(Väterkisten. Reverse, ödipale.)

Die beiden Männer erfahren wenig über Inhalt der mehrfach mit Paketklebeband versiegelten Pappschachtel im Kofferraum des VW-Busses. Auf eine zaghafte Anfrage Angelos hin murmelt Liz, geheuchelt verschlafen, dass es sich um Sentimentalkram handele, den man unterwegs irgendwo loswerden wolle. Angelo bohrt nicht nach.

Sentimentalkram – das Wort nötigt ihm Respekt ab, Neid – dergleichen möchte er auch gern besitzen. Geschweige denn loswerden müssen. Und Jonas schweigt, konzentriert sich auf den Verkehr.

Aus: Helmut Krausser, Kartongeschichte, S. 90

hierzu

20. Schachtel (In Samt und Seide)

Körperkisten und Gedankensärge, gleichermassen. Wirksam, kommen zum Einsatz nur offensichtlich, nur oberhalb der Erde, Gefässe der Abschiednahme, gleichermassen.

Die Urnen dagegen: abstimmungshalber, und fürs Regal. Für den gedachten Wiedergebrauch. Für den Widerspruch.

noch jeden meiner familie habe ich zweimal unter die erde gebracht. noch jeden zweimal verabschiedet, in die kiste gegrüsst und den kopf gesenkt bei der einlotung des metallboliden in die erde. ein ritual, zwei rituale, die nie hinterfragt wurden – bei uns. ein gruss an den körper, einer an den inhalt, der allmählich entweicht.

Kartongeschichte

Selbstverständlich mag ich die Prosa Helmut Kraussers. Selbstverständlich werde ich bei einem Text mit dem Titel „Kartongeschichte“ (marebuch, 2007) hellhörig. Beides zusammengenommen zwingt meinen Lektüreplan zur Flexibilität und ich wittere eine Schachtel. Bis S. 25 wurde allerdings noch nichts in diesem Dienste entdeckt. (Von den Quadraten abgesehen. Auf dem Cover. Auf dem Titelblatt. Als Gefässe der Kapitelnummern – was Grund genug wäre.) Und auch kein Meer oder sonstiges Gewässer. Schwimme ich weiter.

Notizen zu einer Topik der Besprechung eines Frühstückseis

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein kleiner Bericht vom Treffen mit meiner Dranmorlektorin folgen. Ich will hier aber nicht mit Details langweilen und verweise auf die wesentlichen Punkte, die in der Rubrik schon genannt wurden und die gerade überarbeitet wurden. Stattdessen werfe ich hier einen im Zug entstandenen Notizenhaufen unter obigem Titel ab. Füge hinzu, was vielleicht nicht schwer erkennbar ist, dass es sich hierbei nicht (nur) um eine Sammlung von Ansetzungen zur Rede über Eier handelt, sondern generell eine Rede über die Rede über. Das Ei kann folglich also getrost als Text gelesen werden. Was solls? Es ist zunächst ein ungeordneter Materialhaufen eines noch zu schreibenden Textes, der eine Typologie eines Eierdiskurses auf noch zuzuordnende bzw. ergänzende Methoden literaturkritischer oder –wissenschaftlicher Annäherungen an Literatur (oder, wenn man so will: Text) umlegen soll. Mal sehn …

Über der die Konsistenz (zu weich, zu hart, gerade richtig) / Grösse (zu gross, zu klein, grade richtig) / Geschmack (frisch, kräftig, fad, schlecht, seltsam) / Verhältnis Dotter – Eiweiss (angemessen, unangemessen) / Temperatur zum Zeitpunkt des Servierens (zu heiss, zu kalt, gerade richtig) / Farbe des Eis, der Schale (Gesamteindruck, gleichmässige Färbung) / Bemerkungen zur Gestalt des Eierbechers / Bemerkungen zur Gestalt des Servierenden / Bemerkungen zum Gesamtarrangement (Kontext, dazu gehören auch Analyse der Qualität der Brötchen, Brote, des Kaffees, des gesamten Gedecks) / Das Salz / Die Verfasstheit des Essenden / Mutmassungen über Hühner und Gedanken über Legebatterien / Das Wetter / Vergleiche mit vergangenen Eiern, – Rezensionen / Gedichte / Reime mit Ei / Reime auf Ei / Über das Ovale, Über andere Formen / Über die Lautbildung von “Ei”. Über Eier in anderen Sprachen / Über das Essen von Eiern in anderen Kulturen / Über den Eierhandel / Über legendäre Eier, z.B. das des Kolumbus, Zareneier / Über berühmte Hühner / Über andere Verwendungsformen von Eiern. Eiersalat, -Likör / Eier als Zutaten / … /