Mathematik und Kunst

(M01)

Die Erwartungen an Rationalität und Effektivität bibliothekarischer Verwaltung sind wesentlich von jener Mythologisierung geprägt, die – wie obenstehend belegt – den Sammlungen vorrangig als Affektträgern, als objects of pathos begegnet. Für Errol war die Bibliothek ein Stück Schönheit schlechthin, eine Vermählung von Mathematik und Kunst. Zu viele Leute sahen sie lediglich als Gebrauchsgegenstand (…)

Daß diesem Missverständnis nicht allein die dem Pittoresken schon von berufswegen verpflichteten Literaten aufsitzen, hat noch jüngst Christa von Brauns Fernsehbericht über die Bayerische Staatsbibliothek vorgeführt (…).

Dem Kultobjekt Bibliothek wird organisatorische Ineffizienz nicht allein nachgewiesen, selbst schriftstellernde Insider verweisen kokett auf eine fiktive Eigengesetzlichkeit bibliothekarischen Verwaltens: Sofern Sie unsere Arbeitsweise so gut kennen wie ich, dann können Sie sich vorstellen, wie überrascht ich war, als Mr. MacFinster, der Abteilungsleiter, mich in sein Büro kommen ließ, um mir die bevorstehende Ankunft eines Experten für Arbeitseffizienz anzukündigen (…).

Es ist bezeichnend, daß in den ausgewerteten Texten moderne technische Hilfsmittel, deren Gebrauch in der Bibliothekspraxis längst zur Routine geworden ist, mit drei Ausnahmen (…) nicht vorkommen. Dies, obwohl von einigen Autoren die konventionellen Verwaltungsdetails durchaus mit einiger Sachkenntnis beschrieben werden.

In: Döhmer, Klaus. – Merkwürdige Leute : Bibliothek und Bibliothekar in der Schönen Literatur. Würzburg : Königshausen und Neumann, 1982 (S.31)

Hier beginnt eine Materialsammlung zu einem Projekt mit dem Arbeitstitel Wie sie vielleicht wissen* und dem Themengebiet (eigentlich nur einem Aspekt) „Bibliotheken/Bibliothekare in der Literatur“.

edit, 19.4.07: auf die frage, wozu das ganze, die vor kurzem kam. von der potentiellen ausbeutung der texte abgesehen, soll hier auch ein – sagen wir mal – resonanzraum für einen etwas längeren text hergestellt werden.

edit, 31.05.07: der projekttitel (und damit die kategorie) wurde in bibliotheca caelestis* geändert. erklärungen werden nach und nach folgen. einstimmung und hinweis kann aber schon die luftbibliothek sein.

21. Schachtel (7-6-7)

Zünde ich mir eine Zigarette an. Die Zigarettenschachtel – die erste Schachtel am Morgen, ich meine: meine erste bewusste Schachtelbegegnung, ein Zuhandensein, Raumbild zukünftiger Lungenzüge und künftiger Asche. Jede Menge Asche. Rauch. Schwaden. Exhalat aus zehn mal zwanzig Atemzügen. Und zigfaches Aufblitzen und Funkenflug. Und die Reste: zerstossen passten sie mühelos in die Streichholzschachtel daneben. Ins Urnenäquivalent. Sargnägel, nennt man sie auch.

ein kleines spiel mit der ewigkeit. mit dem, was man sich darunter vorzustellen vermag. mir fällt ein buch von nicholson baker ein. ich schreibe den titel auf. a box of matches. ich notiere dazu: „kleine phänomenologie der morgenstunde“. und: „mehr dazu bald“.

ohne Titel

das Wort entwölkt

verbraucht im Begriff

auslautend

(E. H. Bottenberg, Tal: Unschärferelationen, S.21, 2006)

|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten

heut schreib ich ein gedicht

verwerf gedanken dem

alltag ins gesicht zu speien

erzähl zwei gültigen momenten den

morgen einer zuckerblume

frühling

auch mit partizip

im reinraum klasse 1

pflichtunversonnen

kalenderblätterreissen in

den schultern

nicht ertragen

der kalender wird verhängt

und träumend

boy meets girl

notieren

verlornen auges mir

ins abgeliebte angesicht

klavier dazu zu spielen in

kellerzimmern

waldschänken

ohne grundversorgung

an vergangenheit

aus geist und gleitzeit dies

gedicht zu schreiben

einzureichen

hoffen es wird

schneller noch als bald

zertifiziert

nach iso

menschen eine landschaft widmen

nach iso

tatsachenermangelung

nach iso

prolegomena im sand

im kasten meiner rede

anderntags

ich steige aus

aus dem dahergesagten

endbahnhof weltpostverein und

schweige bis zum nächsten frühling

ich hab mein internet verkauft

ich habe jetzt nicht nein gesagt

thomas blaser,

dem frühling & weltpostverein

The Crying of Lot 45

Bildquelle: Markus Hediger, Link: Lot 45

Eine kleine Anekdote bleibt noch zu erzählen. Erst am Samstag erfuhr ich von Rittiner & Gomez, dass das (damals leider schon verkaufte) Bildchen (s.o. Bild 45: untere Reihe, 4.v.r.), das auch als letztes Bildchen einer Serie in der aktuellen Spatiennummer (3) abgebildet wurde, nicht ein Bild, sondern fünf Bilder waren. Die Inselmaler hatten mit Bild 1 begonnen und dieses wieder und wieder und am Ende vier Mal übermalt und uns eine Serie von 5 Zuständen geschickt, die es damit aber nicht in jeweilig einfacher Ausgabe, sondern eben nur ein einziges Mal, aber übereinandergeschichtet gab.

Hätte ich doch vorher davon erfahren. Man hätte darüber tolle Dinge schreiben können. Zumal im Zusammenhang mit dem Heftthema „An den Tod“. Über das Leben als Übermalung. Den Tod als letzten Maler. Palimpseststrukturen. Diese Technik als allegorisches Verfahren. Seis drum. Hier ists nun erwähnt …