Der Alp des Glücks: Sprachlosigkeit

Die Schreie der Krähen, abertausender Krähen über mir. Der klare Himmel flimmerte, zuckte zwischen ihren Flügelschlägen! Unheimliche Poesie der Träume, und ich war wach und sah. Der Alp des Glücks: Sprachlosigkeit, heiliges Unvermögen – der Himmel bewegte sich! Und ich versteinerte vor Freude.

Behagliche winterliche Regression. – Das Ende einer wohligheißen Dusche. Tägliche Überwindung, tägliches Verlassen der Mutterhöhle durch eine milchgläserne Schiebetür.

Ich zerrte sie ans Licht. – Zu nahe an der Verständigung als an den Ahnungen, flüchtigen Empfindungen in diesem Augenblick. Ich lauschte ihnen, folgte ihrem Flüstern nicht. Kaum waren sie erschienen, verriet ich sie: ich sprach für sie, ließ sie in Worten für andere verschwinden.

Kleine winterliche Erotik mit Gästen. – Begrüßungsküßchen, oft albernes, flüchtiges Spiel, zwischen drinnen und draußen. Nun aber von kalten Lippen mit warmen Wangen und kalten Wangen mit warmen Lippen – große Freude, ihr verwirrend Deutliches: immer Küssender und Geküßter zugleich.

p15

Schönbrunn, Spaziergang im Bilderbuch der alten Mode.

Antinomie: Ich schreibe, also bin ich.

Der Wissenschaftler sieht gern zu, wie die Welt von seinen Tatsachen zugerichtet wird. Wir sollten seiner Entschuldigung, er sei doch nur Beobachter gewesen, nicht länger Glauben schenken. Wir sollten ihn als Zeugen seiner Verbrechen verhaften.

Schönbrunn, Spaziergang im Bilderbuch der alten Mode. – Endlose Alleen, aufgereihte Baumskelette. In der Stille das Knirschen des Kies. Die langen Schatten der Kegelbüsche.

Feuchte, dampfende Wiesen, das Schnattern der Enten hinter Nebelschwaden. Gußeiserne Laternenpfähle, das ferne Licht im Palmenhaus. Alte Frauen in schweren Mänteln. Sie schauen auf und sagen zu mir freundlich: “Grüß Gott!”

Augenblickliche Wehmut: “Ach, ihr meine Moleküle! In dieser Konstellation werden wir nie wieder zusammenkommen.”

p14

“Animalisch anregende Porträts”

“(…) Liebevolle Erwähnung finden im 2010 erschienenen Prosaband «Von Tieren» 17 Arten: vom Esel («Steht die lebenslange Verdammnis zum Schleppen von Lasten im Zusammenhang mit lasterhaften Charakterzügen?») bis zur Ameise (Die «ersten Urbanisten» mit einem «Hang zu verdichteter Bauweise»), von der Sau (pure «Daseinsfreude» ausstrahlend und für uns doch nur «Abfallverwerter und Fleischvorrat») bis zum Elefanten (dessen «masslose Erscheinung» kontrastiere mit «unscheinbaren Körperteilen» wie dem «lächerlichen Schwänzchen» und wecke beim Homo sapiens die Hoffnung auf Verständnis «für Ungereimtheiten der eigenen Erscheinung»).

Die im Haiku-Endlosgedicht charakteristische Mischung aus sinnlich präziser Wahrnehmung und lustvoll schweifender, aus vielen Quellen schöpfender Reflexion zeichnet auch diese anregenden Tierporträts aus. Er sei weder militanter Tierrechtler noch fanatischer Vegetarier, sagt Dodel, ihn habe vielmehr der «anthropomorphe Blick» auf das Tier interessiert, all die Projektionen und Vermenschlichungen in Märchen und Fabeln. Immer wieder nimmt Dodel in den Tierporträts auch Bezug auf die antiken Autoren Aelianus und Physiologus sowie auf den Biologen Eduard Wilhelm Posner («Das Seelenleben der Tiere», 1851) und setzt diesen meist menschliche Überlegenheit zelebrierenden Tierstudien seinen «staunenden, zweifelnden Blick» entgegen – einen Blick, der Momente der Nähe zum Tier emphatisch beschwört, aber auch Fremdheitserfahrungen nicht unterschlägt. (…)”

Rezension in: Der Bund, 21.6.11

Franz Dodel, Von Tieren: http://www.etkbooks.com/von_tieren

Veranstaltungen: Franz Dodel im Schlachthaustheater, Hartmut Abendschein in der werkstatt14a

Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Woche gibt es einige Veranstaltungen mit etkbooks-Beteiligung. Vielleicht sehen wir uns?

Franz Dodel: “Von Tieren” (Preisverleihung)

Preisverleihung «Literarische Auszeichnungen 2011 des Kantons Bern»

Preisträger: Franz Dodel (für “Von Tieren“) u.a. Eintritt frei. Reservation erforderlich.

Wo: Schlachthaus Theater Bern

Wann: Dienstag, 21.6., ab 20h

Links / Mehr:

http://www.franzdodel.ch/

http://etkbooks.com/edition/von_tieren

http://www.schlachthaus.ch/


Hartmut Abendschein: “Die Verfolgung und Ermordung Julian Paul Assanges, dargestellt durch die Puppentruppe des Hospizes zu Gutenberg” (Performancelecture)

Wo: Dramolett 4 in der werkstatt14a, Mühlemattstr. 14a, Bern

Wann: Donnerstag & Freitag, 23. & 24.6., ab 20h30

Links / Mehr:

http://www.abendschein.ch/site/weblog/die_verfolgung_und_ermordung_julian_paul_assanges/

http://www.werkstatt14a.com/

http://rheinsein.de/2011/05/01/rheinsein-im-grunen-salon/

Herzliche Grüsse

etkbooks