taberna kritika

Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit / A3S1(1)

(D19)

Akt 3, Szene 1

Licht in R1 und R2. Notlicht in R3. In R1 und R2 werden gerade von Technikern Videokameras und Mikrophone neben den Lautsprechern montiert. In R1 wird im folgenden diese Massnahme von Käs, Sachwitz und Flitz diskutiert. Man spricht in gedämpftem Ton.

R1

SACHWITZ: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Das ist doch bestimmt gegen alle Vorschriften.

KÄS: Vorschriften? Sind Sie da sicher? Wer hat denn da noch die Übersicht? Alles verteilt. Alles verstreut. Hier ist eine (weisst auf einen Zettel). Und da (weisst auf einen anderen Zettel). In meinem Posteingang: Zehn neue Mitteilungen, allein in den letzten drei Stunden. Ich habe sie noch gar nicht geöffnet.

SACHWITZ: Vergessen wir nicht die (räuspert sich) mündlichen Anweisungen.

FLITZ: Ich gebe zu, die Ankündigung dieser Massnahme ist mir wohl auch entgangen, aber …

SACHWITZ: Ganz zu schweigen von den ständig wechselnden und sich aufhebenden Direktiven im Intranet.

KÄS: Der Server ist gerade down. Wartungsarbeiten, heisst es.

SACHWITZ: Die Aushänge.

FLITZ: Es ist natürlich nicht ganz einfach in so einer Übergangszeit alles und für jeden transparent zu machen. Aber das wichtigste …

SACHWITZ: Das einzige, was hier transparent wird, sind doch wohl wir. Wozu? Wozu sonst soll das gut sein.

FLITZ: Sicherheit! Sie haben ja selbst gesehen, was passieren kann.

SACHWITZ: Kann! Und gesehen habe ich gar nichts. Und?

FLITZ: Ich habe Kinder. Ich will in einem sicheren Umfeld arbeiten. Und nicht nur das. Es dient ja auch einer effizienteren Kommunikation.

KÄS: Das müssen Sie mir mal erklären.

FLITZ: Punktgenau. Man muss ja nicht immer alles an alle. Es wird, wie Sie ja selbst sagen, einfach zu viel.

SACHWITZ: Und eine Raumüberwachung ist da die Lösung?

FLITZ: Eine Lösung. Ein Teil einer Lösungsstrategie. Ich für meinen Teil …

WERBETRAILER: Wir können Ihnen auch in Zukunft sicher weiterhelfen. Fragen Sie uns. Wir sind Ihre Bibliothek.

SACHWITZ: Ach!

KÄS: Ich würde speziell darüber gerne etwas mehr erfahren. (Zu Flitz) Es ist doch auch Ihre Aufgabe …

FLITZ: Naja. Gut. Ich gehe mal nachsehen …

Flitz geht ab nach R2. Im selben Moment geht Fröhlich, die bis eben an einer Mitteilungstafel Papiere ausgetauscht hat, ab nach R3. Flitz bleibt vor der Mitteilungstafel stehen und beginnt diese zu studieren. Fröhlich macht das Licht in R3 an. Man sieht Dr. Weber, über einen neuen Monitor gebeugt und an diesem Einstellungen vornehmend.

WEBER: Ah, ja. da sind Sie ja. Könnten Sie mir vielleicht kurz mal behilflich sein? (Man vernimmt ein Knirschen aus den Monitorboxen)

FRÖHLICH (leicht erschrocken): Gerne, ja. Aber soll ich nicht vielleicht doch noch kurz die Mitteilung an das Personal, wie von Ihnen …

WEBER (ganz in die Technik vertieft):  Aber ja. Machen Sie. Machen Sie nur. (Fröhlich geht ans Mikrophon).

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 2025.

FRÖHLICH: Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, wird in Ihren Räumlichkeiten eine kleine Anlage installiert, die in Zukunft einen Beitrag zum neuen Betriebssicherheitskonzept leisten soll. Diese Massnahme wurde von der Direktion …

Privatsachen

(B33 zu M33)

Ebenso wie der Mensch, der als öffentliche und private Person wahrzunehmen ist, ergeht es dem Buch samt seiner Bestandteile, die als private oder öffentliche Personen wahrzunehmen sind. Er liest, wenn er liest, denn Zeit hat er nicht mehr viel: Wie angeraten nun nicht mehr das äussere, offensichtliche eines aus jenem ragenden Gerüst und seines Umfelds, sondern will sich dem Herzen zuwenden, dem, was ihn so als wahrer Wahrheit, als Innerlichkeit der Zeichen angeraten wurde. Denn das sei nichts weniger als die Summe seiner Teile und noch mehr: ein Ganzes, das sich in ihm zu verdoppeln imstande sehen konnte, wie er glaubt.

Etwas, das vielleicht, auch daran will er glauben, seinen zeitlichen Anteil am Hier verlängern mag. Schlägt er also ein Buch auf und die Zeilen gleiten geräuschlos durch ihn hindurch, kühlen ihn ein wenig, fühlt er sich frischer, lebendiger und in der Tat: verlangsamt sich auch der Schritt der Sekundenzeiger. Fast drängt es ihn, dem ihn Durchströmenden hinterher zu eilen, damit er noch mehr von seiner Qualität profitiere. Doch dann lässt er es bleiben, aus Angst vor der Scham ihm vorzuwerfender Schamlosigkeit vor dem Herrn. Denn dieses liegt ganz sicher nicht in seiner, sondern seiner Hand.

Wo ich wohne

(A05 zu E10)

Viceversa, lieber Benedikt, sind wir Suchende und Dichtende gleichermassen. Ist unser Suchen Dichten und unsere Bewegung durchs Material eine poetische. Leben wir so in Halbtagsstellen und Stellungen. Darum bin ich Dichterin geworden und Du Rechercheur. Bin ich Sucherin geworden, denn Du hast von mir gelesen, vor langer Zeit schon. Ein Nebenprodukt, nur. Etwas Ungeschliffenes, noch in Schlacken Befangenes. Ab- und Beifall eines anderen. Nichts, was überzubewerten wäre, es lag am Rande einer staubigen Strasse. Beinahe löst es sich auf, heisst es: es verschwindet. Bei Deinem Zugriff: in sich. Taucht wieder auf in Dir. Stirbt wieder. Ich habe es genossen, Dich zu treffen. Dass wir uns treffen konnten, auch wenn Du nur Teile von mir zu Gesicht bekommen hast. Mein Malheur. Ich kann nicht immer gleichzeitig an einem Ort sein. Wie Du. Das musst Du entschuldigen und akzeptieren. Vielleicht. Vielleicht wirst Du das nachvollziehen können, wenn es Dir ebenso ergangen ist. Wenn Du Dich umfänglich darauf eingelassen hast. Wenn Du bist und es Dich gibt. Meine Seitenleiste. Navigierbar und mit einem Impressum, das keine Fragen offen lässt.

Ich möchte Dir meinen Glückwunsch aussprechen. Was Du über den Weltspiegel gedacht hast, war ein bemerkenswertes Gebilde. Deine Idee um die Gemachtheit des Grossenganzen … nicht neu, aber in dieser Form: Deine Form. Eine bewundernswerte Leistung. Bist und bleibst auf dem richtigen Weg, sage ich Dir noch einmal. Gehen wir weiter diese Richtung. Bedenken wir: Die Gleichzeitigkeiten. Die Ungleichzeitigkeiten und ihre Abstimmungen. Du kannst mich an vielen Stellen ergänzen.

Bevor ich es vergesse: Du hast versucht Dir vorzustellen, wie es bei mir aussieht. Wie und wo ich lebe. Und ich war bis heute um eine Antwort verlegen. Habe Dich vertröstet, nicht weil ich mich darüber schämte, über den einfachen Ort, oder die Lächerlichkeit seines Namens, seiner Adresse. Der Grund meiner Verweigerung darüber Auskunft zu geben, war, dass egal, was sich darüber sagen liesse, egal wie ich diese Gegend zu beschreiben versuchte, es nicht und niemals übereingekommen wäre, mit dem, was da ist. Im Grunde war es meine Furcht, die Möglichkeit eines Dachs oder einer Wand zu einem Dach oder einer Wand zu erklären. Eine Nasszelle zu behaupten, wo das Wasser aus den Fugen geriet. Einen Gang zu beschwören, der sich selbst im Fluss befand. Hier fehlen die Worte, wo kein Auge ist. Aber ich will Dir versprechen: Du wirst mich einmal besuchen und Dir ein Bild machen. Ich schenke es Dir schon heute, wenn Du willst. Und: Denke ich das Zuhause, friert mich ein wenig, und die Heizkörper biegen sich, die Röhre, der kleine Kamin und das Öfchen. Bald brauche ich wieder Holz und Kohle. Für den Herbst oder die kalten Tage des Jahres. Hilfst Du mir Holz und Reisig sammeln. Scheitespalten, wenn es Zeit ist?

Deine A.

Keep this frequency clear / A2S3(3)

(D18)

R1

Käs und Sachwitz sitzen nun jeweils an einem Computer und nehmen unaufhörlich Telefonate entgegen. Beschwerden. Vertröstungen. Weiterleitungen.

KÄS: Ja, wir suchen gerade danach. Wir melden uns.

SACHWITZ: Vermisst heisst vermisst. Da kann ich leider auch nichts machen. Sie könnten vielleicht einen Antrag zur Neuanschaffung stellen, aber ehrlich gesagt …

KÄS: Im Moment nicht. Da gibt es offensichtlich ein kleines Netzwerkproblemchen. Ich verbinde Sie mit dem Administrator.

SACHWITZ: Die wurden aus Kostengründen abbestellt. Nein. Aber selbstverständlich können Sie die Zeitschriften online einsehen. Wir haben da nur gerade in kleines Problem mit dem Server.

KÄS: Das tut mir leid. Ich komme da telefonisch gerade nicht durch. Ich bin aber gerade dabei eine E-Mail zu verfassen, in der die …

SACHWITZ: Die Bücher aus O2? O2 hat noch Bücher? Dafür sind wir leider nicht zuständig. Bitte versuchen Sie es doch einmal bei den Kollegen in der D&A.

KÄS: Nein. Nein. Nein.

SACHWITZ: Nicht jetzt, Mama, ich …

Aus R3 (dunkel) in R1/R2

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 1914.

BAUER (hektisch, schwer atmend): Verrückt. Alle verrückt geworden. Aufwachen, hallo! Seht ihr denn nicht, was da vor sich geht? Seid ihr noch alle da? Die Bündelungen? Hä? Ich bin in der Projektbereichsgruppe 2. Ich habe Dinge gehört und gesehen. Wacht endlich auf. Sie sind hinter euch her!

Weber in R2 ist entsetzt. Flitz, Flugs, Käs, Sachwitz etc. sind überrascht. Weber will nach R3, doch die Türe ist verriegelt.

WEBER: Das ist ja wohl die Höhe! Bauer! Machen Sie da sofort auf. (Trommelt gegen die Türe). Bauer. Machen Sie sich doch nicht unglücklich. Bauer! Kommen Sie zur Vernunft. Ich sage das jetzt zum letzten Mal.

BAUER: Die Überführung. Luft. Alles Luft. Einfach Luft. Ich bin Luft. Ihr seid alle Luft. (Man hört nun Getrampel und andere Einsatz- bzw. Kampfgeräusche in R3). 404. Ich … (Man hört einen dumpfen Schlag und ein Ächzen).

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

Weber kann nun in R3 eintreten.

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 1915.

WEBER: Ähem. Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich möchte mich ausserordentlich für diesen kleinen Zwischenfall entschuldigen. Es handelte sich dabei offensichtlich um eine Frequenzstörung. Die Durchsage ist für uns also nicht weiter von Belang. Ich möchte aber diese Gelegenheit nutzen, Sie alle auf unser neues Leitsystem aufmerksam zu machen. Die Montage ist fast abgeschlossen und kann von Ihnen allen nun begutachtet werden. Zu allfälligen neuen Sicherheitsmassnahmen, die auch in diesem Rahmen umgesetzt werden, informieren wir Sie genauer zu gegebener Zeit. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

Kurzes Blackout, dann hellblaues Licht in R3. Die Szene wird von elektronischer Musik überlagert (NN). Weber, Maurer und Neumann, nun in militärischer Montur, ihnen gegenüber (von hinten zu sehen) der nach Guantanamo Art gefesselte und kniende Theo Bauer. Aus dem Lautsprecher – so erahnt man – liest Dr. Jäger die Anklagepunkte vor. Sabotage, Spionage etc. Bauer wird noch gefragt, ob er etwas zu seiner Verteidigung sagen möchte. Nachdem er das verneint, wird er von Maurer/Neumann abgeführt.

Dann wieder vollständiges Blackout.