taberna kritika

2007-12-03 da in der Nacht

fenugrek bockhornklee

griechisch heu trigonella

foenum graecum gute nacht

schrieb sie achtsam. ins gelb

eine spur von grau eingetragen

ein wenig dunkel ein wenig

übers glas übersetzen über

netzen grün schrieb farbe

das dunkel. zum namen der

nachen zur insel übersetztes

nach al dahab übersetzten

mag man sie so. oder sagen

für H. H.

da in der Nacht zu gestern 1 Orkan über Zürich ging und Bäume entwurzelte. Hier geht kaum Wind, der Himmel stärker verschleiert als an andern Tagen, suche 1 Gegenwart in Wörtern, irgendwo unten klingelt etwas, 1 Fahrradklingel? 1 Telefon? Ich sehe hinab. Männer stehen an provisorischer Theke, täglicher Aufbau, sie frühstücken 1 Suppe, 1 Salat, 1 mit Bohnenmus gefülltes Brot, grüne Zwiebel, etwas Weiss, es sieht nach Joghurt aus, möglicherweise Tahina, was es sonst gibt, ich lese voiles ein andermal weiter ich lese weiter, ein anderes Denken vom Sehen berühren, ein Wiederkehren von verdict ob nun schon die Rückfassaden, wenn ich aufblicke, ein vertrauter oder ein blosser Anblick

index

Kölner Trilogie I: Weiberfastnacht

So nicht

Nun hört, ihr Weiber, lasst Euch dieses sagen,

das Folgende sollt ihr zu Fastnacht niemals tragen:

Nicht allzu nackt die allzu dicken Schenkel –

sonst friert ihr. Und es schauert Eure Enkel.

Kein T-Shirt nicht, auf dem man „Büzz mich!“ liest.

Wers tut, sei auf den Tambourstab gespießt.

Auch reicht nicht Apfelkorn aus Schnullerflaschen

zwanghaft den Mannen ringsumher zum Naschen.

Das warme Zeug, das will man nicht geschenkt!

Wers tut, wird von der KVB versenkt.

Und wer da trägt die Kanzlerin als Larve,

stimmt in der Hölle Vollenweiders Harfe.

Am Ende sei noch unendlich verflucht:

Die trunkne Plunze, die es einst versucht,

mir eine kalte Wurst ins Maul zu schrauben.

An diesem Tag verlor ich meinen Glauben.

Mein Kind geschultert, konnt ich mich nicht wehren.

Ein Grauen wars. Und dafür sollst du hören

zur Strafe tausendmal „Für Usszeschnigge“!

Der Rest soll feiern! Euer Freiherr Knigge

Originalbeitrag > (GROa)

Filtern (notula nova 72)

Überhaupt: “There is a crack in everything. That’s how the light gets in.” (Leonard Cohen, Anthem, 1993)

Lichtpartner #wörter

(Ein paar kleine Bemerkungen zum Stand der Überlegungen an der DBRF (Datenbank der Realfiktionen / database of real fiction): erste Filterung: OK. Sämtliche Filme mit Spuren sichtbarer Autorschaft (und dessen Umfeld) wurden herausgenommen. Ein Datenschema wurde entworfen. Datenarten definiert. Eine Vorgehensweise zur Ermittlung von Primärtext (vorzugsweise via googlebooks-Retrieval) wurde skizziert, ist aber noch zu verfeinern, weiter zu testen. Möglicherweise ist mit normiertem Vokabular und Thesaurus zu arbeiten (SWD o.ä.) Man muss über die Reihenfolge von sich allmählich reduzierender Retrievalbegriffsmengen nachdenken. Über ihre (objektivierbare) Reduktion zur Erhöhung bzw. Herstellung von Treffermengen. Vielleicht ist auch eine Anordnung der Terme vom Besonderen zum Allgemeinen sinnvoll, zusätzlich. Erste Tests mit Möglichkeiten der Labelung und Annotation von youtube-Filmchen. Einer schlichten Ästhetik ist dabei der Vorzug zu geben. So werden einige Dinge klarer und andere unklarer werden. Nächste To-dos: weitere Filterung des Filtrats. Festlegung der Materialmengen. Weitere Prototypisierung von DB-Elementen. Und was uns sonst noch so dazu einfällt.)

Und: My new text-to-speech-feature. (Turn it on, please!)

(Das text-to-speech-feature. Und das speech-to-text-feature. Das Henne-Ei-Problem ersten Daseins. Jetzt mal anthropologisch gesehen. Die text-to-speech-Ontologie. Oder generell. Grammatologie u.ä.)

Vom Kollegen (dem Literaturpreis-, nein, Buchpreisträger der Stadt (er trägt immer noch schwer daran)) einen Ortheil-Auszug geschenkt bekommen. In “Erfindung des Lebens” die Kappespassage gelesen. Oh Nippes. (Das Kölsche Nicht- oder Nurfastkölnerwissen, das sich gegen eigenes Ex-Wissen stemmt. Das Verschüttwissen oder Begrabenwissen. Dagegen aber wissen: Der Kappes hat doch dichtgemacht. Oder nicht? Oder ist er schon wieder offen?)

Die Orte verschwinden, wenn wir nicht mehr da sind. Wenn wir sie nicht begleiten können oder wollen, sind sie schnell auf einmal weg. Über Nacht, geradezu.

I mihi ipso scribo

Was treibt Dich dazu, im Zeitalter schwindender Handschriftlichkeit den Fokus auf eine aussterbende Kulturtechnik zu richten? Welche Erkenntnisse erhoffst Du Dir? Oder glaubst Du nicht an eine Erkenntnis, sondern nur an den Reiz des Archivierens? (sru)

„Verzeih mir meine unausstehliche Schrift und meinen Mißmuth darüber. Du weißt, wie sehr ich mich darüber ärgere, und wie meine Gedanken dabei aufhören“. Und: „Ja, die Barbarei meiner Handschrift, die niemand mehr lesen kann, ich auch nicht! (Weshalb lasse ich meine Gedanken drucken? Damit die für mich lesbar werden. Verzeihung, auch dafür!)“. Und: „Das Ms erweist sich seltsamer Weise als ‚unedierbar‘. Das kommt von dem Princip des ‚mihi ipso scribo‘.“ heisst es in Briefen Friedrich Nietzsches an Carl von Gersdorff, Franz Overbeck und Paul Rée. (1)

Entschuldigend, aber auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein erläuternd, bemerkt Nietzsche also die Unlesbarkeit seiner Handschrift, gesteht ihr aber auch ein Mass an Exklusivität zu, die wohl einem Typoskript, einer edierten Gedrucktheit, einem lesbaren Text abhanden käme.

„Ich schreibe mir selbst“ enthält in gewissem Sinne eine zweifache 1. Person Singular. Eine Doppelung und Singularität, so kann man sich vorstellen, die auf die eine oder andere Weise in bestimmten Textprozessen verloren geht, bestimmte Sichtweisen oder Lektüren eines Textes, vielleicht nicht zwangsläufig entstellen, aber doch homogenisieren, um nicht zu sagen: Aspekte ausblenden, um einer rascheren Verarbeitbarkeit willen.

Während das 18. und 19. Jahrhundert aber durchaus und durchaus noch als Brief- und damit Handschriftenkultur bezeichnet werden kann, so treten etwas später, bedingt durch technische Neuerungen und resultierende Mentalitätswechsel und Zäsuren (2) Verschiebungen ein, die generell das Schreiben veränderten, handschriftliches Schreiben mehr und mehr privatisierten, sodass heute vielleicht bemerkt werden kann, dass diese Kulturtechnik schon im Aussterben begriffen ist, eine bestimmte mediale Zwischenstufe eines Erkenntnisvorgangs beim Verfassen von Texten also systematisch und breitenwirksam übersprungen wird.

„Am Nullpunkt des Texts“, so der Titel dieses kleinen Versuchs, mag vielleicht ein wenig an einen Text von Roland Barthes erinnern (3). Auch das kommt nicht von ungefähr, beschäftigte dieser sich doch auch prominenterweise mit dem Schreiben und machte in den 60ern mit anderen Theoretikern einen Begriff der Schreibweise (‚écriture‘) stark, der zu folgenschweren Unterscheidungen und Analysen anstiften sollte. Dort spricht Barthes allerdings von nur 3 Dimensionen des Schreibens deren 3., die ‚écriture‘ und deren Geschichte noch zu entwerfen und beschreiben war. Etwa 50 Jahre nach erstmaliger Publikation des Textes kann man und mit diesem Abstand und der Perspektive auf erst jüngst stattgefundene Ereignisse, vielleicht noch eine 4. Dimension charakterisieren (‚scripturire‘ (4)), die im Akt des Schreibens, Teil des Schreibens ist, und gemeinhin immer mitgenannt wurde, nun aber, durch ihre fortschreitende Abwesenheit mehr und mehr ‚etwas‘ aus diesem komplexen Vorgang herausbrechen lässt.

Der Autor dieser Schrift gibt selbst zu, dass ihm das handschriftliche Verfassen eines Textes, die Produktion einer Vorstufe, eines präliterarischen Gebildes also, selbst immer mehr abhanden kommt und dieses von anderen Verfahren abgelöst wird. Darum dieser Versuch, eine Studie oder Selbststudie mit dem Ziel, die Bedeutung eigener Handschriftlichkeit für den Text zu entdecken und diese mit diversen Theorien abzugleichen.

Dem Handschriftenversuch ‚Die Ichschrift‘ geht also hiermit ein Essay (als Interview, oder vice versa) voraus, das allerdings erst im Nachhinein, gewissermassen nach Herstellung der Materialbasis konzipiert wurde. Allfällige Antworten und allmählich auftauchende Fragestellungen, so hoffe ich, ergeben sich im Laufe dieses kleinen Diskurses, der übrigens auch zuerst in Handschrift entstand. Doch zu den Rahmenbedingungen …

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(1) vgl. das Ichschriftelement „Der Nullpunkt von Text“

(2) vgl. auch Kittler, Aufschreibesysteme

(3) Roland Barthes, „Am Nullpunkt der Literatur“. Erschien auf frz. 1959. Hier, auf dt. Frankfurt 1982

(4) Diese Unterscheidung in Roland Barthes, Vorbereitung des Romans, Frankfurt 2005