taberna kritika

Endlich April

Der März war Murks. In diesem Jahr

war März mehr so ein Februar,

wo alles nur mit Mütze ging.

Kein Keim-, kein Sper-, mehr Pelzfäustling.

Wo man den Kragen steiler stellte

und ächzend stapfte durch die Kälte.

Das Land hat inständig gehofft:

Komm, Erderwärmung! Ach, wie oft

saß ich am Fenster, gram und finster,

und starrte auf den toten Ginster.

Verweint. Wohl wissend, was ich will:

Ach, komm doch bitte bald, April!

Kurzum: Man hasste diesen Märzen.

Doch nun nahst Du, Monat der Herzen,

den man sonst ,wankelmütig’ schilt.

Und süße Düfte, lau und mild

durchwabern Wiesen, Wald und Nase,

bewegen Wiesel, Wild und Hase.

Auch Gattung Mensch – hormongeflutet –

wird lendenseitig gut durchblutet.

Du bist’s, April, genannt “Der Tolle”,

lockst Kraut und Krokus aus der Scholle.

Das Schlachtvieh steht schon an am Grill.

Sei mir gepriesen, Freund April!

Der Frühling kommt. Auch in Berlin,

wo Kabinett und Kanzlerin

doch sonst oftmals bis Maienzeit

(Beginn der Frühjahrsmüdigkeit)

bloß tiefschlafartig überwintern.

Den breit gebauten Aussitzhintern

bewegt sie und erhebt ihn nun

zu regem, republikem Tun.

Blüht auf, erstrahlt, steht voll im Saft,

gestaltet, steuert, macht und schafft.

Und wir bewundern sie nur still.

Zu Strophe drei: April, April!

taz > (GROa)

Die Vermayröckerung von Text (notula nova 78)

Joggen: Bewegung gewordene Hysterie. (Ich suchte nach Menschen und fand Konsumenten.)

Und: “Das verkorkste Leben des Weihnachtsbombers.”

Und: das Postamt wird schliessen. Ein trauriger Akt, handelt es sich doch nicht um irgendein zu schliessendes Postamt. (Die Grundversorgung materieller Kuriere bleibt derweil in CH sichergestellt. Man packt Pakete nicht mehr in Papier ein. Man zippt sie und entledigt sich ihrer sofort und geräuschlos.) Es handelte sich um das einzige in Kangerlussuaq. Dort geht man den umgekehrten Weg. Setzt wieder auf Papier. Legt den Schalter um. Macht andere auf. Das ist schade, denn die Versendungen waren einmalig in ihrer Multiplizität, und nicht ihr Transportweg das Problem. Oder die Verschnürung von Idee, will sagen: ihr Medium, Austräger. Hoffentlich werden in diesem Prozess noch die richtigen Haushalte erreicht. Aber ja: Haushalten mit der Zeit. Mit Energien. Irgendwo kann mans auch nachvollziehen … trotzdem … Merci.)

Und, apropos Motorradheld: Warum die zunehmende sz-isierung von Text? Die Vermayröckerung von Text? Warum ist dies zunehmend wieder attraktiv, wie man beobachtet. Man sucht nach Theorien. Es muss da wohl noch etwas anderes geben, als das Zitat einer maroden Hardware. Man denkt in Strukturalismen. An Differenzen, die es im Gesagten nicht gibt. Aber darum geht es hier wohl eher nicht …

(Überhaupt: dasz früher alles besser war, hängt auch mit der hiesigen Kulturtechnik inszenierter Gruppen- und Einzelphotographie zusammen. Alles Lachen, Lächeln fotogenisiert sich darauf und fokussiert auf die Existenz von Person, Technik und Erinnerung in Einheit. Alleiniger Grund für diese Ontik scheint aber nicht die Befindlichkeit der Abgelichteten, sondern eine Feier der seienden Technik mit der Darstellungstechnik feiernden Seins.)

Überhaupt: ist die Aufgabe eines Verlages (entgegen oft zitierter etymologischer Halbwahrheiten) in erster Linie das Verlegen von Ideen. Medien und mediale Differenz als Vehikel bzw. Instrument dieser Aufgabe, sind nur sekundäres, zu vernachlässigendes Begleitwerk, das sich aber zunehmend als Begleitidee in den Vordergrund geschoben hat. Weitere Aufgabe des Verlages ist es, ermöglichte Ideen miteinander ins Spiel zu bringen. Völlig absurd ist es, dies nur als Leibgewordenes in einem Regal mit jew. spez. Ordnung oder als Liste flexibler Metadatenentities zu denken. Der hybride Verlag ist eine cloudgewordene Idee der Ideen. Solche Wolken sind wiederum und immer erneut und vorübergehend zu strukturieren. Zu erfassen und zu benennen. Solchen Wolken sind Namen zu geben (> Nephologie).

Und: schon wieder kein Neuschnee. (Und: schon wieder die Frage, wann sich ein Primärtext in eine Quelle transformiert.)

VII Au / tog / ra / phie

Im Moment und Akt des Schreibens entstehen, diesem Verfahren nach, gleichzeitig zwei unterschiedliche Urschriften bzw. Exemplare eines Textes – dasjenige auf Papier und ein rein Digitales. Welches wäre das “ursprüngliche” oder “Original”? Oder spielt diese Frage hier keine Rolle? (bhfr)

Wie in keinem anderen vergleichbaren Kunstwort ist die Aura der Autographie eingeschrieben. Im Falle der Ichschrift ist eine aus jener Perspektive zu betrachtende, wortwörtliche wie übertragene Bedeutung für das Verstehen dieses Verfahrens (dieser Produktion) notwendig. Die Herstellung der Schrift verzweigt und überträgt sich im Moment des Schreibaktes in zwei mediale Typen. Es wird einerseits ein „handfestes“, materielles (die Schrift des Kugelschreibers auf das Papier, die Gravur ins Papierfleisch) und gleichzeitig (synchron, ja, es wäre sicher spitzfindig zu untersuchen in welchem Millisekundenbereich das frühere Ankommen der einen oder anderen Spur auf dem Trägermedium stattfindet) die Bewegung in Farbe, Gravur bzw. Code in ein (Ur-)Digitalisat (12) verwandelt.

Es wäre also buchstäblich zu unterscheiden bzw. zu fragen, welcher der beiden Originaltypen (dieses Doppeloriginals?, dieses Originaldoppels?) der ursprünglichere, in diesem Falle potentiell auratischere ist. Eine Reproduzierbarkeit (13) im Benjaminschen Sinne wäre im Falle manifester Schrift, die zwar einmalig ist, doch beliebig vervielfältigt (entauratisiert) werden kann, gegeben. Das Digitalisat aber, das ebenso reproduzierbar, und in sich schon Kopie im Moment der Versendung (z.B. qua Weblog und im Moment des Auftauchens in diversen Readern und Archiven) trägt, das eben aber eine andere, weitere Qualität (die der Bewegung) mit einschliesst.

Die textkritische Befragung von Urschrift (Autograph) muss künftig also theoretisch und technisch das Vorhandensein einer doppelten Schrift (Originale: manifest / Digitalisat) mit einschliessen. Was den Benjaminschen Aura- und Werkbegriff angeht, sehe ich die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer De- bzw. annähernden Rekonstruktion des Aurabegriffes im Zeitalter der Abbildungsoptionalität originärer Schreibbewegungen. Eine Reproduktion eines Ensembles aus originärer (manifester) Handschrift und Urdigitalisat (weitere Originalitätseinschreibungen: time-stamps, DRM-Wasserzeichen), mag zwar unter erschwerten Bedingungen möglich sein, durch den sinnlichen Doppelcharakter eines so verfassten autographischen Dokumentes gerät dennoch zumindest die Idee oder der Begriff der (einen) Spur (14) ins Wanken bzw. in Bewegung und verändert möglicherweise die Distanz zu einer als idealauratisch gedachten Werkrezeption.

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(12) Zur Erklärung dieses speziellen Effektes: Bei der Übertragung der Datei in eine entsprechende Software ist gut zu beobachten, wie sich die Schrift-Bewegung noch einmal vor dem Betrachter aufbaut, diese also nachgebildet wird. Wird also bspw. eine spätere Ergänzung auf der Seite an einer vorangegangenen Stelle eingefügt, so kann das im Vorgang der Übertragung bzw. Sichtung nachvollzogen werden. Das Digitalisat wäre also aus dieser Sicht, gegenüber dem manifesten Autograph, das präzisere, sinnlich mehrstelligere, sodass eigentlich diesem (Digitalisat / Vorgang) eine – so vorhanden – vorrangigere Auraeigenschaft zukäme. Etwas strenger formuliert: es gibt zwei Originale der Schrift. Und Zeichentheoretisch auf die Ichschrift als Bildkunstwerk angewendet: beide Versionen können als Werk aus synchronen wie diachronen Zeichen betrachtet werden. Die Diachronie (die Aufbaubewegung) im Falle des Digitalisats ist hier aber eine doppelte, weil die Schrift als fortlaufender Text, das Fortlaufen ihrer Selbst reflektiert bzw. darstellt.

(13) „Die Aura ist [die] Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft […] was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura“ (Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit).

(14) „Die Spur ist [die] Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterlieߓ (Walter Benjamin, Das Passagenwerk: Der Flaneur).