taberna kritika

M. E. Mercier Descloux (1956-2004)

Martine-Elisabeth “Lizzy” Mercier Descloux: Krebs. “Es mag helfen am richtigen Ort zur rechten Zeit zu sein, selbst für eine Reisende. Lizzy Mercier Descloux hielt es selten lange irgendwo (…). Dennoch hatte sie ein einzigartiges Gespür für die richtigen Orte. Von Pariser Hallenviertel zieht es Mitte der 70er auch sie nach New York. Sie freundet sich mit Patti Smith an, photographiert deren »Radio Ethopia« Cover und trifft Michel Esteban, der bald sein Label ZE gründet. Er erkennt Lizzys Talent. Ein Talent, das alle anderen aus der No New York Szene überragen sollte. Als Rosa Yemen spielt sie eine minimale Avant-Punk EP ein. Zwei Gitarren plus ihre Stimme modellieren ein hektisch zerrendes, radikales Meisterwerk an dem sich Generationen von Noise Gitarristen abarbeiten konnten, jedenfalls jene, die es bemerkt hatten. Denn Dinge doppelt zu tun war nicht ihre Art. In einer kreativ explodierenden Post-Punk Welt vollzieht sie die Wendungen, entwickelt sich blitzschnell, interessiert sich für dies und das und landet so mit ihrem ersten Album »Press Color« Anfang 1979 auf der Tanzfläche. Funkige, teilweise improvisierte Songs, Lalo Schifrin und Arthur Brown Coverversionen verbinden Lärm und Disco elegant und gefährlich. Doch als diese Fusion zum großen Ding wird, sitzt Lizzy auf den Bahamas und produziert 1981 mit »Mambo Nassau« eine der ungewöhnlichsten und tollsten Platten aller Zeiten. Afrikanische Rhythmen, Funk und überraschende Melodienlinien, so frisch und so anders daß sie nie überkommen klingen können, begründen ihre Leidenschaft für afrikanische Musik. Diese Spur führt sie 1984 quer durch Afrika nach Johannesburg wo eine nun deutlich vom Soweto-Sound geprägte LP entsteht. In Frankreich wird die Single »Mais où sont passées les gazelles« zum großen Hit und das Album hoch dekoriert. Zwei Jahre später taucht sie in Rio auf. Das dort eingespielte »One for the Soul« flirtet mit den Westcoast-Jazz Pop Melangen seiner Zeit, ist aber wieder mal viel besser als der Rest. Das Cover zitiert die Cahiers du Cinema und Chet Baker spielt Trompete (…). Zwei Jahre später veröffentlicht sie »Suspense«, ohne ihren ZE Mentor Michel Esteban, dafür mit Ex-Mars Trompeter Mark Cunningham an ihrer Seite gelingt ein lebendiges Popalbum das mit formvollendetem Gestus die Post-Punk Zeit beendet. Sie zieht weiter durch die Welt, beginnt expressiv und farbenfroh zu malen, nimmt 1995 noch ein Album in New York auf, welches nie erscheint und verliebt sich in die See um Korsika. Die Insel wird zum Ruhepol. Ihre stilprägenden, zugleich unbeschreiblich schönen Statements der Weltsicht eines wachen Individuums verblassten, völlig pop-unüblich, nie, wurden aber auch kein Gegenstand großer Hypes. Doch welche Freude die Wiederveröffentlichung von »Press Color« und »Mambo Nassau« auslösten, erlebte sie noch.” (Oliver Tepel) “At 17 she was more sophisticated than anyone I’d known, while also seeming utterly unaffected. Or at least her affectations came from such a stubborn confidence and will to defy convention that they were irresistible.“(Richard Hell) ROSA YEMEN, Herpes Simplex MARS, Puerto Rican Ghost MARIE ET LES GARCONS, A Bout de Souffle

Eine Frage der Teilzeit

Teile ich mir die Zeit ein: teile ich gedanklich meinen Nachbarn in zwei Hälften. Verwuschle ich sein Haar und in seine Uhrenkette mache ich Knoten. Der Uhr verpasse ich einen Kokon aus Resten von Gel. Die Flügel am Hinterkopf laufen ihm stromlinienförmig zusammen. Am unteren Ende befestige ich einen Manschettenknopf. Da sucht er nach seinem Fahrschein.

Teile ich mir die Zeit ein: klingelt mein Telefon volkstümlich. Bin ich ganz Dienstleister in der Dienergesellschaft. Meide ich Menschen ohne Sozialleben. Gemietete Leben. Auf Saubohnenplantagen.

Teile ich mir die Zeit ein: versuche ich mich an Wegen der Darstellung und Herstellung persönlicher Ordnung. Es ist eine Ordnung vergeblicher Zeichen. Aber immerhin wirksam der Schein meiner Dinge durch diese. Berücksichtigungen. Beschwichtigungen. Kontinuitäten.

Teile ich mir die Zeit ein: gewährleiste ich Existenz durch Klassifikation ins Vorhandene. Entdecke ich in Köln-Ehrenfeld nicht ein Kaufland sondern den Potsdam-Simulator.

Teile ich mir die Zeit ein: erbreche ich mein Vomitiv in Geschichten. Das Elend der Welt im jungen Pennerpärchen zum Beispiel. Er, schlafend, komatös in einem fremden Traum. Sie, streicht ihm den Speichel vom Kinn, liebevoll. Oder eine andere: Vom Tramnebenan, der in seinem Handy Anruflisten bedient. (Ein schräger Blick, meinerseits). Ein Blättern von „Schatz1“ zu „Schatz2“.

Teile ich mir die Zeit ein: teile ich mich, ich mich mit, mit mir selbst, und die Welt.

Der grobe Ton

(Notiz) Unfug? Für wen soll man sein in der Hörisch/Müller-Debatte. Will man sich denn positionieren. (Auch wenn die Position die Suchende ist). Und wie stünde es in dieser Begegnung? 3:2? Wenn man die Klein-Fürsprache einrechnete. Oder 2:2 nach Hieben? Und nun nach Abschluss der Angelegenheit und am Ende der Wahrheit? Der Beigabe Müllers und die Umlenkung ins Konstruktive: 2:3? (Sie ist natürlich nur nach aussen abgeschlossen.) Es ist uns doch so (fern), als spielte der FC Bayern gegen Borussia Dortmund. Am Ende ist man froh um viele Tore und Aktionen im Strafraum. Das Ergebnis ist insofern nur wichtig, denn es betrifft Lektüren. In diesem Falle die Erinnerung an:

Thomas Steinfeld: Der grobe Ton. Frankfurt am Main : Hain, 19911

Es ist banal und darum schön. Denn alles, was es hierzu zu sagen gibt, wurde schon dort skizziert. Und in Ewigkeit, wie nachgewiesen wurde …

“Wer meint, die Wahrheit zu vertreten, schliesst seinen Gegner nicht vom Gespräch aus, sondern will ihn überzeugen. Keiner ist je um ein Stückchen gebracht worden, bloss weil ein anderer es gepachtet hatte. Sie ist kein knappes Gut. Bourdieu hat daher etwas anderes im Sinn, als er tatsächlich schreibt: Weniger um Wahrheit ringen Professoren, als um den autorisierten Anspruch auf Wahrheit. Erst darum kann man sich tatsächlich streiten, weil mit dem Anspruch, eine Wahrheit zu besitzen, nicht Sätze miteinander in Konflikt geraten, sondern potentielle Wahrheitsträger – Konkurrenten auf dem akademischen Markt nämlich, die für sich werben und daher mit den Mitteln der Glaubwürdigkeit arbeiten müssen. Allein auf dieser Grundlage lässt sich “die Wahrheit” pachten und der Gegner vereinnahmen.”

Vielleicht muss man darum bilanzieren: Alle drei Ergebnisse sind also wahr und richtig, denn aus der Sicht der Ordnung gehört ihr Gegenteil stets aufgeräumt. Aus Sicht der Reglemente dagegen zählen auswärts geschossene Tore immer doppelt und daheim ist auf dem Platz. Bitte beachten Sie hierzu auch die bald anstehende Publikation von Fritz Michel: 4:2.

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1Warum also Hörisch bei Steinfeld anklopfte, bleibt unklar. Mit der Kenntnis dieses Essays hätte er sich eine Abfuhr erspart. Der zwölfte Mann ist und bleibt Geschichte. Und die muss man kennen.