taberna kritika

Noshowarea

(E19)

Nach zwei Wochen enthaltsamster Klausur hatte sich etwas zusammengebraut, nach unzähligen kombinatorischen Verschiebungen und Streichungen. Nach zwei Wochen hatte sich etwas kleines aufgestellt, was in seiner Statur noch auf wackligen Beinen ging, aber ja: von aussen ausschaute. Und von innen das Äussere zusammenhielt, so zumindest: ein Äusseres und Inneres und wichtig: eine allerdings absehbare Grenze der beiden Bereiche sich abzeichnete, sodass Benedikt nun endlich einen Gang zurückschalten konnte, wie er entschied, und ein kleines Brötchen ass, mit Blick auf den zurechtgezwirbelten Haufen Papier. Begleitet hatte er diese Arbeit des schreibenden Legens mit einem Schreiben über schreibendes Legen und am Ende ein Extrakt erzeugt, ein Schreiben zur Vorlage, eine Hülle, etwas, das sich orientierungsmässig anbot, über jüngst Vergangenes in knapper Manier Zeugnis abzulegen, angefertigt, was er jetzt mit einiger Sicherheit Dossier nennen konnte und wollte, das seinen Platz in der Welt zu suchen imstande war. Verständlicherweise hatte er dieses an seine allererste, verbliebene Adresse ausgerichtet, jemanden, der davon verstand und der sich auch dessen annehmen wollte und konnte. Dieser Jemand allerdings, Röhrling, war seit genau ebendiesen zwei Wochen unauftreibbar.

Dass er von ihm keine Antworten auf seine Mails bekam, damit konnte Benedikt noch leben, wusste er doch, dass der Alte kein Freund dieser Kommunikation in Konventionen eingekleideter Fakten war. Dass er diesem aber den Anrufbeantworter befüllt hatte in einer Umfänglich- und Welthaltigkeit, die man schon selbst Roman nennen konnte, dass daraufhin keine Rückmeldung erfolgte, im Gegenteil, sich die Option zu hinterlassender Nachrichten auf einmal verschloss und ihn seit kurzem nur noch eine Stimme mit der lapidaren Botschaft: Versuchen Sie es bitte zu einem späterem Zeitpunkt – abspeiste, das besorgte ihn doch ein wenig und Benedikt sah keinen anderen Ausweg mehr, direkten Körperkontakt zu avisieren.

Der fahrbare Showroom des Möbelherstellers brachte ihn dieses Mal nicht aus der Fassung und entschlossen stieg er ein ins hintere Abteil der Tram. Das Gastrauminnere war dünn besät, zwischen den Zeiten des Austauschs der Körper der Menschen privater in öffentliche Räume, sodann setzte sich Benedikt, halb legte er sich auf ein einladendes Chaiselonge und hörte in sich hinein: ob da noch wer war. Dort fand er nur: feist gewordenes Explorat dessen, was er auch schon als Druck in einer kleinen Mappe zwischen den Beinen gepresst hielt: ein Profipaket, formal ansprechend und auch den Gepflogenheiten angemessen – sein Dossier, das sich noch etwas in seiner Struktur wand, aber Exposé, Bemerkungen und unverzichtbar: ein Anschreiben, das sich gewaschen hatte.

Er ging es noch einmal in Gedanken durch, konnte aber nichts gravierend Falsches oder Änderungswürdiges finden. So in sich, hatte er beinahe den rechtzeitigen Ausstieg verpasst, eine Station vor der Destination, um vorher einer kleinen Weinhandlung ein Mitbringsel abzuknöpfen, so sehr schon Wohnzimmer, aber immer noch: just in time, sein Instinkt, auf den er sich verlassen konnte, riss ihn aus diesem Tagtraum heraus.

Unmöglich. Die Frau, die dort aus Röhrlings Hauseingang heraustrat und alsbald entschwand: Anna? Der Schritt: konnte ein Annaschritt sein. Das Kreisen der Arme: Annaarme. Aber: die Haare viel heller, so ersichtlich in diesem kleinen Schnitt, und diese Anna trug ein graues Tuch und nur ein paar Strähnen frohlockten im Wind. Und die Haut unter der dunklen Eulenbrille von stärkerer Bleiche, wie noch einmal schnell zur Seite erwähnt wurde. Benedikt hielt ein paar Schritte inne, um weiter zu beobachten bis sie sich um eine Ecke schickte, und dann zu verwerfen. Nieundnimmer: seine Anna. Auch die Nase passte nicht zu seinem Bild. Und seine Anna – war ihm noch nicht aus dem Kopf gegangen, wie diese: von dannen, nun wirklich um die nächste Ecke.

Die Haustüre war nur angelehnt, zwischen Türe und Schloss hatte sich ein kleines Schwämmchen verfangen. Wieder fielen ihm beim Aufstieg die Bilder im Treppenhaus auf, die Schnittblumen und Kräuter, kaum mehr Abbildungen, sondern mit einer Echtheit ausgestattet, wie sie sich nur durch ein spezielles Licht gebar, diese dennoch: in anderem Zustand, nicht mehr frische Wiesenschnitte, sondern peinlich getrocknete Abglänze ihrer Selbst, nicht mehr Idealform oder Idee, sondern Archiviertes, Abgeheftetes oder Zurkenntnisgenommenes. Geschichten. ZKg. Auch die Holzstufen begingen sich wie bemooster Waldboden aus dem letzten Jahrtausend, nach Pilzen roch es, essbar waren diese sicher nicht.

Auch nach dem dritten Läuten, das überraschenderweise eine charmante Tonkaskade produzierte, vernahm Benedikt keine Antwort. Nachdem er Licht gemacht und sich unschlüssig die Sohlen auf der Welcome-Fussmatte abgeklopft hatte, fand er das kleine Zettelchen, rückwändig hinters Glas mit Klebestreifchen fixiert: „Bin gleich wieder da …“

Warum nur liess dieser Mensch alles so offen?, dachte sich Benedikt, als er die Klinke drückte, diese nachgab und er in den Flur trat. Fürchtete er keine Verluste? Über- oder Abgriffe? Hatte er keine Angst vor dem Fremden, das sich jederzeit seiner bemächtigen konnte?

Ein satter Krautgeruch hing glockenförmig in der Diele und schien sich auch in die benachbarten Zimmer ausgebreitet zu haben. Röhrling! Benedikt räusperte sich zusätzlich und erhielt auch darauf keine Reaktion.

Im Büro roch es umso stärker nach Alter Mensch, sonst bemerkte er aber keine weiteren Auffälligkeiten. Bücher, Ordner, Manuskriptstapel, Utensilien. Alles lag im Grossen und Ganzen, wie es immer lag. Hatte seinen Platz gefunden. Und der Platz sich darauf eingerichtet.

Wohin mit dem Weinchen? Benedikt verspürte keine direkte Lust, diesen wieder mitzunehmen, fand schliesslich, als Geste war er diese Flasche Röhrling lange schuldig und beschloss ihn da zu lassen, ja, vielleicht mitsamt seiner Mappe. Sollte Röhrling doch sehen, dass jemand hier war und hinterlassen hatte. Fast schien es ihm so, als hätte er es darauf angelegt.

Die Flasche stellte er in die Mitte der Tischplatte, nachdem er diese ein wenig freigeschaufelt hatte. Auf die Schreibunterlage, zwischen Tintenklecksen und Bleistifthäutungen – vielleicht sollte er ihm noch eine kleine Notiz hinterlassen? Lieber Röhrling, ich bitte Sie mein Eindringen zu entschuldigen, aber … Undsoweiter.

Benedikt notierte. Brachte noch ein paar Anspielungen auf sein Manuskript unter, das er darauf, kaum übersehbar, an die Flaschenkante anschmiegte, sodass der Griff zu Wein oder Text nur eine Bewegung sein musste, und korrigierte abschliessend noch etwas den Winkel der Seiten zur Tischkante, bis dort Parallelität herrschte.

Was haben wir denn da? Ein Vertragsentwurf? Benedikt, von Natur aus neugierig, griff zu dem Blattwerk, fand aber, da es sich um einen geschlechtslosen Prototypen handelte, weder Zeitangaben, noch Namen, Beteiligte oder sonstige Informationen enthalten, die irgendeine genauere Auskunft über seinen Gegenstand gaben, ausser … er war weiter unten angekommen und erblasste: den Titel. Ein Buchtitel war schon handschriftlich eingetragen und es kostete Benedikt keine Mühe, diesen zu entziffern: bibliotheca caelestis stand da, in geschmeidigen Majuskeln.

Woher hatte Röhrling …? Wie kam Röhrling dazu, dieses Werk …? Benedikt überflog den Text weiter nach hinten, konnte sich aber nicht an den hohlen Phrasen und Textbausteinen reiben oder irgendeine weitergehende Präzisierung festmachen, bis er an einer Stelle hängen blieb und diese erneut begreifen musste:

… stellt für den Verlag Druckwerke auf Bestellung nicht her … verpflichtet sich gegenüber dem Verlag die Auslieferung des Titels unter allen Umständen zu verhindern … liefert dem Verlag Quartalsstatistiken über die Anzahl der aufgrund einer Handelsbestellung nicht hergestellten und damit unterdrückten Exemplare … nimmt für den Verlag die Titellöschung im Verzeichnis lieferbarer Bücher vor …

So etwas hatte er noch nie gelesen. Hier handelte es sich, wenn er richtig verstanden hatte, um einen Nichtveröffentlichungsvertrag im Kindstadium, und das irritierte ihn doch sehr. Wem galt dieser? Woher wusste Röhrling von diesem Titel? Hatte er ihm leichtfertigerweise davon erzählt? Benedikt kramte in seiner Erinnerung nach, konnte aber nichts entsprechendes finden. Ein Lufthauch durchzog die Wohnung und die Duftnoten „Alter Mann“ und „Krautsuppe“ vermengten sich zu einem unguten Gemisch. Benedikt sah dies als Zeichen. Rückzug, hiess es, und: raus hier, wahrscheinlich. Es musste alles auf anderem Wege geklärt werden. Und Zweifel nährten sich weiter, dass Röhrling überhaupt der Richtige war, sein Projekt anzunehmen und zu vertreten. Ein Mann, der solche Verträge in die Finger nahm? Vielleicht an einem Abschluss in irgendeiner Form beteiligt war? Hatte sich Benedikt von Anfang an so sehr in ihm getäuscht? Was für eine Rolle spielte Röhrling noch, in diesem ganzen Gefüge? Zügig packte er alles zusammen und versetzte den Schreibtisch wieder in seinen halbwegs ursprünglichen Zustand, dann schnappte er sich auch noch den Wein und verliess geduckt und auf Zehenspitzen die Wohnung.

Was Raum ist

(B25 zu M25)

Einen Schritt weiter zu gehen, hiesse es, nickt er stumm: nicht mehr nur von einem von Büchern genutzten Raum zu sprechen. Es gibt da mehrere Modelle. Man müsste, um dem völlig gerecht zu werden, wenn man das wolle, unbedingt mit der Vorstellung eines raumgewordenen Buches hantieren. Gegenüber einem Dialektiker behält man selten das letzte Wort. Und so. Auch hier wird seiner unerhörten Antwort noch etwas übergestülpt. Und der Befrager grinst keck und meint, nicht davon sprechen zu wollen. Nicht davon sprechen zu müssen, denn man meine etwas grundsätzlich verschiedenes. Etwas, das sich seinen Dimensionen zwangsläufig entziehen müsse. Man meine dagegen, auch wenn es wahrscheinlich nutzlos wäre, weiter darüber zu disputieren, den buchgewordenen Raum. Und was ein Buch sei, das sei hier die eigentliche Frage.

Ich bin da! / A2S1(3)

(D12)

R1

KÄS: Ich sage nur: Datenmigration.

SACHWITZ: Und erst die Lizenzverträge.

KÄS: Die schlucken alles. Selbst die Direktionsreserve.

SACHWITZ: Hilft aber nix. Wir sind benutzerfreundlich.

KÄS: Kundenfreundlich.

SACHWITZ: Anwenderfreundlich.

KÄS: Anwenderinnen- und anwenderfreundlich.

SACHWITZ: Zu allen freundlich.

KÄS: Am Ort der Freundlichkeit.

SACHWITZ: Am Ort der Freundschaft.

KÄS: Auf die Freundschaft!

SACHWITZ (während sich die beiden in die Arme fallen): Auf die Freundschaft!

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 925. Gesucht wird das Buch mit der Freihandsignatur „ig 38141“ und dem Titel „Von der Freundschaft“ von Michel de Montaigne. Wir erbitten Rückmeldung an 4426. Ende der Durchsage.

R3

Die Powerpointshow wirft mittlerweile nur noch Bilder von lächelnden Singles, Paaren, Familien, Rentnern bei unterschiedlichen Tätigkeiten aus.

NEUMANN: Ein kleines bisschen effizienter.

MAURER: Nur ein wenig offener.

NEUMANN: Zukunftsorientierter.

MAURER: Es steht doch der Mensch im Zentrum.

WEBER (eingeknickt, wirkt gebrochen): Wir sind Dienstleister, ich weiss.

NEUMANN: Wir stehen für eine neue Zeit.

MAURER: Und Sie müssen wissen, wofür Sie stehen!

WEBER: Aber es ist doch alles längst zu spät.

NEUMANN: Nichts ist zu spät.

MAURER: Zu spät sind die anderen.

WEBER (weinend):  Aber ich kann das alles nicht. Ich bin doch auch Buch. Zu viel Papier um zuwenig Papier. Verstehen Sie nicht? Ich steck doch zwischen Deckeln. (Wird lauter, bald schreiend). Ich kann brennen. Ich gehöre ins Regal. Ja. Ich bin auch noch da, wenn das Licht erlischt. (Schreit). Ich bin da! (Beginnt an seinen Abzeichen zu reissen, Neumann/Maurer wollen ihn beschwichtigen und halten ihn fest).

JÄGER (via Lautsprecher): Ruhig, lieber Dr. Weber. Ganz ruhig. Wir können Sie ja gut verstehen. Änderungen von eingespielten Abläufen können uns manchmal verunsichern, ganz besonders, wenn man noch nicht so genau weiss, wie es werden wird. Aber dieses „wie es werden wird“, das liegt hauptsächlich an uns und da zähle ich auf Sie. Es wurden ja schon Leitsysteme montiert. Aber für unser inneres Leitsystem, da müssen wir uns noch etwas Zeit lassen. Wir brauchen Geduld. Geduld mit uns selbst und mit den Kolleginnen und Kollegen.

Wir nehmen uns Zeit, die wir für das Zusammenkommen brauchen und wir erinnern uns gegenseitig immer wieder an unser Ziel. Wir schaffen es, eine Institution zu werden mit professionellen Dienstleistungen für Lehre, Forschung und Öffentlichkeit. Wir schaffen das! Ich zähle auf Sie und bin sicher, dass wir dereinst stolz auf das Geleistete zurückblicken werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende und bin, mit den besten Grüssen, Ihr Dr. Jäger.

Weber entspannt sich in der Zwischenzeit sichtlich. Maurer/Neumann kehren an ihre Plätze zurück.

Blackout

Einträufeln, puffern

(E18)

Wo war zu suchen? Wo die Orte, wohin die Woge zu stellender Fragen? Wo sonst, wenn nicht hier an der Quelle, die sich jetzt und für immer für ihn verschlossen hatte? In diesem Städtchen, das sich selbst als Mutter jenes Raums gebärdete, als Makro, als duplizierte, überbordende Struktur seines einigen Horts. Gefühlsmässig, dachte Benedikt, und weiter: „Hausverbot!“ Und: „Hier gibt es keine Anna Soundso.“ „Hat es nie gegeben.“ Lügner! Löscher! Verbrecher!, hatte Benedikt geschrieen, als er nach dem peinlichen Verhör und der Preisgabe seiner Identität vor die Türe befördert wurde.

Die Raucher um den Pot hatten für einmal geschwiegen und ihr Kondensat vollständig gefrühstückt. Bedeutende Blicke wurden ausgetauscht, dann tuschelte es weiter. Dann eben nicht, trotzte Benedikt. Dann eben woanders, in Zukunft, dann eben dort, wo man sich nicht kennt, wo man unvoreingenommen auftrat, wo keine Machenschaften zu schaffen machten. Er würde sich, so einfach war das heute, eine blitzschnelle Leitung besorgen und von nun an allen Dingen von zu Hause aus und mit der Kleinstzelligkeit elektronischer Datenpäckchen auf den Grund gehen. Er würde sich Namen geben, wie sie die Welt noch nicht gehört hatte, würde Rollen und Kostüme erproben und in deren Gewand ein Dasein führen, dort und dort, und auch dort, gleichzeitig und barrierefrei. Und ohne Reue, selbstverständlich. Er würde, ohne Vorbehalte, sein – wie er war. Er und … noch hatte er nicht ganz aufgegeben, Anna wiederzusehen und mit ihr, ihr gemeinsames Ding durchzuziehen. Auch, oder gerade deswegen war ihm nun sehr wahrscheinlich: Anna war es ähnlich ergangen. Gefeuert, gelöscht und aufgelöst – im besten Falle – aber noch irgendwo vorhanden, und hoffentlich zu sich gekommen. Irgendwo da draussen in technischer Umgebung. Are friends electric. Und irgendwo an einem kleinen Ort mit ein paar Wänden und einer Decke. Wo war nur die Spur?

Die Idiotenrennbahn hatte ihn bei dieser Analyse klammheimlich aufgesogen und ihn weiter in ihren Bann gezogen, ohne dass er aus ihr herauszusteuern wusste. Die kleinen Geschäfte unter den Arkaden – er kam sich vor wie ein Leser, der entlang einer grellbunten Buchreihe schweifte, die Schaufenster: lebendige Buchcover, die ihn förmlich ansprangen und ihn hineinziehen wollten in ihren Text, die mit ihren eigenen Mitteln um seine Aufmerksamkeit kämpften, und den andern ökonomischen Umständen, dass er auch noch sicher den einen vor den anderen Fuss zu setzen hatte und aufzupassen: dass ihn der Gegenstrom der glasgesichtigen Shopper nicht rücksichtslos niedertrampelte und zermalmte.

Schon fand er sich in einer Lederwarenhandlung wieder und ein freundlicher Mensch tat ihm kund: heute war sein Glückstag, und: heute war ein guter Tag für Leder. Und dass es ihn wundervoll kleiden würde, dass er eigentlich der geborene Ledermann war.

Benedikt hätte es ihm beinahe abgekauft, konnte sich aber noch rechtzeitig, bevor er in eine Reihe eleganter Jacken gestiegen wäre – dann hätte es für Jahre kein zurück gegeben, und dies auf Raten -, wieder auf seine eigentliche Mission besinnen und fragte nach Anna. Haben Sie dies Person gesehen? Nein? Ich habe leider kein Bild von ihr dabei, aber ich beschreibe Sie ihnen gerne. Sie sieht so aus, und so. Und manchmal auch so. Haben Sie nicht? Das ist schade. Danke. Ich werde mich weiter umhören.

Auch der Optiker, der ihm ein 1A-Brillengesicht attestierte, konnte ihm nicht weiterhelfen. Und nicht die Buchhändlerin, die in ihren Novitäten unterging, und nicht die Apothekerin, die nur das Gelbe in seinen Augen sah, und andere Symptome, die sofort zu behandeln waren. Im Restaurant „Harmonie“ hatte man seinetwegen einen Tisch reserviert, schüttelte man aber doch den Kopf auf die Beschreibung Annas. War nicht da, so eine Person, und: so könnte ja jeder aussehen, man sollte da einiges präziser beschreiben können. Präzision. Sie alle wissen nicht, oder geben vor nicht zu wissen, dachte sich Benedikt, und doch gab er nicht auf, liess sich hineinreissen woimmer man auf sein Erscheinen drängte, hörte sich geduldig die Preisungen hauseigener und exklusiver Dienstleistungen an und fokussierte danach sein Gegenzug aber immer zielgenau seiner Suche und Bestimmung zu. Im Modehaus unterband sich ein Gackern hinter versteinerten Mienen. Ein Schreibwarengeschäft bot an, eine Vermisstenanzeige aufzusetzen und zu kopieren, und eine Mobilfunk- und Kommunikationscenterfiliale wollte ihn gleich unter Vertrag nehmen. Immer erreichbar sein, versprach man ihm viele Male.

So hatte sich Benedikt langsam durchs enge Magazin der unteren Altstadt, über den ausladenderen Transportparkour der globalisierten Markenhändler hinauf zum Bahnhofvorplatz, oder dem, was dort einmal entstehen sollte, gerungen. Hatte sich einen Namen gemacht und einen anderen gestreut, sass bald mit leeren Händen auf einem Bänkchen und verfolgte das Donnern der Pressluftmaschinen, der systematischen Plättung des Areals.

Und bekam das Starren. Auf einmal der starre Blick und ein schon bekannter Reiz. Die Augen stellten ihr Tränen ein, schwer zu entscheiden, ob wegen zu wenig zugesprochenem Trost oder aus einer anderen Unterversorgung heraus, und: der Lidverschlussvorgang harzte. Das Öffnen der Augen, vielleicht auch, weil es soviel Staub gab in der Luft – gelang nur noch mit grösster Anstrengung. Hinzukommend: die Müdigkeit. Die Kraft der Maschinen und Arbeiter, bald muskelnde Masse, bald nur noch Pfeil und Verschiebung, bald Schraffur und System vieler ihm noch unbekannter Zeichen, die sich geisterhaft in Ordnung hielten, bald für ihn sinnvolle, experimentelle Textur. Der gesamte Bauplatz dann: reine, grobe, trockene, kalte, laute Lektüre, die ihn immer mehr zu fesseln wusste,

Ist Ihnen nicht wohl? Ist Ihnen nicht gut? Ihnen ist schwindlig. Darf ich Sie stützen? Geht es Ihnen besser? Ich helfe Ihnen gerne über die Strasse. Passen Sie auf! Die Gleise. Hier, nehmen Sie, essen Sie etwas, Sie sehen hungrig aus. Und nehmen Sie einen tüchtigen Schluck hiervon. Sind Sie sicher, dass Sie wieder alleine … Und nehmen Sie das.

Der Beamte der Heilsarmee hatte sich rührend um ihn gekümmert, auch wenn das gar nicht nötig war, entliess ihn mit einem Mandelbärli, das er für solche Fälle immer in der Tasche führte. Nur raus aus diesem Staub und Lärm, hat er gesagt, hier kippen die Leute reihenweise um, die zulange stehen blieben. Dürfen Sie nicht zulange hinschauen, hat er noch gesagt, trocknen die Augen ein, wenn man nicht spezielle Linsen trägt, hat er gesagt, und: Gehen Sie jetzt nach Hause. Ruhen Sie sich aus. Das wird schon wieder.

Mit diesen Worten wurde Benedikt entlassen und gewassert, wieder den Strom entlang – den Hirschengraben hinunter.

Vor dem Badezimmerspiegel, nachdem er sich die Kuchenreste aus den Bartstoppeln gebürstet hatte, träufelte er sich die Salzlösung, zu deren Anschaffung er sich in der Apotheke hatte überreden lassen, in die Augenaussenwinkel, und siehe da: die Rötung verschwand, das Klappen und Klimpern der Deckel verlief widerstandslos und was er zu erkennen vermochte, war ums andere wieder: was tatsächlich war. Auch war die Lösung von recht würzigen Geschmack. Sie nährte ihn und gab ihm neue Kraft.

Nach einem kleinen Schläfchen und einem dicken Espresso setzte sich Benedikt an seinen Arbeitstisch und bilanzierte. Anna hatte er nicht gefunden, auch wenn er unkonventionellste, wenngleich die einzigen, ihm zur Verfügung stehenden Suchstrategien angewendet haben mag. Noch nicht. Aber er spürte, er war auf dem richtigen Weg. Hatte zumindest eine Möglichkeit gefunden, Herr über das Vorhandene zu werden. Mit fünf prallen Schuhkartons machte er es sich auf dem abgewetzten Parkett bequem, entdeckelte diese und begann gemächlich: zu sichten, zu ordnen und zusammen zu stellen. Liess einzelne Teile, die sich nicht fügen wollten, einzelne Teile sein, tat dies und arbeitete mit weit aufgerissenen Augen, solange, bis seine Organe um weitere Nährsalzlösung bettelten, dann wieder von vorne und aufs Neue und noch einmal. Er kam langsam voran. Etwas wuchs. Etwas verzahnte sich.

Tiere in Notwehr

Materialien zu einer noch zu schreibenden, gleichnamigen Gedichtserie.

BEZIRK BRAUNAU 09.08.2007

Eine 45-jährige Hausfrau ist beim Schwimmen im Badesee Wildenau von einem “unbekannten Fisch” am Dienstag beim Schwimmen im Badesee Wildenau attackiert worden.  Dabei war die Hausfrau nur ruhig im Wasser gestanden.

Bis sie plötzlich einen brennenden Schmerz in der Kniekehle spürte. Bei der momentan recht warmen Wassertemperatur und der ständigen Störung durch die Badegäste könne es schon passieren, dass die großen Fische aggressiv werden.

Die 45-Jährige musste ihre Bisswunde von einem Arzt behandeln lassen.

Weiter Meldungen

– In Wilhering im Bezirk Linz-Land ist Mittwochvormittag ein 17-jähriges Mädchen, das auf einem Rad saß, von einem Hund in einen Unterschenkel gebissen worden.

– Eine Kuh hat am Mittwoch in Michaelenbach im Bezirk Grieskirchen eine Bäuerin attackiert. Die 58-jährige Pensionistin prallte bei dem Angriff gegen eine Stalltür und verletzte sich schwer.

– Die Attacke des Feldhasen auf eine Frau in Linz ist derzeit das Gesprächsthema. Es ist nicht der erste Fall, in dem Tiere in unserem Bundesland tagelang die Schlagzeilen der Medien beherrschen.

aus den ORF-News aus Oberösterreich.