten.
Auch die anderen Mieter ein bisschen im Auge behalten. Man wolle keine lauten Partys. Wenn es Ärger gäbe, ja, man würde schon einmal nachfragen, wie es so laufe. Ruhe. Diese Strasse braucht Ruhe!
Das brauche ich auch, dachte ich, vor allem aber die Angst, nichts anderes, nichts ähnlich Schönes zu finden, in dieser Stadt, in der ich noch niemanden kannte und in der ich mich gleich als Ausländer fühlte, trieb meine Unterschrift auf das Papier.
Abwarten. Um Treppe, Wände, Simse, Garten würde ich mich die nächsten Wochen kümmern. Ich würde die Stufen beobachten, besonders der Einen genau zuhören, ob sie nicht vielleicht lauter würde, ich würde Markierungen an den Schimmelrändern platzieren und diese regelmässig vermessen, ob und wie schnell diese vom Schimmel überwunden würden. Ich würde mir bald einmal Gedanken machen, wie ich Herr über die kleinen Defekte des Hauses werden würde.
Was für ein Zufall, denke ich, als ich die Eingangstüre meiner Wohnung hinter mir schliesse, dass Roman nun in der Stadt sei. Kein Zufall, dann, denn das Gesetz lautete, dass man sich immer zwei Mal im Leben träfe. Man träfe sich immer ein zweites Mal und erzählte und redete dann von Dingen, die man in der Zwischenzeit erlebt hatte, je nach Stimmung, lässt man das eine oder andere Detail aus, um sich in dem einen oder anderen Licht zu präsentieren. Ich bin mir nun nicht mehr sicher, welche Beleuchtung ich gewählt hatte, welche Bühne ich betreten hatte, als ich vorhin mit ihm plauderte. Wir hatten uns eigentlich nichts erzählt. Das ist immer der Sinn eines ersten Treffens einer zweiten Begegnung. Zumindest hatte er nichts erzählt, von sich, etwas zu Schlussfolgerndes aus der Zwischenzeit, und ich hatte mir Mühe gegeben, ihm viel und so wenig wie möglich zu sagen, damit keine Pause entstände.
Dort ist noch eine Geschichte vor dem Beginn der Zwischenzeit. Ist sie im Keller? Muss ich wieder hinunter? Ich werfe den Schlüssel auf den Schreibtisch, setzte etwas Kaffeewasser auf und öffne die Post.
(ekphrase nach offensichtlichkeiten in abnehmender folge, skizze)
die dinge des raums
was hier wie eine murmel, ein rundes etwas, das devot aus einer ecke zu lächeln scheint, aussieht, ist nicht (höchstens in erster linie) die folie eines barbiebildes auf einem plastikball, der in einer mit schmirgelpapier ausgekleideten ecke darauf wartet, angetreten, endlos getreten zu werden, in die immergleiche ecke, bis sich das zur idealform geronnene grinsen langsam zerrieben, zersetzt, äusserlich gealtert sieht, und am ende nach dieser aufreibenden tätigkeit (das ende könnte sich erwartungsgemäss durch ein aufmerksamkeit heischendes knallen ereignen oder verkünden, aber auch: ein nur leichtes aus- oder verhauchen, ein letztes ausblasen und luftablassen, von flatulenzen gerahmt, wie es bei einem herumgeisternden luftballon der fall wäre, wäre vorstellbar) – platzt wie ein traum.
die züge der aggressiv grinsenden barbiefassade würden möglicherweise ein menschliches antlitz erhalten. eine natürliche derangiertheit. wärme. dieser eindruck wäre aber nur der erste eindruck und nicht nachhaltig.
die ränder des raums
der abrieb des gesichtes durch zeit im medium eines tretenden beines vermittelt, was nicht zu sehen ist, durch verzerrte schatten an einer wand, an den drei oder vier wänden (möchte man sich noch eine decke dazu vorstellen), die für abreibung sorgen. visuell: der schatten, die ecken, bewegung. aber kein geräusch. der ton dazu fehlt letzter und wichtigster parameter einer vollständigen wahrnehmung über das bildliche hinaus. der raum, der ort also, als das zu sehende, zu bestaunende, über die die bewegung des schattens des balles, eines unsichtbaren knies, das sich gerade entwinkelt, eines geräuschlosen tones, wird träger des eigentlichen: der begrenztheit nämlich, durch drei bis vier mauern und einer fünften, einer beweglichen, man sagt intelligenten organisation, die nach hinten abschliesst und zurückwirft. wieder ins spiel bringt. ohne die sichtbarkeit eines blutenden knies, wie zu kindertagen nach einem fuss- oder anderen ballspiel, ohne ein schrilles nachhallen, einem echo im hochfrequenzbereich, des sich wieder formenden, entstülpenden plastiks, gummis, ist und bleibt dieser raum retorte zu füllendes vakuum und gefäss für einen sinn des naheliegendsten eines einzelnen.
der ursprung des raums
der ausgeschnittene, vom sichtfeld sezierte raum, seine ecken und kanten sind das koordinatensystem der ball darin, ein vektorenstück, der schatten eine ableitung. das gesicht in welchem zustand immer, ist nicht mehr zu erkennen. der erfinder dieses raumes ist auch erfinderin, erfinderin der zeit, die hier eingefroren wurde, ist niemand, den wir kennen, wir sind es auch nicht, wir sind erfindung, deren erfindungen. was uns zusammenhält, was uns nicht uns gegenseitig umbringen lässt, was wir zuweilen doch tun, ist die tatsache, dass unsere finger, selbst der kleinste der kleinen nicht, jemals den nullpunkt, den von uns aus äussersten, das heisst innersten punkt, den ursprung dieser vorstellung berühren werden. dort sitzt die seele, das zentrum der veranstaltung. der blickwinkel auf das eigentliche geschehen.
die klänge des raums
die maximale sinnlichkeit des raumes sitzt in jenem kleinen winkel der ecke. die maximale sinnlichkeit schliesst auch das geräusch ein, das hier ausgeblendet wurde, das geräusch, das bilder evozieren könnte, ohne die ein jenseits dieses winkels nicht angemessen beschrieben wäre. das wort zu diesem geräusch, eine phonetische entsprechung müsste erfunden werden, um dieses bild angemessen beschreiben zu können. ein wort zu diesem geräusch müsste erfunden werden, ein dieses geräusch beschreibendes wort, das wiederum mächtig genug wäre, eine vorstellung auszulösen. eine phonetische übertragung, etwas onomatopoetisches, das es sinnlich macht. der ton eines plastikballs, der sound eines schreienden puppenkopfes, der fusstritte, stösse, reibungen, der kleider, die sich dabei bewegen, auch von jenen, die das beobachten. ohne ein wort dafür gefunden zu haben, bleibt dies nur ein versuch, das geräusch eines getretenen plastikballes zu beschreiben in einer symbolisch offensichtlich scheinenden bilderfolge, und damit: kein diesseits, kein jenseits, keine sicherheit. ein wort dafür gibt es nicht, eine beschreibung scheitert. also wird kein ton geliefert, keine summe von tönen, kein klang das also der sinn.
das grau in deinen augen
als grau sehen
als sonst nichts
Es ist kurz vor 12. Zwei hervorstehende Schulterblätter, fast im Bildmittelpunkt, Schwerpunkt, schenken dem Rücken Schatten, die Schultern, weisser Marmor, der rechte Arm, vom Körper abgewinkelt, führt eine Nadel – ein Faden ist nicht zu sehen. Das Kleid – aus der Ferne blütenweiss – wird zu lichtem Hellblau, beim Herantreten, also die Frage, ob es nicht eine Braut sei, die an ihrem Hochzeitskleid arbeitete, denn, wie oft gemutmasst, eine Tänzerin in einem New Yorker Interieur.
If I should tell him?
Ihr langes, dunkelbraunes Haar fällt auf ihre Brüste, ihren Bauch, doch das ist nur zu erahnen, denn sie ist lediglich von hinten zu sehen. Links hinter ihr, vor mir, ein Stück Stoff, samtrot, blutrot, vielleicht Symbol noch zu vergiessenden Blutes, zur Rechten ein dunkler Damenhut. Aufbruchstimmung? Heimkehr? Ein Teil eines Ofens ist zu sehen, nicht aber ein Feuer darin. Ausgegangen? Noch nicht entfacht? Unnötig? Wurde es je entzündet? Dekoration? Darüber auf der Anrichte eine Uhr, die die besagte Zeit angibt, nicht zu erkennen, ob Morgens oder Abends, daneben: ein Bild. Ein Porträt mit erloschenem Inhalt. Die Gestalt, das Mädchen sitzt auf dem Bett, mir mit dem Rücken zugewandt, vor ihr eine Türe, die auch ein schwerer Vorhang sein könnte. Schwelle, so oder so.
I hope he gets the job
Ihr Blick ist – allem Anschein nach – nach unten gerichtet. Auf ihren Schoss. Auf eine Stelle des Kleides, die noch einer Nachbesserung bedarf. Ihr linker Arm fixiert diese Stelle – ruhig. Über den Unterarm fällt langes Haar. Ein grösseres Porträtbild ist links neben der Tür zu erkennen: Halbiertes Gesicht eines jungen Mannes mit dunklen Koteletten. Bräutigam? Der Brautvater in jungen Jahren? Ein Verwandter?
No, I don`t mind, I don`t mind
Sie schaut nicht auf dieses Bild, ist sich in diesem Augenblick nicht dieses Bildes bewusst, ist auf ihre Arbeit konzentriert, auf sich konzentriert. Braun, Olivgrün, sattes Rot, Schwarz, Weiss und helles Blau, die Reihenfolge der dominierende Farben. Irritierend die dunkle Säule am linken Bildrand. Türrahmen? Fensterrahmen? Auf jedenfall Hinweis auf den Standpunkt des voyeuristischen Betrachters. Ein Beobachter (eine Beobachterin?), der fasziniert ist von diesem blanken, makellosen Rücken. Das Mädchen? Die Tänzerin? Schwerpunkt: der Rücken. Die Braut? Bekommt von diesen Blicken nichts mit, oder will davon nichts wissen. Sie ist beschäftigt und vergisst die Zeit. Sie ist Mittelpunkt des Bildes. Ihr Rücken – Schwerpunkt. Sie – in ihrer Mitte.
I don`t mind
Es ist kurz vor 12.