taberna kritika

raps & regen

ich bin der raps und du der regen

wir treffen uns in einer mulde

mischmuldenwahnsinn

denken wir gleichzeitig

dort gehören wir nicht hin

beim besten aller willen nicht

ich bin der raps und du der regen

wir treffen uns auf einer haut

ich bleibe, möchte dort noch etwas länger verweilen

du verabschiedest dich in

den boden, dann wieder in

die luft, ich warte noch – adieu

ich bin der raps und du der regen

wir treffen uns in deiner strasse

du riechst heute etwas streng

wir verschieben unseren plausch

auf morgen

ich bin der raps und du der regen

wir treffen uns gelegentlich*

und das sehr gerne

wir wissen nicht warum

und trotzdem

ich raps, du regen

& beide sind wir einzeln traurig

& auch zusammen

sind wir keine landschaft

auch wenn raps und regen

auf den neidgelben wegen

mit der haut verwächst

ich raps, du regen

verständigung von uns

gelingt nur auf höchstem

niveau

ich raps, du regen

ich komme nicht ohne dich aus

du sehr wohl ohne mich

doch nur zusammen sind wir

raps & regen

*ich stand einmal herum

auf einem feld

und habe mich dort

mit verheulten augen

zutodegewartet

einmal kamst du zu früh

zu heftig und sorglos

auch das war nicht recht

ich konnte dich nicht speichern

ich raps, du regen

mit mir hast dus nicht einfach

ohne dich gelinge ich nicht

ohne mich bist du nur regen

Rouhryf

I den Escht vor em Himmel

rotbruun verschmuureti Öpfeli

un e fluumegi Chugle

vo Spatz

(Erika von Gunten, Lue dä Mönsch, S. 93, 2004)

|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten

Selbstkritik 3

Der Plan Die Trauung Das Mandat Der Stacheldraht

Das blöde Grinsen der Behörde Das ist nicht der Staat

Längst schon bist du der Staat Dein eigenes Gericht

Geschrei nur noch im Schädel Und ein Vers Der bricht

(Thomas Brasch, Der schöne 27. September, S.10, 2004)

|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten

umsatteln, jetzt?

Melancholie und Selbstmord, Trunksucht und Ausschweifung sind die Geschwister der Kreativität – und seit je scheiden die Geister sich an der Frage, ob das eine die Folge des anderen oder seine Voraussetzung ist. Sei es, dass der Schatten der Melancholie sich schon früh auf die Lungen legte, sei es, dass die Dichter die Schmerzen – und mehr noch die Banalitäten – des Daseins im Suff ertränkten: Das Wissen um die Vergänglichkeit ist die Geburtsstunde der Literatur und der Tod ihr Gevatter. Vita brevis und vanitas vanitatum: Ob sie sich ins Koma saufen oder kühlen Kopfes selbst Hand an sich legen, ob sie wie Hemingway die Todesnähe auf Löwenjagd suchten oder wie Proust ihr im Bett die bleiche Stirn boten – Schriftsteller, so wenigstens geht die Legende, sterben früher als andere Leute. Wer aber hätte gedacht, dass es auf diesem Feld auch unter Dichtern noch eine Rangfolge gibt. Von allen Schreibenden, hat nun eine Studie des amerikanischen Psychologen James C. Kaufman (…) herausgefunden, sind die Lyriker ganz besonders gefährdet. Demnach sterben die Verseschmiede durchschnittlich gut ein Jahr früher als Dramatiker und knapp vier Jahre früher als Romanciers. Den Verfassern von Sachbüchern, die geübter im Umgang mit den Forderungen des Faktischen sind, bescheinigt die Studie die längste Lebenserwartung unter den Autoren. (…) Die Studie erschien unter dem Titel «Der Preis der Muse – Poeten sterben jung» in dem Journal «Death Studies». (…)

aus: Selbstmord und Sonette, Lyriker sterben schneller, nzz