taberna kritika

Tracks & traces

(A04 zu E08)

Mein Freund,

dass wir uns getroffen haben, grenzt an ein Wunder. Dass sich unsere Spuren weiterhin decken, ist noch wunderbarer. Ich weiss, wie Du es gewohnt bist, die Dinge in die Hand zu nehmen. Und diese zu verfolgen. Extensiv. Intensiv. Bis zur Selbstaufgabe. Bis zur völligen Erschöpfung. Dass wir dabei immer wieder aneinander geraten, ist ein Zeichen, denke ich. Ist mehr als nur blosser Zufall. Random function. Und: bei all der Menge, die sich angesammelt hat: Random function. So viele Bücher durchkreuzt zu haben und eine schier endlose Menge weiter bewältigen zu wollen. Zu müssen. Wer behält da noch die Übersicht? Absurd, diese nebeneinander stellen zu wollen, nach einem Schema, Thema oder Rhema. Absurd, nicht von allen die Rücken abreissen zu wollen. Sie begreifen sich gegeneinander und wollen sich abgrenzen. Und sind doch aus einem Guss. Man müsste sie ineinander stellen können. Sie miteinander verschmelzen und den Brei in grossen Kellen ausgeben. Die Armenküche. Die hungrigen Mägen und trockenen, gierigen Schläuche.

Es tut mir leid, dass ich etwas ausgelöst habe, was ich nicht auslösen wollte. Ich hoffe, ich habe Dich nicht in Schwierigkeiten gebracht. Es tut mir leid, dass es mir leid tut. Sicher gehört es nämlich dazu, das Leid, Dein Leid, mein LeidandeinemLeid.

Ist es ein Parallelweg, der mit einem Bein nachgezogen wird, während das andere versucht in der Spur zu bleiben? Nun. Du hast eine Spur gefunden und das gefällt mir. Und was wir am Morgen tun werden, nachdem das Verdaute der Armen, oder Halbverweste und Ausgespieene in den kleinen Gassen der Stadt liegt? Was kümmert uns heute der Morgen?, frage ich Dich. Oder hast Du etwa Angst? Ein wenig davon ist notwendig, wie Du vielleicht weisst, um es in Gang zu setzen. Nicht? Ein kleines Risiko. Der Schmerz der immeroffenen Augen. Der Verlust des einen oder anderen Bildes. Der Durst. Der Schwindel und der Argwohn der anderen. Was ist das schon gegen jenes? Jenes, das unseren Namen tragen wird. Sag. Wie würdest Du es denn nennen? Hast Du Dir darüber schon den Kopf zerbrochen? Fragt Dich

A.

Wolfi, komm!

Monolog eines Hundebesitzers

Hochsensible Staatssysteme

unterm Terroristenjoch,

ringsum ausnahmslos Extreme.

– Wolfi, komm! – Da braucht man doch

einen, der dazu geboren,

zerberusgleich – Komm jetzt, Hund! –

vor verbotner Welten Toren

unheimlichem Höllenschlund

alle Falschen aufzuhalten.

Jeder, den sein Bannstrahl traf,

musste leider bald erkalten,

wenn er wachte. – Wolfi, brav! –

Der das Reich bewahrt vor Nöten.

Jeder, der da Arges plant,

wurd durch zielgenaues Töten

zuverlässig abgemahnt.

Einen scharfgemachten Schocker,

dass es kläfft, wenn jemand kommt,

– Wolfi, los, bring schnell den Stock her! –

folgsam, eilfertig und prompt.

Einen, der gern im Getümmel

giftig, laut und lästig keift,

dass ihn Bundesherrchen – Lümmel! –

erst einmal nach Hause pfeift.

So einer sieht nach dem Rechten,

und dann macht er, huschhuschhusch,

allem Schlimmen, allem Schlechten

schnell den Garaus. – Wolfi, kusch!

taz > (GROa)

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(D17)

R3

WEBER: Wir brauchen da eine differenzierte Optik.

FLITZ: Es ist ein bewegtes, ein spannendes aber auch anstrengendes Jahr.

FLUGS: Es ist vor allem eine grosse Herausforderung. Es sind viele Chancen gegeben.

WEBER: Wir arbeiten an einem Fundament für die mittel- und langfristige Entwicklung dieser Bibliothek.

FLITZ: Vielerorts sind vorerst Kompromisse notwendig. Diese dürfen sich wiederum nicht negativ auf Arbeitsqualität und Kundenservice auswirken.

FLUGS: Künftige Abläufe und Zuständigkeiten sind zu klären. Rahmenvorgaben sind zu entwerfen.

WEBER: Die Arbeiten sind zunächst auf zwei Bereiche zu konzentrieren. Auf der rechtlichen Ebene gilt es die vertraglichen Voraussetzungen zu erfüllen.

FLITZ: Weitere Vertragsverhandlungen sind zu führen.

WERBETRAILER: Wir erschliessen für Sie neue Welten. Wir machen uns fit für Ihre Zukunft. Wir sind Ihre Bibliothek.

FLUGS: Von den Ergebnissen dieser Vertragsverhandlungen abhängig sind auch die operativen Umsetzungsschritte zur Überführung …

WEBER: Dieses Unternehmens in ein neues Zeitalter.

FLITZ: Zeitalter?

FLUGS: Ins Medienzeitalter.

FLITZ: Medienzeitalter?

FLUGS: In die Virtualität.

WEBER: In die absolute Virtualität.

FLITZ: Was soll das heissen? Absolute Virtualität?

FLUGS: Das ist doch nur eine Metapher. Ein Bild einer Idealform. Ein …

WEBER: Ein Fernziel. Aber kein unerreichbares. (Räuspert sich). Dr. Jäger und ich arbeiten da schon länger an einem kleinen Konzeptpapier. Es entwickelt sich. Doch dazu mehr an unserem nächsten Synthesetag.

FLITZ: Und zweitens?

FLUGS: Zweitens?

FLITZ: Na der zweite Bereich, auf den wir uns konzentrieren müssen.

WEBER: Richtig. Der gesamte Bibliotheksbetrieb muss während und nach der Reorganisation reibungslos weiterlaufen. Um das sicherstellen zu können, installieren wir heute, wie angekündigt, ein neues Kunden- und Mitarbeiterleitsystem. Ich bitte Sie, mir doch kurz zu folgen, um die gerade ausgeführten Arbeiten zu inspizieren.

Weber, Flitz und Flugs gehen ab nach R2. Weber löscht das Licht in R3 komplett. Dort nun absolute Dunkelheit.

R2

FLITZ (staunend): Ahh. Ah so.

FLUGS (eher verunsichert): Aha. Ja.

WEBER (weisst auf verschiedene Pfeile und Beschriftungen): Das System ist natürlich weitgehend selbsterklärend. Da braucht man gar nicht viel dazu sagen.

FLITZ (immer noch staunend): Aha ja. Sehr gut.

FLUGS: Ja, das ist …

WEBER: Ausgetüftelt. Bis auf den letzten Haken. Man hat da nichts dem Zufall überlassen. Die Zeichen. Und erst die Farben. Und das alles in der neuen Gestaltung, man könnte fasst von einer neuen, ja gemeinsamen Handschrift sprechen, die …

WERBETRAILER: Bitte beachten Sie auch unser neues Orientierungssystem. So finden Sie sich noch schneller zurecht in Ihrer Bibliothek.

Teilverbrennungen*

(B31 zu M31)

»Nein, Herr Pfarrer«, entgegnete der Barbier, »denn ich habe auch sagen hören, es sei das beste aller Bücher, die in dieser Art verfaßt worden, und so muß ihm, als einzig in seiner Kunstgattung, Gnade zuteil werden.«»Weiter!« sprach der Pfarrer.

»Wer ist jenes Stückfaß?« fragte der Pfarrer.

»Es ist dies«, antwortete der Barbier, »Don Olivante de Laura.« »Ist der Herr Florismarte da?« entgegnete der Pfarrer.

»Mir recht, Herr Pfarrer«, antwortete sie und vollstreckte mit vielen Freuden, was ihr aufgetragen worden.

»Wohl kenn ich Seine Gnaden«, sagte der Pfarrer.

»Dem stimme ich bei«, sagte der Barbier. »Helf mir Gott!« sprach der Pfarrer mit lautem Aufschrei. Ich sag Euch in Wahrheit, Herr Gevatter, daß es in seiner Art das beste Buch der Welt ist.

*Word > Extras > AutoZusammenfassen … > Neues Dokument erstellen, welches die Zusammenfassung enthält > Länge der Zusammenfassung: 4% (= 10 Sätze bei 122 Wörtern. Originaldokument: 2816 Wörter in 91 Sätzen) von Miguel de Cervantes Saavedra, Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha – Erstes Buch 6. Kapitel: Von der heiteren und gründlichen Untersuchung, welche der Pfarrer und der Barbier in der Bücherei unsres sinnreichen Junkers anstellten.

O.T. (Fussnoten)

1. Ausgangspunkte

Nietzsche, Friedrich. Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten (1871/72). Leipzig: Alfred Kröner Verlag 1925.

„Für die ruhigen Leser ist das Buch bestimmt, für Menschen, welche noch nicht in die schwindelnde Hast unseres rollenden Zeitalters hineingerissen sind und noch nicht ein götzendienerisches Vergnügen daran empfinden, wenn sie sich unter seine Räder werfen, für Menschen also, die noch nicht den Werth jedes Dinges nach der Zeitersparnis oder Zeitversäumnis abzuschätzen sich gewöhnt haben. (…) Ein solcher Mensch hat noch nicht verlernt zu denken, während er liest, er versteht noch das Geheimnis, zwischen den Zeilen zu lesen, ja er ist so verschwenderisch geartet, dass er gar noch über das Gelesene nachdenkt – vielleicht lange nachdem er das Buch aus den Händen gelegt hat. Und zwar nicht, um eine Recension oder wieder ein Buch zu schreiben, sondern nur so, um nachzudenken!  Leichtsinniger Verschwender!“ (S. 6f)

Bourdieu, Pierre. Ein soziologischer Selbstversuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2002.

„Verstehen heisst zunächst das Feld zu verstehen, mit dem und gegen das man sich entwickelt.“

1.1 Die Bologna-Reform…

Lenhard 1984, zitiert in: Lamprecht, Markus; Stamm, Hanspeter. Soziale Ungleichheit im Bildungswesen. Bern: Bundesamt für Statistik 1996.

„Die Auseinandersetzung darüber, welches Wissen, welche Kenntnisse und Fertigkeiten wie vermittelt, verteilt und bewertet werden sollen und welche Selektionsschranken und Auswahlkriterien dabei zur Anwendung kommen, gehört zu den zentralen Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Macht.“ (S. 14)

1.2 … und ihre Folgen

Oelkers, Jürgen. „Bildung“: Magie des Wortes und Nutzen der Sache. Vortrag am 22. April 2004 in der Universität Zürich. (link)

„Statt von Bildung wird heute von Qualifikation gesprochen, die mit einem bestimmten Nutzen verbunden sein soll. (…) Qualifikation (…), einhergehend mit „Kompetenz“, erscheinen als die handfesten und erreichbaren Grössen. Die neue Gleichung lautet etwa so: Qualifizierung reagiert auf sichtbaren Bedarf und führt zu Kompetenzen, die sich zeitlich kontrolliert erwerben lassen. (…) Bildung, was immer sie sein mag, ist nicht in Form eines Just-in-Time-Lernens zu erwerben. Und: sie ist kein Baukasten.“ (S. 2)

Pongratz, Ludwig. Ökonomisierung der Bildung. Eine Packungsbeilage zu Risiken und Nebenwirkungen. In: Funk, Rainer u.a. (Hg.). Erich Fromm heute. Zur Aktualität seines Denkens. München: dtv 2000, S. 121-137.

„’Schlüsselqualifikationen’ sollen, so die Idee, ein weites Spektrum von unterschiedlichen Aufgabenfeldern gleichsam mit einem ‚General-Schlüssel’ aufschliessen. Sie sollen (wie im Märchen vom Tapferen Schneiderlein) dazu verhelfen, Sieben auf einen Streich zu erlegen. Dazu aber dürfen diese Qualifikationen nicht inhaltsspezifisch, sondern müssen formal-abstrakt konzipiert sein. (…) Zielte Bildung einstmals aufs Subjekt, genauer: auf die selbsttätige, kritische Aneignung seiner Lebensumstände, so löst der Qualifizierungsbegriff diesen Zusammenhang ausdrücklich auf: Denn die angeeigneten Qualifikationen „verfallen immer rascher, sie werden – Südfrüchten ähnlich – zur Ware, die relativ leicht verdirbt“ (K.A. Geissler, 1992, S. 67). In den Qualifikationsbegriff sind die Verfallszeiten schon eingebaut. Sein Erfolg, so liesse sich paradox formulieren, ist seine Substanzlosigkeit.  Bildungsträger lassen keine Zweifel daran, dass Bildung keine freie Entscheidung eines sich frei wähnenden Individuums mehr ist, sondern nur zum notwendigen Zwang wird. Wer sich diesem Druck nicht beugt, befindet sich von vornherein auf der Seite der Rationalisierungsverlierer.“ (S. 123f)

„Bedeutung erlangen dabei nur noch diejenigen Eigenschaften, die sich leichtgängig vermarkten (und überprüfen bzw. kontrollieren, Anm. S.D.R.) lassen.“ (S. 125)

1.3 Leitgedanken, ergänzend zu OCLAM (Outcomes, Credits, Lernende, Assessments, Methoden)

Bourdieu, Pierre. Plädoyer für eine rationale Hochschuldidaktik. In: ders. Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung, Schule und Politik. Hamburg: VSA-Verlag 2001, S. 144-152.

„(…) in einem System, dessen Funktion darin besteht, ausgelesene und miteinander vergleichbare Studenten zu produzieren, ist das Ausleseverfahren, das bei vollkommen formaler Gleichheit nur die am Examenserfolg gemessenen Leistungen berücksichtigt, indem es grundlegend ungleiche Kandidaten gleichen Prüfungen und gleichen Kriterien unterwirft und dadurch der wahren Gerechtigkeit widerspricht, trotzdem das einzig angemessene Verfahren. Die Logik dieses Systems schliesst jedoch keineswegs den Versuch aus, die Berücksichtigung der tatsächlichen Ungleichheit in die Lehre selbst einzubeziehen.“ (S. 146f)

Bourdieu, Pierre; Wacquant, Loïc J.D. Reflexive Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1996.

„Eine wissenschaftliche Praxis, die es unterlässt, sich selbst in Frage zu stellen, weiss im eigentlichen Sinne nicht, was sie tut.“ (S. 270)