taberna kritika

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Rainer Hoffmann

Gestell und Ungestalt


Fassung erster Hand

September 2009, 84 S., 19 x 12 cm, Klebebindung

ISBN: 978-3-905846-07-2, €10 / 16 SFr

Stw: Experimentelle Prosa / Erinnerung / Lesbos

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“Nennen wir es augenblickliches, erstes Schreiben, erste Sprache der Erinnerung – ihre grünen Früchte … Momentum: das Noch-Nicht-Geronnene – als suche, beginne das Schreiben, gerade jetzt eine Form zu finden, oder als dürfe, könne es selbst bleiben, verharren, einen Augenblick in der unendlichen Fülle, in der Brüchigkeit und Flüchtigkeit seines Stoffs: sich fremd in dessen Ungestalt. … Die Zeit – kurz nach dem Ereignis, den Zwischenfällen, Begebenheiten, nahe ihrer Wahrnehmung, ihrer Beobachtung. Die Zeit – kurz vor der Ablagerung, Verschüttung oder gar ihrem Verschwinden. Die Zeit vielleicht noch vor der Skizze. …Nicht der Stoff im Hinblick auf ein Thema, Motiv. Belanglose Folge. Ohne Absicht, ohne Zweck, ohne Linie – sein Eigensinniges und Eigentätiges: sein Zufälliges, Unbändiges, Diffuses. … Nicht der Glaube an die Freiheit (oder gar Unschuld) dieses Augenblicks – der Wille zum Unmittelbaren erliegt zuerst dem Zwang. Das Unmittelbare – seltsames Begehren, merkwürdig fixe Idee – flieht unserem Bewußtsein immer schon voraus in die Unendlichkeit …  Der Glaube aber an die Neugier der Sprache – auf die Leichtigkeit der Ordnung, die dunkle Organisation des Erinnerns, die Ästhetik seiner Augenblicklichkeit. … Ich berichte nicht. Ich analysiere nicht. Ich eigne mir nichts an. Ich liefere mich aus … – einer unmöglichen Erzählung des Erinnerten. (Ihre Unmöglichkeit ließe sich definieren, über folgenden Ort: eines Schreibens ausschließlich von innen her.) … Vor diesen wenigen Pfählen am Abgrund beginnen. Den wahnwitzigen, den paradoxen Versuch, inmitten eines jungen Erinnerns teilnehmend nachzubilden, wie dort verwandelt geschieht, was geschah. Und daher niemals so geschehen ist. Jede Erinnerung vergeht, bleibt einmalig, im Nu.” (Klappentext)

Rainer Hoffmann, Köln (*1963) Ilshofen, Baden-Württemberg. Studium der Afrikanistik, Philosophie und Ethnologie in Köln und Wien. Forschungsaufenthalt in Bamako und Sikasso, Mali. 2001-2003: Kurzgeschichten für Mädchen. Work in Progress: “Hackfleischkörper oder Feiningers Schwierigkeiten mit der Liebe”. Wohnt und arbeitet als freischaffender Künstler und Barkeeper in Köln.

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Leseproben

bismallah (ist014)

I Zit. Aus Haarmann, Geschichte der Schrift: Abb.: [Anubische] Kalligraphie in Gestalt eines Storches, [komponiert] aus den Buchstaben zur Schreibung des ersten Wortes im Koran, bismallah. Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. // Dabei gab es nie einen bedrohlichen Storch. Der Storch (dieser Storch) erinnert nur an eine Gans. Aber es gab auch eine – in diesem, göttlichen Sinne – bedrohliche Gans. Es gab eine bedrohliche Kuh in Kärnten. Als kleines Kind war ich im Urlaub über einen Zaun auf einer Weide gestiegen. Eine Kuh wollte ihr Revier verteidigen. (Gegen mich, eine ca. 4-5jährige Bedrohung). Die Eltern sassen etwas entfernt in einem Schatten, als es passierte. Mein Vater konnte die Situation noch rechtzeitig erkennen und mich nach Ablenkungsmanövern wieder über den Zaun zurückholen. Die Kuh [Seele] war schon in vollem Lauf gesenkten Kopfes. II Ich war also beinahe aufgespiesst worden. Aber nicht diese Szene, sondern die darauffolgende verbuchte [verbannte] sich in mein Misstrauen (dem animalischen, dem göttlichen). Auf dem Rückweg zum Schattenplatz der Eltern, zu einer Bank unter einem Balkon aus dunklem Holz, nach den Ermahnungen des Vaters (des Sohnes? des hl. Geistes?) vorbei an dem Gänsestall, tobt eine Gans, grundlos scheinbar. Oder: hämisch? Spöttisch? Es gibt eine Allianz der Tiere gegen den Menschen. Die Häme der Gans, also, steht mir noch vor dem Schrecken meines knappen Erloschenseins // Übertragungen: Die Kuh als Gans. Das Bild als Wort. Der Storch – sein Stellvertreter. Die Erinnerung – in [eine] Umkehr, falscher Reihenfolge – . Die Schlussfolgerungen, schliesslich, [unendliche] Verfälschung. Verführerisch. Kalligraphisch. III In Gestalt eines Hochs, Kampiert aus den Buchstaben zur Scheibe. Karim. ein go-IN den Sinn bedrohliche G-s. Salve entfernt in einen Schalk, den Zaun zwick holen zu einer Bank unter einem bellen tobt ein Gas. Die Buch als bas. Der Stare wer deiche fälsch. walli graphisch.

@etkbooks twitterweek (20090905)

veranstaltungshinweis: etkbooks @ werkschau #5 – der berner salon. heute & samstag, 5.9. mehr: http://www.werkschau.org/programm.html // new blog post: 2007-11-12 wie einer vorfährt auf http://bit.ly/3Zlqj // @hightatras herr g. ist territorial ein schon sehr tollkühner … // schon das wort: kultiversum. bei derlei verschiebe an kulti sanostol denken … #lbn #wörter // new blog post: Kühle Brise. (GuU09) http://bit.ly/fuAA5 // http://www.swissdnabank.com (via @hackr) dialektisch: weisst der glaube an die ewige bedeutsamkeit eigener dna nicht schon auf 1 defekt hin? // new blog post: natura naturans http://bit.ly/35wh8g // RT @Tagesfang: »›Ich möchte einen Termin‹, sagt Hartmut. ›Einen richtigen. Keinen Termin zum Terminmachen.‹« (kurz erschrocken …) // new blog post: Ein paar Schwimmabzeichen (notula nova 50) http://bit.ly/Fjh4n // “Trotz Relaunch keine Anzeigenzuwächse : Entlassungen bei »Literaturen«” http://www.boersenblatt.net/337262/ #lbn // RT @Turmsegler: Online-Symposium Book Blogging http://bit.ly/3w6XfO (expand) #lbn // new blog post: Veranstaltungshinweis: werkschau #5 http://bit.ly/IcNcC // RT @bourdieu: World Database of Happiness http://worlddatabaseofhappiness.eur.nl/ #lbn // Voss, Florian. – Bitterstoffe : Roman / Berlin : Rotbuch Verlag, 2009 #pipeline // Roes, Michael. – Die Fünf Farben Schwarz / Berlin : Matthes & Seitz, 2009 #pipeline // new blog post: Slbstl / Selbstlaut (ist013) // 88 CONSTELLATIONS FOR WITTGENSTEIN http://88constellations.net/ #lbn //

2007-11-12 wie einer vorfährt auf

während ich die frage zu stellen vergass

während ich zuhörte während es

zeit war als sie vortrugen während

ich zuschaute während ich nicht fragte

während ich gefragt noch dasass als sie

gingen gingen

wie einer vorfährt auf dem Motorrad, Milch anliefert in Kannen, wie einer Milch abmisst in Tüten, wie vor sich geht eine Zubereitung von Essen, wie Essen ausgeteilt, abgeholt, zu sich genommen wird, ich sehe zu, hinabsehend vom Balkon, werfe, den Blick, wer fängt? sehe nicht mich sehend, koste mein Zusehen, erschöpfe mich im Hinabsehen, Hinabhorchen, höre was ich höre, sie, tun, was sie tun, jetzt, bringen den Zornigen sanft zur Ruhe, sie, mehrfach zu mehreren, in Sätzen, mit Gesten, sanftes Zulangen, koste mein Sehen, aus, erschöpft vom, ja, wovon denn, lehne mich über die Brüstung, ein Übergeben meines Blicks, nach unten, wen kümmert’s, Lichtbruch einer Tageszeit

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Kühle Brise. (GuU09)

Erstes Frühstück zu zweit (vier Spiegeleier, in Butter). Seit seiner Ankunft eine große Freude am Reden, überschwängliche Übungen am “lebenden Objekt” (der Arme!). Endlich! – Weniger die ungewohnten nahen Blicke, die vertrauten Gesten, seine wirkliche Mimik – nein, die unverhofften Fragen, Antworten, Widerreden … – und erst der fremde Klang der eigenen gesprochenen Gedanken nach all den englischen Konversationen!

Spaziergang am frühen Nachmittag. Die “Villa Garden” nicht gefunden (unser Domizil für die freie Zeit, den Urlaub mit den Frauen), Efthalou verfehlt! Eine Hoffmann‘sche Abkürzung wird zum Umweg („Dort unten müßte es liegen!“). Unglaublich, aber es war verschwunden oder doch noch sehr, sehr weit … Gestromert, durch die Landschaft vagabundiert (zwei plaudernde Schafe auf einer Blumenwiese). Küstenstücke, nun im Frühling, die an Irland erinnern.

Zigarettenpause. Junger roter Mohn am Meer. Hellblauer, tuckernder Fischkutter nahe den Klippen. Kühle Brise.

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.