taberna kritika

Theaterkulissen

Ich lief einige Stunden durch die zerstörten Aussenquartiere Neu-Berns, durch Breitenrain und Lorraine, dann linker Hand über den Behelfsponton wieder hoch in Richtung der recht gut erhalten gebliebenen Altstadt. Die Träger der von Deutschen gesprengten Lorrainebrücke ragten wie graue Gräten aus den eisigen Wassern der Aare. Der Bärengraben war leer, die Faschisten hatten die Tiere vor langer Zeit verhungern lassen. Bei einigen bombardierten Häusern waren nur Hausfronten übriggeblieben, Fassaden. Sie standen am Strassenrand oder etwas weiter hinten auf einem Feld, ohne Dach, nur die Hausmauer selbst war zu sehen. Durch die Löcher der Fenster sah man auf das, was dahinter lag, man sah wie durch eine Kastenkamera in das weissbestäubte Grünbaum, dort auch in das schneebedeckte Stoppelfeld, dahinter der blaue Himmel. Es war erneut, als seien diese ruinierten Häuser Theaterkulissen, die jemand dort hingeschoben oder –gezogen hatte, neben den von deutschen Granaten aufgeworfenen Erdhügeln und den zerborstenen Holzbalken, deren Enden schwarz verkohlt und schartig aufwärts ragten.

In: Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, S.26, 2008

Herr Holle (notula nova 9)

Dieses oder jenes kann man nur mit einem Stift denken.

(Und der See neigt heute eher ins Blaue. Seltsame Interferenz mit dem Sonnensegel in orange. Wechselseitige Missgunst. Ein böses Omen? Nachdenken über das Selbstbewusstsein von Farben. Über ihre Selbstbehauptung.)

Semper fidelis

Waldstättia

Alemannia

Zähringia

Burgundia (Diese im Zweispänner)

(Die Kultur der Burschenschaften. Die (gute?) alte Zeit. Die Fresken an der Wand des Partykellers, Cantina genannt. Emblematik auf Aschenbechern, Bierhumpen und Tassen. Der Kult der Wappen und verschwurbelten Majuskeln mit Exklamation, z.B.: B!)

„Ein kleines Beet mit blühenden Bohnen verbreitete einen feinen, lieblichen Heliotropduft; den aber trug uns nicht die heimatliche Brise zu, sondern ein wilder neufundländischer Wind, der keine Beziehung zu der fremdländischen Pflanze hatte, keine aus Erinnerung und schwelgerischem Behagen gespeiste Sympathie. In diesem Duft, den keine weibliche Schönheit einatmete, in ihrem Busen verfeinerte und auf ihren Spuren verbreitete, in diesem Wohlgeruch, den man unter eine andere Sonne, in eine andere Kultur und in eine andere Welt versetzt hatte, lag die ganze Melancholie der Sehnsucht, der Trennung und der Jugend.“ (François-Rene de Chateaubriand, Erinnerungen von jenseits des Grabes)

Von Herrn Holle weiss man nicht viel. In den meisten Erzählungen hält man ihn für keiner Erwähnung würdig. Ich stelle ihn mir als alten, ergrauten Mann vor, der in einem Hinterzimmer schweigend eine Zeitung liest.

Urlaubskarte

Wer will nicht mit Türkenlümmeln

Knackigfrischen Kümmel mümmeln?

Auf sonnenhellen Ziegenfellen

Mit Zeliş Knoblauchzellen pellen?

Hoch auf Amanos im Osten

Honigschwere Früchte kosten?

Wer liebt nicht die kühlen Wogen

Unterm heißen Himmelsbogen?

Aus Shishas süßen Rauch zu trinken,

Um in Bildern zu versinken

Von Sultanen, von Osmanen,

Harems, Troja, Karawanen?

Wer findet das milde Klima

Nicht wie andere nur prima?

Wer, beim Kalif, ist so öde,

Dass er lieber bleich und blöde,

Angestrengt, steif und verstockt

statt dem auf Büchermessen hockt?

Originalbeitrag zur Buchmesse 08 > (GROa)